Agnes von Peter Stamm: Eine ganzheitliche Deutung

Nachdem auf diesem Blog schon einige Interpretationen erschienen sind, die sich mal mit der Interpretation einer Kurzgeschichte, Möglichkeiten der Interpretation von Gedichten oder auch einer Lektüre für die 10. Klasse befassen, soll an dieser Stelle der Roman Agnes von Peter Stamm, der schon seit einigen Jahren Sternchenthema im Abitur ist, in groben Zügen gedeutet werden. Wie immer wird mit einigen grundsätzlichen Anmerkungen begonnen, die genau gelesen werden sollten.

Obwohl zu empfehlen ist, alles in einem Durchgang zu lesen, kann über interne Links auf die verschiedenen Abschnitte zugegriffen werden.

Übersicht

Anmerkungen

Peter Stamms Agnes: Genese und Konsequenz einer krankhaften Beziehung

Kurze Skizze des Beziehungsverlaufs

Eine literarische Selbstdiagnose I

Exkurs I: Textvergleich zwischen dem Erzählbericht des Ich-Erzählers und seiner fiktiven Geschichte über Agnes

Eine Frage der Perspektive

Eine literarische Selbstdiagnose II

Der Ich-Erzähler als defizitäre Pygmalionfigur

Exkurs: Louise als moderne, flache Frauenfigur

Agnes und der Wunsch Anerkennung und Zeitlosigkeit

Der symbolische Überbau in Agnes

Sprache und Stil

Fazit

Und jetzt?

Einleitungen

Anmerkungen

Anmerkung I: Diese Interpretation ist, wie Interpretationen im Allgemeinen, eine besondere Sicht auf den Stoff. Der Autor ist zwar Gymnasiallehrer für das Fach Deutsch, hat also ein Germanistikstudium hinter sich, das mit Staatsexamen beendet wurde, ist aber weder promovierter Doktor noch Professor der Literaturwissenschaft. Das, was hier geschrieben steht, ist also ohne Gewähr und sollte mit Vorsicht genossen werden. Der Vorteil mag sein, dass bei Schwierigkeiten in den Kommentaren nachgefragt werden kann. Das ist bei Lektürehilfen weniger der Fall. Trotzdem ist der hier gewählte Fokus auf den Text immer nachzuprüfen. Bei offenen Fragen sollte vor einer so wichtigen Prüfung wie dem Abitur immer der jeweilige Lehrer hinzugezogen werden.

Anmerkung II: Was dieser Artikel und Lektürehilfen gemein haben, ist, dass sie die eigenständige Arbeit am Roman nicht ersetzen. Was offensichtlich erscheint, ist es ganz und gar nicht. Denn für eine hohe Punktzahl im Abitur, reicht es eben nicht, dass man Interpretationsansätze herunterbeten kann, ganz im Gegenteil: Als Erst- und Zweikorrektor ist es ein Leichtes zu sehen, an welchen Stellen stupide auswendig gelernte Passagen aneinandergereiht werden, anstatt die Interpretation aus dem vorliegenden Textmaterial zu kreieren. Das bedeutet, dass sowohl Lektürehilfen als auch diese vorliegende Interpretation nur Impulse sein können, die letztlich am Text überprüft werden müssen.

Wie man ein Textstück sinnvoll einbettet, kann man am Beispiel von drei Zitaten aus Agnes hier sehen:

Anmerkung III: Um diesen Artikel nicht allzu lang werden zu lassen, wird nur an einigen Stellen auf direkte Seitenzahlen hingewiesen. Des Weiteren kann nicht jeder einzelne Aspekt gedeutet werden, da der Roman gerade durch ein sehr dichtes intertextuelles, metaphorisches und inhaltlich vielschichtiges Geflecht besticht.

Das bedeutet, dass jeder, der mit dieser Interpretation etwas anzufangen gedenkt, den Roman[2] gelesen haben sollte. Außerdem sollte man bei einer Interpretation im Abitur (oder auch innerhalb eines anderen Prüfungsrahmens) darauf achten, dass man nahe am Text bleibt und nicht bloße Behauptungen aneinanderreiht. Eine gute Interpretation geht immer zunächst vom vorliegenden Text aus, deutet ihn, stellt Verbindungen her und geht erst dann in abstrakte Themen über.

Was man bei einer Interpretation auf jeden Fall beachten muss, steht hier. Wie genau man eine Romanstelle einbettet, wird in diesem Video erklärt.

Peter Stamms Agnes: Genese und Konsequenz einer krankhaften Beziehung

Bis auf wenige Ausnahmen[3] sind sich die Rezensionen zu Peter Stamms Erstlingswerk einig darüber, dass es sich um einen „gelungenen Debüt-Roman“[4] handelt. Der Grundtenor der Kritik ist deshalb so positiv, weil man Stamms Roman auf unterschiedlichen Ebenen lesen und deuten kann. Eröffnet der Text zunächst den intimen Zugang zu einer vermeintlichen Liebesgeschichte, die vor dem Hintergrund einer nicht fassbaren hintergründigen Bedrohung erwächst, entwickelt sich ein Textgeflecht, das zahlreiche Chiffren, Motive und Metaphern beinhaltet, die auf das Geschehen zurückwirken. Ist man als Leser zunächst von den Ausführungen des Ich-Erzählers in den Bann gezogen, wird nach und nach klar, dass dieser nicht nur sein „Geschöpf“[5] Agnes kontrolliert, nachdem sein fiktionaler Text über sie die Zukunft erreicht, sondern auch den Leser an der Nase herumführt – sowohl was seine Absichten angeht als auch seine Wahrnehmung betreffend. Man könnte so weit gehen, dass es Stamm mit seinem Ich-Erzähler schafft, sogar die Rezensenten in der Beurteilung der Figuren zu beeinflussen. Auf diese These wird im weiteren Verlauf noch einmal eingegangen werden.

Widmen wir uns zunächst der Figur, der man im Roman abnehmen kann, dass sie den Dingen auf den Grund gehen und die Entwicklungen reflektieren kann: Agnes.

Kurze Skizze des Beziehungsverlaufs

Bevor von Agnes selbst verfasster Text im Text genau betrachtet und hinsichtlich des gesamten Verständnisses gedeutet wird, sollte er genau verortet werden.[6] Die beiden Figuren beginnen ihre Beziehung mit mangelhaften Erfahrungen auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen – sowohl bei Liebschaften als auch innerhalb ihrer Familien. Anhand dieser allgemeinen Isolation innerhalb der Gesellschaft und der Beziehungsunfähigkeit der Figuren erkennt die Forschung Agnes als einen Roman, der die Orientierungslosigkeit der Moderne umreißt.[7] Agnes beschreibt die vorherige Beziehung zu dem erfolglosen Supermarktansager Herbert, dessen Naivität sich in seinem Wunsch, entdeckt zu werden äußert. Sie „war ein bisschen verliebt“[8], meint aber zu erkennen, dass Herbert aufgrund ihrer Intelligenz eingeschüchtert ist. Ihre familiäre Situation zeichnet sich durch ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater aus, was als Anhaltspunkt für ihre Beziehung zum um einige Jahre älteren Ich-Erzähler verstanden werden kann und Anhaltspunkte zum Roman Homo Faber von Max Frisch bietet.  Agnes „hatte kaum Freunde oder Freundinnen“[9] und ist nach eigenen Angaben „kein sehr sozialer Mensch“[10]. Der Ich-Erzähler hat einige gescheiterte Beziehungen hinter sich: „Ein paarmal hatte ich mich verliebt in ein Gesicht, aber ich hatte gelernt, solchen Gefühlen auszuweichen, bevor sie zur Bedrohung wurden.“[11] Schon dieser Satz zeichnet nicht nur ein problematisches Beziehungsbild, sondern eröffnet weitere Dimensionen. So erkennt der Ich-Erzähler die bisherigen Partner nicht als Menschen in ihrer Gänze, sondern er verliebt sich pars pro toto „in ein Gesicht“. Im späteren Verlauf des Romans zeigt sich diese Wahrnehmung des Ich-Erzählers auch hinsichtlich Agnes. Des Weiteren haben wir es zudem mit jemandem zu tun, der die Verschlossenheit gegenüber anderen innerhalb einer Beziehung als Lernprozess ansieht. Wenn wir wie Julia Peirano[12] davon ausgehen, dass innerhalb einer Beziehung ein ausgeglichenes Dreieck zwischen Leidenschaft, Intimität und Bindung bestehen muss, ist gehört dieser Ich-Erzähler zu der „Kategorie von Menschen, welche der Liebe einen oberflächlichen ‘Marketing-Charakter‘ verleihen, da sie außerstande sind, etwas von ihrem Inneren (…) ohne Gegenleistung zu geben, sich von ihrem narzisstischem Allmachtgefühl und der damit einhergehenden Angst zu lieben zu befreien.[13] Die Beziehung der beiden ungleichen Figuren steht also schon von Beginn an unter keinem guten Stern.

