UNTERRICHT: Interpretation: Das Bild der Schlacht am Isonzo

„Niemand denkt von sich selbst, dass er ein schlechter Mensch sei“ (Film: We are your friends, Max Joseph, 2015). Was wir denken und vor allem, wie wir etwas wahrnehmen, hängt davon ab, aus welcher Perspektive wir das Geschehen betrachten.

In der 1972 von Günter Kunert verfassten Parabel „Das Bild der Schlacht am Isonzo“ wird thematisiert, wie sehr sich die Wahrnehmung von Person zu Person unterscheidet, welche Rolle die Perspektive dabei spielt und wie schmal der Grat zwischen objektiver und subjektiver Wahrnehmung ist.

Die Parabel lässt sich grob in zwei Sinnesabschnitte unterteilen. Von Zeile 1 bis Zeile 8 wird ein Bild eines Malers beschrieben, welches die Schlacht vom Isonzo darstellt, so wie er sie erlebt hat. Im zweiten Abschnitte (Z. 9-17) kommt ein Besucher in das Atelier des Malers und erschreckt vor diesem Bild. Er behauptet, das Bild wäre fälschlich und kauft anschließend nur ein kleines Detail des Bildes, welches eine trommelnde Gestalt ist.

Schon durch den Beginn in medias res wird man augenblicklich auf die Seite des Leidtragenden gezogen, da man zunächst seine Auffassung „der Schlacht von Isonzo“ (Überschrift) geschildert bekommt. Man erlebt die Beschreibung des Bildes als Analepse und bekommt somit den Eindruck, dass das „Dargestellte“ (Z. 2) den „Maler“ (Z.1) noch immer verfolgt.

Man weiß schon ab dem ersten Satz, dass es sich hierbei um die Auffassung, speziell des „Malers“ (Z.1) handelt, denn man kann etwas darstellen, wie man es möchte und wie es für einen selbst am passendsten ist.

Auch durch die Bildkomposition und die damit verbundene Bildbeschreibung des „Bildes“ (Z.9) deuten darauf hin, dass es sich um die Wahrnehmung des Malers handelt: „Im Vordergrund lagen Sterbende (…)“ (Z.2). Allein durch diesen Satz ist klar, wie er die „Schlacht“ (Z.1) erlebt hat und welche Gefühle das Zurückdenken an diese „Schlacht“ (Z.1) hervorruft. Es wird detailliert beschrieben, wie der Tod ausgesehen haben muss. Dadurch kann man schließen, dass er diese Grausamkeiten bewusst erlebt hat und auch, dass er nie wieder in der Lage sein wird diese zu vergessen.

Die Beschreibung wird zunehmend detaillierter: „(…) Leichen, über die Pferde und Tanks weggegangen (…)“ (Z. 3f). Hier wird zum ersten Mal die andere Seite des Erlebten indirekt erwähnt. Da „Pferde“ (Z.3) nicht für einfache Soldaten bestimmt waren, sondern nur für höher Gestellte wie Offiziere oder Generäle und diese auch bestimmten, wohin die „Pferde und Tanks“ hin „weggege[hen…]“ (Z.3f), wird mit diesen Worten deutlich, dass es der „Befehlsstand[…]“ (Z.6) ist, der skrupellos über „Leichen“ (Z.3) hinweg geht. Damit wird die Wahrnehmung des „Malers“ (Z.1) vom „Befehlsstand […]“ (Z.6)eindeutig als negativ „dargestellt“ (Z.2).

Des Weiteren wird die hier beschriebene Szene vom auktorialen Erzähler ironisch kommentiert, indem er den „blutige[n] Brei“ (Z.4) als „[mit] Knochensplittern [geschmückt]“ (Z.4) bezeichnet. Durch diese unpassende Beschreibung wird die im „Bild“ (Z.9) dargestellte Situation verstärkt grausam gezeigt.

Dass die Wahrnehmung des „Malers“ (Z.1) von Angst geprägt ist, zeigt sich auch durch die Bezeichnung „angstverzerrte (…) Gesichter“ (Z.6). Zuletzt wird der „Hintergrund“ (Z.6) des „Gemäldes“ (Z.1) beschrieben. Dieser steht im Kontrast zum „Vordergrund“ (Z.2) und zeigt somit die Gewichtung der verschiedenen Merkmale aus der Sicht des „Malers“ (Z.1). Im „Hintergrund“ (Z.6) ist der „Befehlsstand“ (Z.6) zu „sehen“, wie er dabei ist „Weiber zu schwängern“ (Z.7), Alkohol zu trinken und Geld zu machen.

