Digitale Bildung, also ein bisschen

Es begann mit Höhenflügen: Voller Enthusiasmus malte ich mir vor etwa vier Jahren ein Bild, in dem jeder Lehrer Twitter, jeder Schüler ein iPad und jeder Normalbürger ein wenig Verständnis für die technischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Konsequenzen der digitalen Revolution haben. Das war einmal. Vom Boden der Tatsachen aus kann man zwar nicht weit, aber dafür genauer schauen.

Foto: Thomas Clemens

Hier ein Einblick, wie ich digitale Medien und Themen in meinem Unterricht einsetze, also ein bisschen.

Smartphones
Man darf, ab etwa der 8. Klasse das Smartphone benutzen, soweit es sinnvoll ist. Sinnvoller Gebrauch ist beispielsweise das Nachschauen von Themen, die über meinen oder den Wissensschatz der Schüler hinausreichen. Das kann das Nachschauen von Vokabeln sein. Das kann aber auch ein Blick in die authentische Lebenswelt anderer Menschen sein.

Dazu ein Beispiel: Ich habe nichts gegen Schulbücher (zumindest nicht gegen alle) und bin auch nicht der Meinung, dass man nun alles digitalisieren müsste (könnte man, ja, dafür bräuchte ich aber, sagen wir, 15.000 €. Wenn ihr die übrig habt, schickt mir eine Mail). Allerdings sind alte Schulbücher in einer sich sehr schnell wandelnden Welt oftmals etwas altbacken, gerade was die Darstellung angeht. Wieso also nicht schauen, ob im sonnigen Kalifornien die Menschen wirklich so herumlaufen, wie beschrieben? Auf Instagram kann man das leicht. Genau so wie man auf Tumblr schauen lassen kann, welches Weltbild Jugendliche haben, die in dem gleichen Alter sind.

Nicht weltbewegend, ja. Aber normal. Das kleine Bisschen digitale Bildung ist in meinem Unterricht der normale Handygebrauch und zwar dort, wo er sinnvoll ist und sich anbietet (und ja, manchmal darf man auch die Hausaufgaben abfotografieren, während ich wichtige Tafelbilder abschreiben lasse. Mit der Hand! Verarbeitung von Informationen und so).

Vorerst letzte #mannequinchallenge des #windeckgymnasium Szene aus einem Roman, in dem die Schüler gegen den willkürlichen Lehrer aufbegehren.

Ein von Windeck-Gymnasium Bühl (@windeckgymnasium) gepostetes Video am

Blogs
Ich nutze Blogs. Das haut jetzt auch keinen aus den Latschen, ich weiß. Aber dies ist ein wichtiger Schritt, denn: Es werden andere Textformen kennengelernt, die sich nicht in das Schema-F der Buchstruktur quetschen lassen. Und es sind Texte, die Leute schreiben, weil sie schreiben wollen, weil sie es können und weil sie etwas bewegt. Schüler wittern nämlich oftmals das gut gemeinte, aber eben nicht gut umgesetzte Verlangen der Verlage, alles so lange zu didaktisieren, dass man die Moral als Bodensatz schon zu Beginn rausschmecken kann.

Ab und zu nutze ich auch meinen eigenen Blog; das mache ich, damit die Schüler herausfinden können, ob ich tatsächlich machen kann, was ich von ihnen erwarte. Und um zu zeigen, dass ein Mensch, den sie kennen, tatsächlich aus Lust schreibt. Und ab und zu lasse ich sie kommentieren, sozusagen in freier Wildbahn.

Und, klar, ab und zu lasse ich sie Blogs schreiben. Natürlich ist da ein wenig Zwang dabei, ansonsten wird es willkürlich. Aber als ich ein durch „Schulzwang“ begonnenes Blogprojekt der verantwortlichen, freiwilligen Weiterarbeit zuführte, waren die Ergebnisse fantastisch. Und alle begeistern würde ich zwar gerne, kann ich aber nicht.
Inhalte
Das wichtigste in meinem Unterricht ist aber weder das Smartphone, noch die Blogs. Es sind die Themen. Digitale Themen sind Gesellschaftspolitik. Es gibt kein entweder oder. Deshalb ist es genau so bescheuert, einen Guide für Internetquellen zu erstellen (denn es gilt für alle Quellen) wie den Hoax oder fake News als Internetphänomen einmal im Jahr zu besprechen (denn Lügen und Manipulation gab es auch schon im Mittelalter).

Es würde zu weit führen, jedes Beispiel meines Geschichts-, Englisch-, oder Deutschunterrichts ich mit digitalen Entwicklungen verbinde. Denn von der Verfassung der DDR (was sagen sie, was meinen sie, was denken sie?) bis hin zur Erörterung (Sascha Lobos Nazikeule, Argumente der besorgten Bürger) versuche ich jederzeit, wenn es möglich ist und sinnvoll scheint, Brücken ins Hier und Jetzt zu schlagen.