In der ersten Phase des Kennenlernens, die zwischen April und September zu verorten ist, äußert sich die Beziehung der beiden zunächst durch allgemeines Interesse. Sie sprechen miteinander und lernen sich langsam kennen.[14] Innerhalb dieses Zeitraums zeigt Agnes dem Ich-Erzähler ihren Text.

An dieser Stelle wird auf eine weitere Chronologie der Beziehung, die über eine Phase des glücklichen Zusammenlebens zwischen September und Oktober bis zum fatalen Ende der Beziehung zwischen November und Dezember verläuft verzichtet.[15] Eine freundlicherweise von einem Schüler der Kursstufe und von Autor bearbeitete Kapitelübersicht findet sich hier.

Eine literarische Selbstdiagnose I

Eine Technik, die den Roman Agnes gleichsam anspruchs- und reizvoll macht, ist die Überlagerung von Texten, die auf sich verweisen, sich widersprechen oder erklären. Da ist zum einen natürlich der fiktive Roman Agnes vom Sachbuchautor zu nennen, auf den noch zurückgekommen wird. Zum anderen ist es aber auch ein kleiner Text von Agnes selbst, der für das Verständnis des Romans zentral ist[16].

Die Figur Agnes schreibt diesen kleinen Text, den sie selbst als „kurze Geschichte“[17] charakterisiert, zu dem Zeitpunkt, als sie den Ich-Erzähler zum ersten Mal zu sich nach Hause einlädt. Nachdem Sie den Ich-Erzähler entsprechend des innerhalb des Romans beibehaltenen Rollenklischees bekocht hat, dieser sich in ihrer Wohnung umschaut und sie ihm über Herbert, ihren vormaligen Verehrer informiert – er wird diesen auch im Folgenden als Rivalen wahrnehmen, obwohl Agnes klar artikuliert und zeigt, dass der Ich-Erzähler ihre einzige Liebe ist – , zeigt sie ihm ihre Geschichte. Sie scheint ihr sehr viel zu bedeuten, denn sie „war zu gespannt, um ruhig neben ihm zu sitzen.“[18] Zum Verständnis dieser intertextuellen Hinweises sei an dieser Stelle Agnes „kurze Geschichte“ als Zitat herausgeschrieben.[19]

Ich muss gehen. Ich stehe auf. Ich verlasse das Haus. Ich fahre mit dem Zug. Ein Mann starrt mich an. Er setzt sich neben mich. Er steht auf, als ich aufstehe. Er folgt mir, als ich aussteige. Wenn ich mich umdrehe, kann ich ihn nicht sehen, so nahe ist er mir. Aber er berührt mich nicht. Er folgt mir. Er spricht nicht. Er ist immer bei mir, bei Tag und in der Nacht. Er schläft mit mir, ohne mich zu berühren. Er ist in mir, erfüllt mich aus. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur ihn. Ich erkenne meine Hände nicht mehr, meine Füße nicht. Meine Kleider sind zu klein, meine Schuhe drücken, mein Haar ist heller geworden, meine Stimme dunkler. Ich muss gehen. Ich stehe auf. Ich verlasse das Haus.

Der Text scheint zunächst sehr banale Handlungsweisen zu beschreiben. Beim näheren Hinsehen ist er aber nicht nur „besser, als alles, was ich in den letzten Zehn Jahren geschrieben hatte“[20], wie der Ich-Erzähler beschämt zugeben muss, sondern er ist als eine Reflexion eine literarische Selbstdiagnose, die der Autor Stamm Agnes in die Hand geschrieben hat.

Vierfach wiederholt sich das Personalpronomen „Ich“, das jeweils etwas tut. Bezeichnenderweise beginnt die – so sollte man als Interpret Agnes eigene Deutung ergänzen – Parabel mit einem Modalverb, das Zwang angibt. Nach dem Ich folgt der unbestimmte Artikel, der einen noch nicht näher definierten Mann einführt, der sie anstarrt. Der unbestimmte Artikel verweist auf eine fehlende Nähe – man kennt sich noch nicht. Gleichzeitig verweist sie auf das Kennenlernen der beiden Protagonisten, welches zunächst vom Ich-Erzähler selbstverständlich und berichtend neutral erzählt und sogleich in der fiktiven Geschichte völlig anders dargeboten wird. Der Ich-Erzähler desavouiert[21] sich als unzuverlässiger Erzähler.

Insofern zeigt der Vergleich zwischen dem zunächst scheinbar neutralen Bericht des Ich-Erzählers, der in neutral-objektivem Ton gleichsam sachlich bleibt wie bei dem Buch, das er über Luxuseisenbahnen schreibt, wie sehr der Ich-Erzähler seine Erzählung verdreht und damit auch den Leser über seine Motive und Handlungsweisen täuscht.

Bevor die Parabel von Agnes weiter gedeutet wird, kann der interessierte Leser diesen Textvergleich nachvollziehen.

 

Exkurs I: Textvergleich zwischen dem Erzählbericht des Ich-Erzählers und seiner fiktiven Geschichte über Agnes

Schaut man sich das vom Ich-Erzähler berichtete Kennenlernen genau an, ist zunächst nichts auffällig daran. Die erste Textstelle stammt aus Kapitel 2 des Romans, steht also ganz am Anfang. Wird die Spannung im ersten Kapitel aufgebaut, indem der Tod der titelgebenden Protagonisten vorweggenommen wird, folgt nun scheinbar eine neutrale Chronologie der Ereignisse. Sie ist dem Strang „Realität“ zuzu­ordnen. Der Ich-Erzähler schildert hier seine erste Begegnung mit Agnes in der Public Library. Außerdem erfährt der Leser, dass der Ich-Erzähler sich aus beruflichen Gründen in der Bibliothek aufhält: Er arbeitet an einem Buch über amerikanische Luxus­eisenbahnen, ist als Sachbuch­autor und sie eine junge Physik-Doktorandin namens Agnes. Im Lesesaal der Public Library, einem Ort des stillen und konzentrierten Lesens und Studierens, lernen die beiden sich an einem Tag im April kennen.

Es wird im Rückblick aus einer Distanz von einem Dreivierteljahr erzählt: „Es war im April letzten Jahres“[22]. Es folgt eine sachlich-neutrale Beschreibung der Situation, viele Details über die Handlungsweisen der noch Unbekannten, Informationen über den Erzähler und seine Tätigkeit als Sachbuchautor und die  Beschreibung von Agnes. Im Roman betont er die Zufälligkeit ihrer Begegnung und hebt hervor: „Ihr Äu­ßeres war nicht auffallend“[23]. Sie bringt ihn in der Realität des Romangeschehens eher aus der Fas­sung, lenkt ihn von seiner Arbeit ab, stört seine Konzentration und er folgt ihr, „ohne recht zu wissen weshalb“.

Sie bringt ihn in der Realität des Romangeschehens eher aus der Fas­sung, lenkt ihn von seiner Arbeit ab, stört seine Konzentration und er folgt ihr, „ohne recht zu wissen weshalb“[24].

Die zweite Beschreibung derselben Situation stammt aus dem „Buch Agnes“, der Erzählung seiner Liebesge­schichte mit Agnes, die der Ich-Erzähler auf ihren Wunsch hinschreibt. Es handelt sich um den An­fang der Geschichte. Agnes und der Erzähler sind wegen des Feuerwerks zur Feier des Unabhängig­keitstags auf die Dachterrasse des Wohngebäudes gegangen. Bei der Rückkehr in die Wohnung be­steht Agnes darauf, dass ihr Freund mit der Ge­schichte beginnt, ist aber nicht damit zufrieden, wie er sie darstellt. Noch kann die Geschichte als ein Spiel zwi­schen zwei Verliebten gedeutet werden, die sich über die Erfahrbarkeit von Texten ausprobieren.

Zunächst sind die beiden Berichte ähnlich. Es herrscht Erzählerbericht vor. Dabei greift der Erzähler für ihn Wichtiges heraus, lässt anderes weg und wertet das Geschehen, vor allem durch Adjektivattribute. So spricht er z.B. von Agnes‘ „linkischen Bewegungen“ (Z. 9), ihrem „schlanken, fast zerbrechlichen Körper“ (Z. 10), ihren „erstaunten blauen Augen“ (Z. 13), ihren „strenge[n] Ansichten“ (Z. 18). Auch den Beginn ihrer Beziehung stellt er in der Geschichte anders dar als im Roman.

Er stellt sich selbst als den Ak­tiven dar, der den ersten Kontakt mit Agnes gezielt herbeiführt, indem er ihr aus dem Lesesaal folgt und sie zu einer Tasse Kaffee einlädt.

Zwischen rückblickender Romanhandlung und Ge­schichte gibt es bedeutende Diskrepanzen: In der Realität rau­chen die beiden zunächst stumm nebeneinander, bevor ein Gespräch über belanglose Themen ent­steht; in der Geschichte wird berichtet, dass sich das Gespräch „seltsam rasch“[25] entwickelt und zu den existenziellen Themen Liebe und Tod vordringt. Auch die Figurencharakterisierung setzt in der Geschichte andere Akzente: Der Ich-Er­zähler schreibt sich selbst „Zynismus“ zu und grenzt sich damit von Agnes ab, die, „wenn sie aufgeregt war, […] rot [wurde]“ und „noch verletz­licher als sonst“ wirkte. Die unerklärliche Faszination, die von Agnes in der Romanrealität ausgeht die Neugier, die der Erzähler für sie entwickelt, kom­men in der Geschichte nicht vor.