Hier werden zwar Dinge angeführt, die für Spaß und Unbeschwertheit stehen, jedoch werden diese durch die negative Ausdrucksweise des auktorialen Erzählers, als widerwertig und abstoßend impliziert. Auch in diesem Satz kommt die Wahrnehmung des „Malers“ (Z.1) deutlich hervor, aber ebenfalls die des auktorialen Erzählers. Der zweite Abschnitt beginnt mit dem Worten: „Dies war das Bild (…)“ (Z.9). Allein durch diesen Satz, weiß man, dass man sich nun auf der anderen Seite der Wahrnehmung befindet, da zum ersten Mal in der Parabel die Rede von einem „Bild“ (Z.9) ist. Und man ein „Bild“ (Z.9) immer aus mehreren Blickwinkeln betrachten kann, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt.

Trotzdem wird auch hier noch einmal klar gemacht, dass das „Gemälde“ (Z.1) der Wahrnehmung des „Malers“ (Z.1) entspricht, da geschrieben wird, „es hing im Atelier des Malers“ (Z.9). Der „alte General“ (Z10) ist nur „ein Besucher“ (Z.9), das heißt, er sieht zwar, wie die Wahrnehmung des „Malers“ (Z.1) ist, versteht und teilt sie aber nicht.

Dass er diese Wahrnehmung nicht teilt, wird mehr als deutlich, als er mit dem Ausruf „das Bild lüge“ (Z.12), das Ganze nicht nur in Frage stellt, sondern komplett verneint. Er sucht jedoch hektisch, schon fast verzweifelt, nach mindestens einem winzigen Detail, das seiner Auffassung „der Schlacht von Isonzo“ (Überschrift) entspricht. Dadurch wird der Gedanke hervorgerufen, dass der „General“ (Z.10) sehr wohl weiß, dass seine Wahrnehmung nicht die einzige ist, die möglich und richtig ist. Er will es allerdings nicht wahrhaben und braucht deshalb umso mehr einen Aspekt, welcher seiner Auffassung entspricht. Der Einfluss des auktorialen Erzählers und dessen Perspektive tritt auch hier wieder unverkennbar in den Vordergrund.

Denn auch, wenn der „General“ (Z.10) sein gesuchtes „Detail“ (Z.15) findet, entdeckt er es „klein“ (Z.14) und „hinter dem zerschmetterten Schädel eines Toten“ (Z.13). Somit ist es eigentlich unmöglich zu leugnen, welche Wahrnehmung hier überwiegt, dennoch beharrt der „General“ (Z.10) auf seinem Standpunkt und verneint alles weitere, was diesem nicht entspricht. Dies wird umso deutlicher, als er dieses eine „Detail“ (Z.15) „aus dem Gemälde schneiden“ (Z.15) lässt und es „kauft“ (z.15). Was dadurch aber auch gezeigt wird, ist die Angst des „Generals“ (Z.10), vor der Wahrnehmung des „Malers“ (Z.1) und dass er weiß, dass sie, anders als er behauptet, existiert. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Handlung.

Der „General“ (Z.10) möchte, dass „zukünftige Generationen“ (Z.16) sich die „Schlacht von Isonzo“ (Überschrift) so vorstellen, wie er sie erlebt hat, bzw. wie er sich wünscht, sie erlebt zu haben. Nämlich als etwas fröhliches, etwas, an dem man Spaß hat und auf das man stolz sein kann. Das erkennt man nicht nur daran, dass er zum „Befehlsstand“ (Z.6) gehört hat, sondern vor allem an dem „Detail“ (Z.15) welches er sich „einrahmen“ (Z.16) lässt. Dieses zeigt eine „trommelnde und singende [Gestalt] mit kühn verschobenem Helm“ (Z.14). Der „General“ (Z.10) hat die „Schlacht“ (Z.17) selbst nicht nur so wahrgenommen, er versucht allerdings seine Auffassung zu trüben und den Teil des Spaßes und der Momente der Unbeschwertheit, welche durch „Kognak“ (Z.7), etc. hervorgerufen wurde, den grausamen Teil überdecken zu lassen.