Viel geschafft heute in der Medien-AG des #windeckgymnasium Die neuen #windecknews und das #Jahrbuch sind in den Startlöchern.

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Medien-AG
Natürlich bin ich auch stolz auf die Medien-AG und froh darüber, dass ich nun mit Jugendlichen wirklich auch medial gestalten kann. Zu nennen sind dabei vor allem die Youtube-Videos. Auch Social Media Kanäle hat meine Schule mittlerweile und, nicht zu vergessen, eine aktuelle und, wie ich meine, interessante und gut strukturierte Homepage.

Aber, und darum geht es hier: All diese Beispiele zeigen, dass ich
• keine Roboter programmiere (weil ich es nicht kann)
• keine Tablets benutze (weil wir sie nicht haben)
• so gut wie keine Apps benutze (weil sich mir der Nutzen oft nicht erschließt)
• und auch sonst keine riesigen Innovationen in meinem Unterricht einbringe, aber:

Jederzeit versuche, gesellschaftspolitische Themen, das digitale umfassen, in meinen Unterricht einzubringen. Das ist nicht mehr so innovativ, so schön technisch, so mitreißend, wie ich mir das mal vorgestellt hatte. Aber es ist digitale Bildung. Also ein bisschen.

Das ist dann wohl offiziell die erste Meme mit einem Lehrer. 🤓 Danke an MK!

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P.S. Bevor ich es vergesse: Ich mache natürlich auch YouTube-Videos. Die sind aber nicht teil eines genialen Konzeptes, sondern sollen die Schüler lediglich unterstützen und mich entlasten, so dass ich grundlegende Dinge nicht tausendfach wiederholen muss. Also quasi Flipped Classroom, aber, ihr werdet es euch denken, ein bisschen.

 

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4 Kommentare zu Digitale Bildung, also ein bisschen

  1. Danke für diesen Bericht – auch über den Prozess der Ernüchterung. Ich denke nicht, dass es es »riesige Innovationen« braucht, sondern Handwerk, Engagement, Offenheit, Reflexion. Das scheint alles vorhanden zu sein, das nehmen die Schülerinnen und Schüler mit. Wenn sie in der Praxis agieren, echtes Feedback bekommen und Raum haben, Dinge auszuprobieren, bleibt vieles hängen.
    Gleichwohl verstehe ich deine Enttäuschung – die ich mehr dem Ton des Beitrags entnehme als dem Inhalt – nicht ganz. [Du siehst: Ich würde deinem Schlüssel zum Gedicht widersprechen, ich stehe da mehr auf der Seite von Walter Benjamin: Der Strumpf ist Tasche und Mitgebrachtes »zugleich«. Ohne Form gibt es keinen Inhalt, also kann der Inhalt auch nicht vorher kommen. Dein Youtube-Video wäre was völlig anderes, wenn du die drei Hauptaussagen in einem Blogpost kurz darlegen würdest. Aber ich verstehe schon, was du den Schüler*innen mitteilen willst.]
    Oder vielleicht doch: Meine Vermutung wäre, dass die Enttäuschung darin besteht, dass nicht mehr geht, dass viel Arbeit aufgewendet wird, die zwar im Kleinen Resultate zeigt, aber nicht im Großen wahrgenommen wird. Oder täusche ich mich?

    • Bob Blume sagt:

      Lieber Philippe. Danke für deinen Kommentar und vielen Dank für den Zuspruch. In der Tat sehe ich auch, dass der Lernerfolg mithilfe dieser Elemente erfolgt.
      Wenn ich ganz ehrlich bin, musste ich meinen eigenen Beitrag nochmals lesen, um auf die Enttäuschung zu kommen, die du herausliest. In der Tat scheine ich die Polemik nicht aus meinen Beiträgen zu bekommen. Daran muss ich arbeiten. Ich glaube, das, was daraus erscheint, ist der Versuch meinerseits, mein unterrichtliches Handeln zu legitimieren, ohne mit einem wirklichen Leuchtturm glänzen zu können. Was die Wahrnehmung angeht, hast du (nach meiner Wahrnehmung) nicht ganz Recht. Ich denke, nach dem großen Enthusiasmus am Anfang und einer Verkehrung ins Gegenteil habe ich meinen Platz im Netz gefunden. Aufmerksamkeit ist schön und gut, aber nur, wenn mehr dahinter steht als Impulse und Überlegungen. Und mehr habe ich nicht zu bieten (also ohne Bitterkeit, sondern nüchtern betrachtet).
      Das dritte ist inhaltlicher Natur: Ich bin in meiner eigenen Interpretationsarbeit, sofern ich die Muße und die Zeit habe, auch bei Benjamin. Das Video soll ein Konstrukt transportieren, mit dem ich gute Erfahrung gemacht habe. Oftmals ging die Beobachtung der Schüler nämlich nicht von einer Ganzheitlichkeit, sondern von der Form aus. Dann zu fragen: Warum ist da ein Reim, ohne den Inhalt zu kennen, führt zu Schwierigkeiten.

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