Damit justiert der Ich-Erzähler sich in der fiktiven Geschichte komplett neu. Er lässt das Geschehen um sich kreisen, nimmt den aktiven Part ein, ist derjenige, der die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes lenkt.

Eine Frage der Perspektive

Dies ist insofern relevant, als das Perspektive in dem Roman eine besondere Rolle einnimmt. Nachdem der Ich-Erzähler in dem viel zitierten Beginn in ultimas res behauptet, dass „eine Geschichte“ Agnes getötet hat – eine Behauptung, von der wir am Ende des Romans nicht wissen, ob sie stimmt oder nicht, redet er von einem späteren Ausflug in den Hoosier National Forest. Dabei ist nicht die Flucht der beiden in der Großstadt lebenden und sich in ihrer Einsamkeit gleichenden Protagonisten hervorzuheben, sondern vor allem der multiperspektivische Blick, den der Leser auf Agnes einnimmt, ja einnehmen muss. Agnes filmt (!), wie der Ich-Erzähler „am Steuer“ (!) sitzt. Die Rolle der genauen Beobachterin auf der einen Seite und dem Lenker auf der anderen sind also hier schon etabliert. Weiter heißt es:

Und dann wohl der Versuch, sich selbst zu zeigen: der Rückspielgel, darin groß die Kamera und dahinter, kaum zu sehen (Hervorhebung des Autors), Agnes selbst. Dann noch einmal ganz kurz Agnes, am Steuer diesmal, wie sie eine abwehrende Handlung macht.  

Hier erkennt man nicht nur die Vorwegnahme der Tragödie – die vom Ich-Erzähler ungewollte und unangebracht gefühlskalt aufgenommene Schwangerschaft – Agnes’ Rückzug in ihre alten Verhaltensmuster (während sie zu Beginn beim Duschen die Tür entgegen ihrer Gewohnheit offenlässt, schließt sie sie danach wieder), sondern auch die Perspektive, die der Roman auf die beiden Protagonisten richtet. Agnes ist unscheinbar als sie selbst und nur im Bericht, durch die Kamera, dennoch dahinter und über einen Spiegel zu sehen[26]. Sie wird vom Ich-Erzähler umgeschrieben, vielleicht umgebracht.

Dass der Ich-Erzähler aber einer Geschichte, nicht einmal seiner eigenen, zuschreibt, Agnes getötet zu haben, verdeutlicht in bedrückend klarem Licht, wie sehr der Ich-Erzähler die Verantwortung für sein gesamtes Handeln von sich rückt.

 

Eine literarische Selbstdiagnose II

Kommen wir also zurück zu der hier als Selbstdiagnose charakterisierten Parabel. Der unbestimmte Artikel, von dem die Rede war, verweist also auf eine fehlende Nähe, die sich in einer Liebesbeziehung normalerweise einstellt. Dies ist hier nicht der Fall. Das Starren des Mannes zeigt seine Besessenheit, eine Besessenheit, mit der der Ich-Erzähler nicht zu recht kommt und die ihn nach ständiger Kontrolle über Agnes treibt, da er Angst hat, sich ansonsten selbst öffnen zu müssen. Nachdem also in der Parabel vier Mal das Personalpronomen Ich die handelnde Person in einer scheinbar banalen Alltagsroutine gezeigt hat – „gehen müssen“, „aufstehen“, „das Haus verlassen“, „mit dem Zug fahren“ – erscheint ein unbekannter Mann als Bedrohung. Er „starrt“, „setzt sich neben mich“, mit anderen Worten: Er übertritt Privatheit und gesellschaftliche Konventionen, um dann dem „Opfer“ zu folgen.

Dass die als Er beschriebene Figur dem Ich folgt, erscheint vor allem im Weiteren als bedrohlich, weil er so nah ist, dass das Ich ihn nicht sehen kann. Auch hier erscheint eine weitere Bedrohung. Nähe ist nur dann heilsam, wenn sie von beiden Seiten justiert werden kann. Nähe ohne Sichtkontakt ist sie bedrohlich. Und nicht nur das: Trotz der Nähe beschreibt das Ich, dass das Er sie nicht berührt, sogar und wiederholt dann nicht, als sie miteinander schlafen.

Wie ist das gemeint? Wie kann man sich nicht berühren, obwohl man den intimsten Vorgang miteinander durchführt, zu dem Menschen in der Lage sind? Die Antwort darauf ist simpel. Es handelt sich augenscheinlich nicht um eine tiefe emotionale Nähe, sondern nur um eine, deren Distanz zwischen den beiden Figuren nicht ausgehandelt wurde und die deshalb bedrohlich wird. Die Bedrohung wird so groß, dass das Ich nur noch ihn sieht, wenn sie in den Spiegel schaut. In der Parabel drückt sich an dieser Stelle eine lebensbedrohliche Situation aus. Da, wo das Selbst aufhört zu sein und durch ein anderes Selbst ersetzt ist, bleibt keine eigene Kraft, die Welt zu sehen.

Drastisch wird dies in der eigenen Reflexion des Ich Erzählers, als er unumwunden zugibt: „Jetzt war Agnes mein Geschöpf.“[27]

Die Parabel aus der Hand von Agnes verdeutlicht, dass die „feindliche Übernahme“ durch den Ich-Erzähler sie so weit verändert, dass sie sich nicht mehr wiedererkennt. Wie der gesamte Roman von Stamm kann die Deutung der Parabel und das überraschende Ende in zwei Richtungen gedeutet werden. Denn die letzten drei Sätze sind genaue Wiederholungen der ersten drei. Dies kann darauf hindeuten, dass sich Agnes’ Martyrium wiederholt. Denn das tut es. Sie kehrt trotz einer grausamen Erniedrigung durch den Ich-Erzähler – zwar verschlossener als zuvor – zu ihm zurück. Sie lernt nicht aus der Verletzung. Dies könnte die Wiederholung ausdrücken.

Zum anderen könnte es eine positive Vorausdeutung auf das Ende sein. In dem Moment, wo die Veränderung des eigenen Selbst unerträglich wird, geht sie weg, verlässt den Ich-Erzähler. Das spräche dafür, dass sie nicht tot ist, wie der Ich-Erzähler zu meinen glaubt.

Die These ist also, dass Stamm Agnes mit ihrer Parabel auf der einen Seite eine zwar sprachlich sterile, aber sehr genaue Selbstdiagnose in die Hand schreibt, die auf der anderen Seite eine Mikroperspektive des gesamten Buches ist.

Der Ich-Erzähler weiß zwar um die Stärke des Textes, hat aber nach eigenen Angaben „keine Lust“, ihn für Agnes zu beurteilen. Sie kommt ihm vor wie „eine mathematische Formel“, womit er strukturell sogar Recht hat. Damit, dass er meint, dass „die Geschichte (…) immer enger“ werde und das „Resultat null“ sei, meint er jedoch wahrscheinlich mehr sich selbst als den Text. Das lässt sich jedoch nicht mehr ganz sagen, da der Ich-Erzähler wie so oft in dem Roman an Stellen, an denen es um emotionale Tiefe gehen könnte, das Gespräch ablenkt, auf banale Themen lenkt oder es ganz verstummen lässt. Agnes lässt dieses Verstummen zu und löscht den ganzen Text.

Um besser verstehen zu können, was den Ich-Erzähler antreibt, lohnt sich ein Blick in das Seelenleben des Ich-Erzählers, zumindest, soweit es sich aus dem Text entnehmen lässt.

 

Der Ich-Erzähler als defizitäre Pygmalionfigur

Die ersten Eindrücke vom Ich-Erzähler können vor allem im Vergleich mit Agnes – in zweierlei Richtungen führen.

Einerseits erscheint der Erzähler als stabile Figur in den besten Jahren. Er ist anerkannter Sach­buchautor (seine Publikationsliste umfasst Bücher über Zigarren und die Geschichte des Fahrrads) und auf Recherchereise in den USA für ein Projekt über Luxuseisenbahnwaggons. Er ist nicht kontaktscheu (er spricht Agnes vor der Bibliothek zuerst an) und in Beziehungsfragen nicht unerfahren (wir erfahren von vergangenen Liebschaften)[29]. Am Rande sei angemerkt, dass sich genau an dieser Stelle der Ich-Erzähler durch seine Aussagen desavouiert. Während er zunächst meint, seine damalige Freundin und er haben sich getrennt, „weil sie sich in einer der Geschichten wiedererkannt hatte“, antwortet er auf Agnes’ erstaunte Reaktion: „Nein“, sagte ich, „wir haben uns auf diese Version geeinigt.“ Vor dem Hintergrund der Handlungsmuster des Ich-Erzählers kann dies vieles heißen. Es bedeutet aber vor allem die Veränderung einer bestehenden Realität, wie sie auch in Agnes vorkommt.