Was außerdem auffällt, ist, dass das Wort „Bild“ (Z.9) nur im Absatz des „Generals“ (Z.10) auftaucht und damit klar macht, dass die Wahrnehmung des „Malers“ (Z.1) und die des „Generals“ (Z.10) sich nicht entsprechen, zumindest nicht vollständig. Auffällig ist auch, dass viele Handlungen und Aussagen des „Generals“ (Z.10) im Konjunktiv stehen, wodurch zusätzlich verdeutlicht wird, dass der „General“ (Z.10) auch die andere Seite der Wahrnehmung kennt. Es verweist auch auf die Unsicherheit, welche in ihm hervorgerufen wird und im Gegensatz zu der Vorstellung, eines selbstbewussten und mächtigen „Generals“ (Z.10) steht. Der „Maler“ (Z.1) ruft ein standhaftes Bild hervor, was auch daran liegt, dass er nicht die Möglichkeit hat zu hadern, da er nie als handelnde Person auftritt, Zusätzlich wird seine Position gestärkt, idem der auktoriale Erzähler den Leser auf die Seite des „Malers“ (Z.1) zieht. Man könnte sagen, der auktoriale Erzähler manipuliert, durch seine ironische und abwertende Haltung, den Leser.

Ein auffälliges Merkmal der Struktur und des Aufbaus ist, dass der Text genau in zwei Abschnitte unterteilt ist und der „Maler“ (Z.1) die eine „Seite“ einnimmt. Die verschiedenen Sichten auf „die Schlacht“ (Z.1) werden damit unterstützt und hervorgehoben. Zudem wird auch noch die unterschiedliche Haltung der beiden stärker „dargestellt“ (Z.2). Aber das Wichtigste ist, dass durch die Struktur „die Schlacht“ (Z.1) bildlich „dargestellt“ ist. Die eine Seite, die der Soldaten, die der Grausamkeiten und des Tods, die der ungetrübten Wahrnehmung, wird im ersten Absatz beschrieben und vom „Maler“ (Z.1) vertreten. Die zweite Seite, die des „Befehlsstandes“ (Z.6), des vermeintlichen Spaßes und der Verleugnung des Schrecklichen, im zweiten Absatz, wird vertreten vom „General“ (Z.10). Und in der Mitte die schmale Grenze, zwischen der getrübten oder ungetrübten, bzw. objektiven oder subjektiven Wahrnehmung. Oder man sieht den ersten Absatz als das Heer Österreichs und den zweiten Absatz als das Heer Italiens. Der Absatz würde damit den Fluss Isonzo kennzeichnen.

Man kann diese Parabel also nicht nur als Darstellung der verschiedenen Auffassungen einer Schlacht betrachten, denn das wäre zu einfach. Man muss die einzelnen Perspektiven der Wahrnehmung erkennen und wie schnell man von der scheinbar objektiven Wahrnehmung, z.B. der des „Malers“ (Z.1), der auch den Teil erfasst, welcher der General nur sehen möchte, in den subjektiven Teil verfällt. Auch die Überschrift macht das deutlich, indem „die Schlacht von Isonzo“ als „das Bild“ bezeichnet wird. Es wird von vornerein klar gemacht, dass die Art und Position der Betrachtung, ausschlaggebend für die Wahrnehmung des Geschehens ist. Die Ironie dieser Parabel ist, dass sie uns vor Augen führt, wie wir unsere Wahrnehmung trüben oder unsere Wahrnehmung uns und dass es somit eigentlich gar nicht möglich ist, etwas objektiv zu sehen. Denn in der ganzen Erzählung wird die Wahrnehmung des Lesers durch den auktorialen Erzähler, die Anordnung der Absätze und den Ort des Geschehens manipuliert. Während man versucht, die verschiedenen Wahrnehmungen zu erklären und zu deuten, wird man selbst getrübt.

Die metaphorische Ebene der Parabel verweist also darauf, dass wir immer eine subjektive Wahrnehmung haben, da sie abhängig von unserer Perspektive ist und dass wir zwar versuchen können etwas zu leugnen, man aber nie komplett seine Sichtweise auf das Bild ändern kann.

Die Verfasserin, Sarah F., ist im Schuljahr 2916/17 Schülerin der J1. Ihre Arbeit wurde mit einer hohen Punktzahl bewertet. 

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