In Wirklichkeit müsste der Erzähler in allen Kategorien des Persönlichkeitsprofils schlechte Noten bekommen. Er ist keineswegs stolz auf seinen Beruf und seine Lebensleistung: „Ich schämte mich ein wenig für die magere Ausbeute meines bisherigen Lebens.“ Ebenso wenig hält er sich für kreativ.[30] Wir erfahren nichts von irgendwelchen sozialen Kontakten, es gibt keine Familie und keine stabile Beziehung.

In der Summe zeigt sich der Erzähler dann beruflich frustriert, seine eigenen Bücher und Themen erscheinen ihm nicht interessant.[31] Die Sachbuchschreiberei ist auch nur ein Notbehelf; eigentlich wäre er gerne ein richtiger Schriftsteller geworden. Der letzte Versuch, einen Roman zu schreiben ist aber mangels Fähigkeiten, Kreativität und Ideen gescheitert. Mehr noch: Er gibt unumwunden zu, dass er „es nie geschafft [habe], meine Stoffe zu beherrschen. Es blieb immer alles künstlich.“ Dies ist ein interessanter Satz, insofern Agnes im späteren Verlauf genau das tut, was er per Roman aufträgt. Er beherrscht sie. Der Stoff bleibt jedoch künstlich, zumindest, wenn man die Realität zum Maßstab nimmt. Der Ich-Erzähler bleibt in allen Punkten des Lebens hinter seinen eigenen Erwartungen zurück.

Diese Erfahrung des Scheiterns ist dabei auch nach mindestens zwei erfolgreichen Sachbuchprojekten noch keineswegs überwunden. Der Erzähler erträgt es nicht, dass Agnes ihn mit jener kleinen Geschichte aussticht, die seiner eigenen Einschätzung nach besser ist „als alles, was ich in den letzten zehn Jahren geschrieben habe.“[32] Er kränkt Agnes, die ihn um eine Beurteilung gebeten hat, und weist sie brüsk zurück und behauptet, sie lese keine Bücher, was offensichtlich falsch ist angesichts ihres Interesses für Poesie[33], ihrer Selbsteinschätzung, dass sie „viel gelesen“ habe[34], und seinem eigenen späten Eingeständnis: „Da bin ich mit dir zusammen und weiß gar nicht, dass in deinem Kopf das halbe Personal der Weltgeschichte steckt.“[35]

Diese Frustration versteht sich möglicherweise aus der uneingestandenen Absicht heraus, der Nach­welt etwas von Bedeutung zu hinterlassen: „Schreibst du deshalb Bücher, weil du keine Kinder hast?“[36], fragt Agnes ihn. Der Erzähler leugnet dies zwar, lässt Agnes deutlichen Widerspruch aber unkommentiert.

Während der Sachbuchautor sich also als beruflich gescheitert versteht, ergibt sich in der Bekannt­schaft zu Agnes eine Möglichkeit, die eigene Frustration zu überwinden. Dabei zeigt sich jedoch, dass der Ich-Erzähler vor allem zurückschreckt, was seine eigene Offenheit verlangt. So lange Agnes für ihn kontrollierbar ist, solange er ihre Geschichte weiterschreiben kann und er sie beherrscht, ist es für ihn vorteilhaft. Dies bleibt jedoch nicht der Fall, der Agnes trotz ihrer Defizite im sozialen ihren eigenen Kopf hat, sich mit existentiellen Fragen des Lebens beschäftigt, schreibt, Filme dreht, ein Liebestagebuch zu schreiben beginnt, kunst- und literaturinteressiert ist, musiziert und empathisch auf den Ich-Erzähler reagiert. Insofern ist die zweite Frauenfigur des Romans, Louise, das genaue Gegenteil von Agnes.

 

Exkurs: Louise als moderne, flache Frauenfigur

Louise, Mitarbeiterin in der Public-Relations-Abteilung der Pullman Leasing, ist Agnes’ Kontrastfigur: selbstsicher und finan­ziell unabhängig, voll ins gesellschaftliche Leben integriert (Partys, Feste, Verabredungen, berufliche Termine), lebenspraktisch und sehr direkt. Im Ge­gensatz zur zurückhaltenden Agnes bewegt sie sich in Gesellschaften sicher und gewandt, geht auf an­dere, insbesondere auf Männer, zu und kann mühe­los Kontakte knüpfen. Dabei artikuliert sie ganz klar ihre Interessen und Absichten.

So gibt sie schon bei der ersten Begegnung dem Erzähler ihre Karte und fordert ihn auf, sie anzurufen. Louise kommt aus einer wohlhabenden franko-amerikanischen Familie und hat ein distanziertes Verhältnis zu den USA. Obwohl sie in einem Appartement im Haus ihrer Eltern wohnt und von deren Lebensstil profitiert, führt sie ein unabhängiges Leben. Ihre Sexualität scheint sie freizügig auszuleben: „(…) aber kaum waren wir allein, erzählte sie mir, wel­cher der Männer sich schon an sie herangemacht und wer wen mit wem betrogen hatte“[37], die Liebe begreift sie als Spiel, aus dem eventuell „mehr“ wer­den kann. Sie ist in ihrer Auffassung von oberflächlicher Liebe geradezu eine Figur der Moderne, da es ihr nicht um eine tiefe emotionale Verbindung, sondern um den direkten Kontakt, den Spaß geht.

Obwohl Louises äußere Erschei­nung nirgends im Roman direkt beschrieben wird, entwickelt der Leser die Vorstellung einer attrak­tiven jungen Frau, deren Charakter aber keine tiefgreifenden Handlungsmotive erkennen lässt. Sie bleibt ein flacher Charakter.

Anders als bei Louise, zu der er flüchtet, als er sich eigentlich um Agnes kümmern müsste, ist Agnes eine schwierige Person, die es aus Sicht des Ich-Erzählers zu kontrollieren gilt.

Schon von Beginn an entwirft der Erzähler seine Beziehung als ein literarisches Projekt: „In meinem Kopf war unsere Beziehung viel weiter gediehen als in Wirklichkeit. Ich begann schon mir über sie Gedanken zu machen, hatte schon Zweifel, dabei hatten wir uns noch nicht einmal verabredet.“[38]

Schon früher hat er anscheinend versucht, eine seiner Freundinnen literarisch zu verwerten. Und so ergreift er freudig die Gelegen­heit, als Agnes ihm anträgt, eine Geschichte über sie zu schreiben und beharrt auch darauf, dass dies seine Geschichte werden würde und dass er nicht an einer gemeinsamen Liebesgeschichte zu arbeiten gedenkt: ,„Nein‘, sagte ich, ,nicht wir. Ich schreibe die Geschichte.'“[39]Agnes wird ihm dabei zum „Modell“ (S. 53) eines Kunstwerkes, das allein seiner schöpferischen Fähigkeit entspringen soll: ,,,Gut‘, sagte ich, ,du wirst aus meinem Kopf neu geboren wie Athene aus dem Kopf von Zeus, weise, schön und unnahbar“ (S. 55).

Der Erzähler stilisiert sich selber zum Göttervater und Agnes zu seinem Geschöpf. Der Erzähler ist eine Pygmalionfigur: Wie Pygmalion, der vom antiken griechischen Gelehrten Ovid bearbeiteten Figur eines Künstler, der sich in seine eigene Figur verliebt,  erschafft sich der Erzähler selber seine Gefährtin als Produkt seiner schöpferischen Fantasie. Agnes ist das Produkt ihres Künstlers. Anders aber als bei Pygmalion kommt das Kunstprodukt für den Sachbuchautor nicht zum Leben, sondern wird umgekehrt von ihm zu Tode geschrieben. Der Autor Peter Stamm, der auf seiner Internetseite einige Quellen und Anregungen zu seinem Roman nennt, erwähnt dies explizit:

Ebenso zufällig bin ich auf das Thema der Luxuseisenbahnwagen gestossen, über die der Erzähler schreibt. Ich suchte in einer amerikanischen Enzyklopädie nach der Pygmalionsage, die ebenfalls thematisch mit «Agnes» zusammenhängt und stiess auf den Eintrag zum Pullman-Streik.[40]

Wenn davon ausgegangen werden muss, dass Agnes sowohl implizit (wie sich in ihrer eigenen Parabel zeigt) als auch explizit (man denke an die Episode, in der sie und der Ich-Erzähler im Kunstmuseum über das Glück reden) trotz ihres Alters eine weitaus bessere Reflexionsfähigkeit besitzt, als der Ich-Erzähler, der ständig versucht, sein eigenes Handeln herunterzuspielen oder durch Auslassungen gar nicht erst zu thematisieren, stellt sich eine zentrale Frage: Warum lässt Agnes sich auf den Ich-Erzähler ein? Warum will sie, dass er über sie schreibt und warum kommt sie zu ihm zurück, obwohl er das ungeborene Kind schroff abgelehnt hat?

 

Agnes und der Wunsch Anerkennung und Zeitlosigkeit

In den Kapiteln 9 und 10 äußert Agnes den Wunsch, der Erzähler möge eine Geschichte über sie schreiben. Zunächst wird dieser Wunsch motiviert durch das Interesse an dem Bild, das der Erzähler von seiner Geliebten hat: „Schreib eine Geschichte über mich […], damit ich weiß, was du von mir hältst.“[41] Schon zu Beginn ist damit die Bildnis-Problematik angedeutet, die den Roman in die Tradition von Max Frisch und seinen Überlegungen über das „Bildnis“ stellt, das „eine Kette ist, die [den Freund] fesselt und langsam erwürgt.“ Weiter heißt es bei Frisch:

Unsere Meinung, daß wir den anderen kennen, ist das Ende der Liebe (…) nicht weil        wir den anderen kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft gar, darum ist der Mensch fertig für uns. (…) Man macht sich ein Bildnis. Das ist der Lieblose, der Verrat.[42]

Später dann bittet Agnes den Erzähler, in seiner Geschichte nicht von ihrer Kindheit zu berichten: „Ist es unbedingt nötig, dass du von meiner Kindheit schreibst? Es ist doch nur eine Geschichte. Kann ich nicht einfach in der Bibliothek auftauchen, wie ich bin? Wie ich jetzt bin?“[43] Agnes’ Wunsch nach einer Selbstbeschreibung erhält dadurch noch eine weitere Dimension: Das Leben soll (zumindest partiell) umgeschrieben werden. Die „Geschichte“ ist kein Be­richt‘, sondern eher der Versuch, die eigene Biografie umzugestalten.

Um zu ergründen, warum sie will, dass ihre Geschichte umgeschrieben wird, muss man sehr genau auf die kleinen Episoden schauen, die Hinweise auf das problematische Leben der Protagonistin geben. So das Verhältnis zu ihrem Vater, der sie ablehnt, ihrer Mutter, die es versäumt, sie zu verteidigen.

Im späteren Verlauf zeigt sich der Ich-Erzähler erstaunt darüber, dass sie ihn scheinbar nicht erwähnt hat. Sie wohnen tausende Meilen entfernt in Florida. Sie sagt über sich selbst, dass sie „kein sozialer Mensch“[44] sei.

Es ist wohl nicht zu forsch, die soziale Isolation auch bei den Eltern zu suchen, denn in der Episode, in der der junge Kellner Herbert versucht, mit Agnes zu flirten, endet das Unterfangen mit Beschimpfungen seitens der Eltern.

Wenn man Agnes’ fehlendes soziales Umfeld und ihre generelle Unzufriedenheit mit sich selbst zum Maßstab nimmt, verwundert es nicht, dass sie die Möglichkeit annehmen will, dass jemand die Geschichte ihres Lebens umschreibt und wortwörtlich in die Hand nimmt. Ob man aufgrund dieser Tatsache soweit gehen kann, ihr eine Mitschuld an dem möglicherweise fatalen Ausgang zu geben, bleibt schwierig. Denn auf der einen Seite nimmt sie das Schreiben ihrer Geschichte zu Beginn als eine Art Spiel unter Liebenden wahr. Hier kann man der Figur höchstens vorwerfen, die tiefer liegende Kommunikationslosigkeit des Ich-Erzählers auf der einen und seinen Drang, dass etwas passieren muss auf der anderen Seite zu ignorieren. Zum anderen bleibt sie trotz ihrer Reflexionsfähigkeit eine junge Frau, die sich nach Zuwendung und Anerkennung sehnt. Dass sie diese in einem älteren Mann findet, verbindet die Liebesgeschichte mit der fehlenden elterlichen Zuwendung: „Ich könnte dein Vater sein.“[45] sagt der Ich-Erzähler zu ihr.

Agnes sucht also nach einer Art von Anerkennung, die sie zuvor nicht erhalten hat. Sie äußert den Wunsch, „eine Spur hinterlassen“ zu wollen.[46] Sie fürchtet sich vor allem deshalb vor dem Tod, „weil dann alles zu Ende ist“[47]. Dass sie auch nach ihrem Tod fortleben will, erklärt sich auch daran, dass ihr der Gedanke Freude bereitet, dass jemand ihre Doktorarbeit finden könnte und ihren Namen liest. Insofern sind ihr die Menschen, die Stonehenge errichteten sehr nah:

„Weil sie sich fürch­teten, in der Natur unterzugehen, zu verschwinden. Sie wollten etwas hinterlassen, um zu zeigen, dass jemand dagewesen ist, dass dort Menschen gelebt haben.“[48]

Diese Aussage lässt sich nicht nur mit ihrer Doktorarbeit, sondern auch mit der fiktiven Agnes verbinden, mit der der Ich-Erzähler sie „aufbewahrt“. Nicht zufällig zitiert der Ich-Erzähler Shakespeares berühmtes Sonett, bevor Agnes ihm mitteilt, sie wolle kein Gedicht, sondern eine Geschichte. In den berühmten Schlussversen heißt es dort:

 

So long as men can breathe, or eyes can see, so long lives this, and this gives live to thee.“[49]

Das vom lyrischen Ich angesprochene Du wird also durch seine Erwähnung so lange ewig leben, bis es niemanden mehr gibt, der das Gedicht lesen kann. Eine ironische Kommentierung, wenn man davon ausgeht, dass Agnes am Ende tatsächlich stirbt. Denn dann würde sie als Figur weiterleben, während Sie als Protagonistin, beeinflusst von ihrem Wunsch, das Leben in andere Bahnen zu lenken und kontrolliert vom Ich-Erzähler, der aus ihr eine beherrschbare Wunschvorstellung macht, stirbt.

Der symbolische Überbau in Agnes

Wie schon zu Beginn dieser Interpretation angedeutet, besteht der Roman Agnes aus einem sehr dichten Textgeflecht aus Verweisen, Texten in Texten, Symbolen, Chiffren und Leitmotiven. Diese müssen für das Textverständnis gar nicht zwangsläufig verstanden werden und sind für den interessierten Freizeitleser gar nicht zu erkennen. Für die Textanalyse bieten diese Strukturelemente jedoch interessante Perspektiven. Einige werden hier angedeutet. Schauen wir zunächst auf die Begrifflichkeit:

Als Chiffren werden Wörter bezeichnet, die als verrätselte Symbole in einem Text in einem Zusammenhang mit meist komplexen Bedeutungen aufgeladen sind. (Wikipedia, 12.12.2016)

In der literarischen Theorie wird der Begriff des Symbols „im Sinne eines Gegenstandes gebraucht, der sich auf einen anderen Gegenstand bezieht, der aber auch als Gegenstand selbst, als Darstellung, Aufmerksamkeit beansprucht.“ (Wikipedia, 12.12.2016)

Als Leitmotiv bezeichnet man in der Literatur

  • eine einprägsame und im gleichen Wortlaut wiederkehrende Aussage
  • oder eine thematische Einheit,

die der Gliederung des Erzählten und oft der Repräsentation der Handlung bzw. der Entwicklung der Protagonisten eines literarischen Werkes dient. (Wikipedia, 12.12.2016)

Ein literarisches Geflecht, das aus diesen Elementen besteht, ist schwer fassbar, da einzelne Teile aufeinander bezogen werden können, Deutungsräume eröffnen oder neue Sichtweise zwar Andeuten, aber nicht definitiv machen. Symbolische Bedeutung kann in Agnes beispielsweise Orten zugeordnet werden (Vergleich S.9, 12, 14f., 19f., 44 und 47 im Buch). Neben den Schauplätzen, an denen die Protagonisten sich aufhalten, verweisen die Orte auf eine höhere Ebene, die – sehr kurz gesagt – ein Gefühl der Entfremdung vermitteln. So sagt der Ich-Erzähler über das Viertel, in dem er wohnt: „Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es war, in diesen Straßen zu Hause zu sein, aber es gelang mir nicht.“ Die Stadt als Ort der Arbeit, der Sozialisation, des Einkaufens oder der Unterhaltung haben hat für moderne Menschen oft mehrere Dimensionen. Die Protagonisten in Agnes flüchten geradezu in die Natur.

Ein Leitmotiv in Agnes ist das Todesmotiv. Der Tod wird also nicht nur in den gemeinsamen Gesprächen zwischen Agnes und dem Ich-Erzähler thematisiert (bzw. ignoriert), sondern er erscheint als wiederkehrendes Element, das einen Schatten von Bedrohlichkeit über die jeweiligen Textausschnitte legt. So erklärt einer der Sanitäter, der mit dem Ich-Ertzähler redet, über die junge Frau in Agnes Alter, die die beiden vorm dem Restaurant finden über die Frau, dass sie es „geschafft habe“. Der Tod erscheint hier als Erlösung, die im Kontrast zu Agnes‘ Angst vor ihm steht. Denn sie sagt im weiteren Verlauf zum Ich-Erzähler: „‚Ich habe Angst vor dem Tod'“ (S.23). Während des Ausflugs in den Nationalpark erwähnt Agnes den Tod ein weiteres Mal: „‚Es heißt, zu erfrieren sei ein schöner Tod'“ (S.77) Bezeichnender Weise gehen die beiden währenddessen an einem Friedhof vorbei.

Ein weiteres Leitmotiv ist in dem Roman zweifellos die Kälte und die Wärme (Vergleich S.9, 26, 78, 93, 96, 101, 114, 126, 132, 140f., 150). An dieser Stelle soll keine genaue Deutung jeder dieser Textstellen erfolgen, sondern ein kurzer Impuls gesetzt werden. Während Wärme normalerweise mit Geborgenheit und Intimität assoziiert wird, ist Kälte häufig ein Zeichen von Isolation, Arroganz oder Beziehungsunfähigkeit. Bezeichnend also, dass Agnes dem Ich-Erzähler zu Weihnachten einen Pullover schenkt, während sie, nachdem er sie mit aufs Dach nimmt, sich erkältet. Schon zu Beginn des Buches werden die Wörter „kalt“ und „kälter“ wiederholt. Das Motiv erzeugt also eine Perspektive, die nicht nur die äußeren Bedingungen, sondern auch die innere Haltung der Protagonisten reflektiert.

Auch Chiffren gibt es in Agnes einige, allerdings ist es eben für die Chiffre charakteristisch, dass sie sich nicht definitiv belegen lässt. So könnte man sich fragen, weshalb der Ich-Erzähler so weit oben, im 27. Stock eines Wolkenkratzers wohnt. Der Schluss liegt nahe, dass damit auf die Bodenlosigkeit und den fehlenden Halt, den der Ich-Erzähler im Leben hat, hingewiesen wird.

Dem zweiten Schluss, den der Ich-Erzähler schreibt und den Agnes liest, bevor sie für immer verschwindet, kann eine symbolische Bedeutung zugeschrieben werden. An dieser Stelle sei nur angemerkt, dass es sich dabei nicht um den vom Ich-Erzähler beabsichtigten Tod der Figur handeln muss, sondern es sich auch um eine Wiederauferstehungsszene handeln könnte, die ein völlig neues Licht auf die Frage wirft, ob Agnes stirbt oder nicht.

Auch der Name „Agnes“ selbst hat eine symbolische Bedeutung. Wenn man davon ausgeht, dass Peter Stamm tatsächlich durch das Gedicht von Keats „The Eve of St. Agnes“ auf den Namen kann, schwingt hier eine christliche Legende der Heiligen Agnes mit, dem Tod entkommt, als versucht wird, sie dem Feuer zu übergeben. Nach ihrem Tod durch das Schwert sehen die Totenwächter sie in einem Reigen schöner Jungfrauen, den Ring eines Verlöbnisses mit Christus am Finger. Neben diesen symbolischen und leitmotivischen Elementen, bieten auch Sprache und Stil Anhaltspunkte für eine tiefergehende Interpretation.

Sprache und Stil

Der unzuverlässige Erzähler mit kühler, reduzierter Sprache

Es wurde in diesem Artikel schon angedeutet, dass der Ich-Erzähler unzuverlässig ist und alles durch seine eigene Perspektive wahrnimmt. Der namenlose Ich-Erzähler wählt in seiner Rückblende bewusst Ereignisse aus und lässt andere weg. Seine Erinnerung ist also fehlerhaft. Gegenüber Agnes und Louise unterschlägt er Informationen, so dass dies auch gegenüber dem Leser zu erwarten ist. Als professioneller Autor beherrscht er die Möglichkeiten der Manipulation beim Schreiben. Die Reduziertheit der emotionslosen. schnörkel losen Sprache korrespondiert mit der inhaltlichen Beziehungskälte. Die Dialoge sind durch Kommunikationslosigkeit geprägt. Das Schweigen bzw. Verstummen ist als Vorzeichen des Todes zu verstehen – sofern man an einen Tod glaubt. Ist dies nicht der Fall, geht es zumindest um das Ende der Beziehung.

Die Unzuverlässigkeit des Erzählers

Grundsätzlich ist nochmals zu betonen, dass der Leser alles aus der Perspektive des Ich-Erzählers erfahrt und dessen Ausführungen Glauben schenken muss. Dabei muss man sich bewusst machen, dass der Erzähler natürlich nicht jede Einzelheit der vergangenen neun Monate in seiner Rückblende darstellen kann. Er wählt daher Ereignisse und Deutungen aus, die er für wichtig hält bzw. die er dem Leser mitteilen möchte. Im Kapitel 11 wird dies explizit angesprochen: vgl. S. 56f. („Manches, was…“).

Die Bemerkung zu Herbert zeigt, dass das Auslassen oder Verschweigen mit einer bestimmten Zielsetzung verbunden sein kann. Dies gilt auch für die Deutungshoheit über die Vergangenheit.

„Ich war erstaunt, wie vieles Agnes und ich anders erlebt oder anders in Erinnerung hatten. Oft konnten wir uns nicht darauf einigen, wie etwas genau gewesen war, und auch wenn ich mich mit meiner Version meistens durchsetzte, war ich mir nicht immer sicher, ob Agnes nicht vielleicht doch recht hatte.“ (S. 56)

Der Ich-Erzähler versucht die Kontrolle über die Geschichte zu behalten. Seine Kontrollsucht geht also über die Beziehung hinaus. Er beansprucht Kontrolle über die gemeinsame Geschichte. Sein Pochen auf seine Erinnerungsvariante zeugt darüber hinaus jedoch auch auf seinen Herrschaftsanspruch innerhalb ihrer Beziehung.

In seiner Erinnerung ist er jedoch äußerst unzuverlässig. Schon sprachlich macht er seine Unsicherheit dadurch deutlich, dass er häufig Formulierungen wie „schien“, „bildete mir ein“, „es war, als“, „man hatte den Eindruck“ etc. verwendet. Dass seine Erinnerung auch gänzlich falsch sein kann, lässt sich an mehreren Stellen belegen. Beispielhaft dafür ist die in diesem Artikel erwähnte erste Begegnung, die aus seiner fiktiven Perspektive manipuliert wirkt.

Im Kapitel 11 gibt er ferner Agnes Recht, die behauptet, ihr erstes gemeinsames Abendessen sei in einem chinesischen Restaurant gewesen (S.56), während er an anderer Stelle dem Leser glaubhaft macht, dass es ein indisches Lokal (S.22) gewesen ist.

Die Glaubwürdigkeit des Erzählers wird auch dadurch erschüttert, dass er den fiktionalen Text von Agnes wortwörtlich wiederzugeben scheint, obwohl sie den Text nach seiner vernichtenden Kritik gelöscht hat. Es ist aber unwahrscheinlich, dass er sich Monate später noch so genau daran erinnern kann, zumal er behauptet „den Text schnell und oberflächlich gelesen“ (S.42) zu haben. An dieser Stelle ist aber zu betonen, dass nicht klar ist, inwiefern der Erzähler durch den Autor Stamm über sich heraus wächst, also in Teilen auktoriale Funktionen hat.

Nicht zuletzt erhält sein Bild als vertrauenswürdiger Erzähler Risse, wenn er dem Leser nicht einmal vorenthält, dass er Agnes und Louise anlügt. Gegenüber Agnes verschweigt er den zweiten Schluss der Geschichte, den er während ihrer Krankheit schreibt. Auch gegenüber Louise ist er zurückhaltend mit seinen Informationen und verschweigt sie aus Eigennutz. „Ich erzählte Louise von Agnes und daß sie mich verlassen habe. Von dem Kind sagte ich nichts.“ (S.97) Damit unterschlägt er freilich den Grund für die Trennung bzw. seine Fixierung auf die Geschichte. Am Ende des Romans schläft er mit der Pranke-Amerikanerin, ohne ihr zu sagen, dass Agnes zurückgekehrt ist. Erst im Nachhinein beichtet er dies, als er merkt, dass Louise eine engere Verbindung wünscht. Nicht zuletzt die Tatsache, dass er ein professioneller Sachbuchschreiber ist, dürfte in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein. Auch wenn er nur geringe schriftstellerische Erfahrung zu haben vorgibt, muss man davon ausgehen, dass er sich der Macht der Sprache und ihrer Manipulationsmöglichkeiten bewusst ist. All diese Widersprüche setzt Peter Stamm bewusst ein, um das Vertrauen in den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen zu zerstören.

Lakonischer Sprachstil

Übereinstimmend charakterisieren Literaturkritiker und die junge germanistische Forschung Peter Stamms Stil als lakonisch, d.h. als verknappt und nüchtern, aber durchaus zutreffend. Epische Breite durch detaillierte Beschreibungen ist dem Autor fremd. Ebenso verzichtet er auf blumige Ausdrücke und setzt Adjektive und Adverbien nur sparsam ein. Er erzählt bevorzugt in knappen, teilweise extrem kurzen Hauptsätzen. Es gibt kaum syntaktische Gefüge. Meist stehen die Sätze unverbunden durch Konjunktionen nebeneinander.

Die nüchterne Wortwahl evoziert eine mehrdeutige Lesart. Unter der Oberfläche steht mehr als das, was jedes einzelne Wort bedeutet. Wie die Leitmotive der Kälte und des Todes zeigen, entfalten sie einen symbolischen Raum, der stets mitgedacht werden muss. Auch sonst verlangt der auf Ausschmückungen verzichtende Stil dem Leser etwas ab. Peter Stamm beschreibt dies so:

„Ich schreibe nicht: ‚Er nimmt das Telefon ab‘, sondern ich schreibe: ‚Das Klingeln hört auf‘. Und dann muss der Leser sich die Arbeit selber machen: Entweder ist das Telefon abgenommen worden oder es hat zu klingeln aufgehört.“

(Stamm, Vom Glück des Butterbrotstreichens, Interview Teil 2, http://www.buechergilde.de/archiv/ exklusivinterviews, 20.5.2011)

Die Reduktion der Worte hinterlässt einen unterkühlten Eindruck. Gerade dies korrespondiert aber mit dem Inhalt des Romans. Die emotionslose Sprache schafft die Atmosphäre für die Beziehungskälte zwischen Agnes und dem Erzähler.

„Alles ging sehr schnell. Wir küßten uns im Flur, dann im Wohnzimmer. Agnes sagte, sie habe noch nie mit einem Mann geschlafen, aber als wir ins Schlafzimmer gingen, warsie sehr ruhig, zog sich aus und [ … ] beobachtete mich mit ernstem Interesse. Sie war erstaunt, wie bleich ich war.“ (S.26)

Ein leidenschaftliches erstes Mal hört sich anders an. Überhaupt finden sich Gefühlsäußerungen selten. Der Erzähler ist nicht dazu fähig,

Dialogstruktur:

Der Anteil der dialogischen Passagen im Roman ist hoch. Da der Leser alles aus der vermittelten Perspektive des unzuverlässigen Erzählers erfahrt, vermitteln die direkten Äußerungen dem Erzählten scheinbare Authentizität. Dies gilt insbesondere für die Figur Agnes.

Die Dialoge zwischen den beiden Protagonisten spiegeln ihre innere Distanz zueinander. Sie sind das Resultat einer Selbstbezogenheit, die es nicht zulässt, auf den anderen zu reagieren. So haben die Gespräche etwas „Autistisches“ (Schmid, S. 185).

Typisch für Stamms Roman sind auch die nicht zu Ende gesprochenen Sätze, die ins Leere laufen.

Ohne Zweifel sind die Dialoge konstruiert, denn der Autor verwendet denselben Stil wie in den narrativen Passagen. Meist sind es kurze Aussage- oder Fragesätze. Auffällig ist darüber hinaus die ständige Identifizierung des Sprechenden, obwohl dies bei zwei Dialogpartnern eigentlich unnötig wäre.

„’Doch‘, sagte ich, ‚mit dem Bild, das ich mir von ihnen gemacht hatte. Vielleicht zu sehr, Meine damalige Freundin trennte sich von mir, weil sie sich in einer der Geschichten wiedererkannt hatte:‘ ‚Wirklich?‘; fragte Agnes, ‚Nein“ sagte ich, ‚wir haben uns auf diese Version geeinigt,’Agnes dachte nach, ‚Schreib eine Geschichte über mich‘, sagte sie dann, ‚damit ich weiß, was du von mir hältst:‘ ‚Ich weiß nie, was dabei herauskommt‘, sagte ich, ‚ich habe keine Kontrolle darüber, Vielleicht wären wir beide enttäuscht:‘ ‚Mein Risiko‘, sagte Agnes,,‘ du mußt nur schreiben:’“ (S. 50)

Die konsequente Verwendung von „sagte ich“ bzw. „sagte Agnes“ – eigentlich eine eklatante Verletzung des stilistischen Varianzgebotes – hat Methode. Die Monotonie des Ausdrucks gehört zur Lakonie des Erzählstils.

Schweigen – Ausdruck gestörter Kommunikation:

Häufig geraten der Erzähler und Agnes in ihren Gesprächen ins Stocken. Nicht selten steht am Ende das Schweigen. Das Versagen der Sprache geht dem Tod voraus. Es ist motivisch damit verbunden. Am deutlichsten wird dies schon ziemlich zu Beginn, als die beiden über die tote Frau vor dem Restaurant sprechen (vgl. S. 23f.)

Das Schweigen deutet in der Regel auf die fehlende Schnittmenge hin, auf die unüberbrückbare Distanz, die zwischen ihnen herrscht (vgl. S. 59f.)

Je länger die Beziehung andauert, umso gestörter ist die Kommunikation (Vgl. S.88-91, 125, 128-129, 138-141). Wie die Kälte, so schleicht sich auch das Schweigen immer deutlicher zwischen die beiden. Eifersüchteleien, Ungeduld und Egoismus entziehen dem Verhältnis seine Vitalität. Am Ende steht Agnes‘ Resignation: „‚Ich mag nicht streiten‘, sagte Agnes, ‚ich bin müde und krank'“ (S. 141).

Fazit

In einer Welt der Möglichkeiten, der medialen Dauerbelastung, der Aufmerksamkeitslenkung und der permanenten Kommunikation ist die Aufrechterhaltung einer Beziehung, die auf gegenseitigem Verständnis, gleichberechtigtem Handeln und offener Aussprache beruht, schwierig geworden. Stamm konstatiert in einem Interview über das Glück: „Das Leben hat kein Happy End.“[50]

Stamms Kurzgeschichten, Romane und Erzählungen zeichnen sich oftmals durch ihre Offenheit aus. Man könnte Agnes’ Erklärung zu ihrer eigenen Arbeit stellvertretend für Stamms Prosa nehmen: „Das Geheimnisvolle ist die Leere in der Mitte.“[51] Insofern scheint es auch nicht verwunderlich, dass Stamm selbst der Frage, ob Agnes nun wirklich stirbt oder nicht eher ausweichend antwortete:

Na ja, die Übereinstimmung ist nicht so klar. Man weiß nicht wirklich, ob sie das tut, was er aufgeschrieben hat. Für ihn tut sie es, glaube ich, das zeigt eher, in welcher geistigen Verfassung er ist, dass er eben gar nicht mehr anders denken kann, als dass Agnes vorzieht, was er geschrieben hat.[52]

Mit anderen Worten: Für beide Lesarten gibt es Anhaltspunkte. Für ihren Tod die zahlreichen Verweise auf dem Tod, die Kälte, das Verschwinden im Wald und eben jenen ersten Satz. Für ihr Leben eben jene Veränderung, die sie durchläuft, nachdem sie nach dem Verlorenen Kind zu ihm zurückkehrt. Insofern ist diejenige, die tot ist dann nicht Agnes selbst, sondern Agnes als Figur des Erzählers. „So gesehen kann man den Roman als den Entwicklungsprozess einer Selbstfindung deuten“.[53]

Jedoch findet sich noch ein anderer, für die Interpretation wichtiger Hinweis in den Worten von Stamm. Denn wenn wir wissen, dass der Ich-Erzähler durch sein egozentrisches, kontrollsüchtiges Verhalten versucht, Agnes zu manipulieren und sich in seinem personalen Erzählbericht als besser dastehen zu lassen, als er eigentlich ist, dann können wir annehmen, dass es noch einige Stellen mehr gibt, in denen er dadurch, dass er über Agnes und seine Mitmenschen vielmehr über sich spricht – freilich ohne dies zu reflektieren.

Insofern ist die Arbeitshypothese dieses Artikels über den Roman Agnes  „Genese und Konsequenz einer krankhaften Beziehung“ fernab des Todes von Agnes zutreffend. Die Entwicklung der Beziehung endet in dem Glauben an einen nicht mehr zu kittenden Zustand. Wir wissen nichts über das Ende von Agnes.

Wir wissen aber über den Ich-Erzähler, dass er in seinem Zustand verharrt. Denn der Roman beginnt ja eben mit dem passiven Ich-Erzähler, der, überzeugt von der Macht seiner Geschichte, in den medial perspektiveren Erinnerungen schwelgt, aber als passiver, nicht handelnder Mensch. Er hat den Ton ausgemacht. Kommunikation und Handlung, Offenheit und Gleichheit, sind für ihn am Ende und am Anfang gefahren, dies es auszuschalten und zu ignorieren gilt. Ist Agnes zumindest durch ihre vorherige Sozialisation ein anfälliger Charakter, ist der Ich-Erzähler tatsächlich geradezu Krankhaft. Vielleicht ist seine Krankheit die Moderne.

 

Und jetzt?

Im Gegensatz zu vielen anderen Fächern, reicht es leider im Deutschunterricht, insbesondere in der Kursstufe, nicht aus, alles, was man wissen können sollte, einfach auswendig zu lernen. Dies gilt im Besonderen für einen durchaus anspruchsvollen Text. Was kann man also mit all diesen Informationen anfangen. Zunächst sollte man versuchen, alles nicht nur zu lesen, sondern nachzuvollziehen, sich also zu jeder Zeit zu fragen, ob das, was hier steht, auch tatsächlich so ist. Danach kann man nur selbst üben. Das bedeutet, dass man einen Textabschnitt betrachtet, diesen versucht zu strukturieren, ein Thema bzw. einen Konflikt auszumachen und im letzten Schritt auf die größeren Themen hinweisen. Wirklich nachvollziehbar ist dies aber immer nur dann, wenn es sich aus dem Text ergibt. Themen, die sich abzeichnen, sind beispielsweise:

  • Liebe (als Kunst, als moderne Beziehungsform)
  • Literatur in der Literatur, Macht der Literatur
  • Die Funktion von eingebauten Episoden
  • Sprache und Schreibstil
  • Lebensentwürfe der Figuren
  • Kontrolle und Freiheit
  • Kommunikation
  • Nähe und Distanz

Zu all diesen Punkten finden sich hier einige Informationen. Am Schluss heißt es jedoch wie immer: Man muss es selbst machen, damit man besser wird.

Einleitungen

Da ich gefragt wurde, wie ein Basissatz auszusehen hat, einige Anmerkungen dazu:

Zu Beginn einer Klausur leitet man in das Thema ein und umreißt in groben Zügen die Problemstellung. Diese kann selbstverständlich variieren.

Beispiele für den Anfang einer Klausur

  1. Der 1998 erschienene Roman „Agnes“ des Schweizer Autors Peter Stamm erzählt die Beziehungsgeschichte zwischen einer Physikstudentin und einem um einige Jahre älteren Sachbuchautor. Zudem spielt das Verhältnis von Fiktion und Realität eine bedeutsame Rolle.
  2. Der 1998 erschienene Roman „Agnes“ des Schweizer Autors Peter Stamm präsentiert zwei fiktionale Ebenen. Zum einen wird die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten entfaltet, zum anderen wird die Geschichte, die der Ich-Erzähler über die Beziehung schreibt, eingebaut.
  3. Das Schwanken zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist ein grundlegendes Strukturprinzip des 1998 erschienenen Romans „Agnes“ des Schweizer Autors Peter Stamm, in dem zwei Geschichten erzählt werden, die sich gegenseitig bedingen und beeinflussen.

Mit diesen Einleitungen gehe ich auf die notwendigen Informationen und einen Aspekt der Thematik ein, der im vorgelegten Textauszug eine Rolle spielen könnte. Was sich daran anschließen muss, ist die Hinführung zum Textauszug.

Welches Thema oder welche Konfliktstellung genau in die Einleitung und den Basissatz muss, ist natürlich abhängig von der jeweiligen Aufgabe. Wenn die Aufgabe selbst nicht präzise formuliert ist, muss der Basissatz als Teil der Analyse das Thema oder den Konflikt erfassen.

Die Einleitung kann in besonderen Fällen mit einer Beschreibung, einem Zitat oder sonstigen Elementen beginnen, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen, jedoch ist dies nur dann zu empfehlen, wenn man im eigenen Schreiben sehr sicher ist und eine Idee hat, die sich präzise mit dem jeweiligen Thema verbinden lässt.

Hat dir dieser Artikel geholfen

Schlussbemerkung

Obwohl dieser Artikel versucht, einige wichtige Perspektiven zu eröffnen, sind bei weitem nicht alle Fragen beantwortet. Ausgelassen wurden unter anderem die Erzähltechnik, und die punktgenau und wenig emotionale Sprache des Romans wird nur am Rande erwähnt. Die intertextuellen Bezüge wurden nur in der Anmerkung über das Sonett von Shakespeare angedeutet. Auch dass der Roman als Vertreter der Postmoderne gesehen werden kann, spielt allenfalls nebenbei eine Rolle.

Gerne können in den Kommentaren Fragen gestellt werden. Ob diese alle beantwortet werden, kann jedoch nicht garantiert werden.

Mit der Hoffnung, dass dieser Artikel einige Fragen klären und Hilfe geben konnte

Bob Blume

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Literatur, Erklärungen, Anmerkungen

Fotomodell: Anne Schirmaier

Fotografie: Digitales Fotodesign Peter Kees 

[1] fehlerbehaftet

[2] Der Autor geht von folgender Version aus: Stamm, Peter: Agnes. 24. Auflage. Frankfurt am Main 2009.

[3] Malte Bremer: Peter Stamm, Agnes – oder wie man Schülern die Lust am Lesen austreibt. 19.4.2013. http://www.literaturcafe.de/peter-stamm-agnes-oder-wie-man-schuelern-die-lust-am-lesen-austreibt/ (Aufgerufen am 3.12.2016).

[4] Sabine Döring: Eiswinde in Chicago. An der Literatur erfroren: Peter Stamms gelungener Debüt-Roman. In Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr.94 vom 23.4.1999, S.42.

[5] Peter Stamm, Agnes, Zürich-Hamburg 1998. S. 62.

[6] Anmerkung: Eine Textverortung bzw. eine Kontextuierung ist in jeder Interpretation vorzunehmen. Anders als hier sollte jedoch der Rahmen so eng gefasst werden, dass ersichtlich wird, dass ein tatsächlicher Bezug besteht.

[7] Rowinska-Januszewska, Barbara: „Liebe, Tod und virtuelle Realität Zum Roman Agnes von Peter Stamm“ In Dariusz Komorowski (Hrsg.): Jenseits von Frisch und Dürrenmatt. Würzburg 2009.

[8] Stamm, Peter: Agnes. 24. Auflage. Frankfurt am Main 2009. S.41.

[9] Ebd. S.20.

[10] Ebd.

[11] Ebd. S.15.

[12] Peirano, Julia: Der Einfluss des Beziehungspersönlichkeitsprofils auf die Beziehungszufriedenheit und das Paarklima. Hamburg 2008.

[13] Fromm, Erich. Die Kunst des Liebens. München 2011. Christine Mersiowsky. Peter Stamm. Agnes. In: Johannes Diekhans. Einfach Deutsch. Unterrichtsmodell. Braunschweig, Paderborn, Darmstadt. 2012.

[14] Die unterschiedliche Wahrnehmung dieses Kennenlernen wird im weiteren Verlauf dieses Artikels unter der Überschrift Exkurs I: Textvergleich zwischen dem Erzählbericht des Ich-Erzählers und seiner fiktiven Geschichte über Agnes.

[15] Eine nützliche, jedoch aufgrund einiger Unzulänglichkeiten mit Vorsicht zu genießende Schülerarbeit von Laura Feldmann gibt bezüglich der Beziehung einige nützliche Hinweise.

[16] Anmerkung: Diese These ist exklusiv vom Autor dieses Textes.

[17] Ebd. S.43.

[18] Ebd. S.41.

[19] Anmerkung des Autors: Bitte achten Sie in Klausuren darauf, die Zitate in angemessener Länge anzugeben. Diese ist normalerweise nicht länger als drei Zeilen, wobei es dabei auf die Schriftgröße des Schreibenden ankommt.

[20] Ebd. S.43.

[21] bloßstellen

[22] Ebd. S.13.

[23] S.14.

[24] S.14.

[25] S.54.

[26] Diese Perspektive wird auch auf dem Buchdeckel der hier vorliegenden Auflage widergespiegelt, auf dem eine in der unteren Ecke des Buches zu sehende, an der Wand lehnende, nur in Unterwäsche gekleidete junge Frau nur grobkörnig und verschwommen zu sehen ist. Sie verschwindet förmlich.

[27] Stamm, Peter: Agnes. 24. Auflage. Frankfurt am Main 2009. S.41.

[28] fehlerbehaftet

[29] Agnes, S.50.

[30] Agnes, S.20, S.30.

[31] Ebd.

[32] Siehe: Eine literarische Selbstdiagnose.

[33] Agnes, S.20.

[34] Ebd. S.55.

[35] Ebd. S.120.

[36] Agnes, S.28.

[37] Ebd. S.143.

[38] Ebd. S.17.

[39] Ebd. S.50.

[40] Stamm, Peter: Agnes. Quellen. http://www.peterstamm.ch/quellen.php, aufgerufen am 11.12.2016.

[41] Agnes, S.50.

[42] Aus: Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949, in: ders., Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Herausgegeben von Hans Mayer. Band 2: 1944-1949.

[43] Agnes, S.55.

[44] Agnes, S.20.

[45] Agnes, S.26.

[46] Agnes, S.32.

[47] S.24.

[48] S.32.

[49] S.48.

[50] Peter Stamm: Vom Glück des Butterbrotstreichens (Teil a). Das Gespräch führten Ingmar Weber und Jürgen Sander mit Peter Stamm. Erschienen in: Büchergilde Magazin 2/2004. Frankfurt am Main, Wien und Zürich.

[51] Agnes, S.34.

[52] Peter Stamm anlässlich der Sankelmark-Tagung in Schleswig Holstein 2010 / Wird publiziert in: Literatur im Unterricht. Wissenschaftlicher Verlag Trier 12. Jahrgang, Heft 3, 2011

[53] Hartmut Vollmer, Peter Stamms Roman Agnes. Monatshefte, Vol. 100; No. 2, 2008, S. 270.

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Ein Kommentar zu Agnes von Peter Stamm: Eine ganzheitliche Deutung

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