POLITIK: Wie kann es nur soweit kommen?

IMG_0042Nach dem Eintreten des Unglaublichen, des Unvorhersehbarem, des Ungewünschten, nach dem „Erdbeben in der politischen Landschaft“, dem „Erdrutsch“, der „Katastrophe“, kurz, nach dem Sieg des Populisten, des Faschisten Donald Trump sind die Zeitungen, Blogs und Newskanäle voll von Erklärungen, wie es soweit kommen konnte. Ausklammern tun sich dabei alle nur selbst – und genau das ist unser größtes Problem.

Gehen wir einige Schritte vom Unfallort Wahl 2016 zurück und betrachten das gesamte Ausmaß. Wir sehen nicht nur die US-Wahl, in der sich ein narzisstischer, zur fast psychotischen Kurzschlussreaktion neigender alter weißer Mann zum höchsten Amt der Welt getwittert hat. Wir sehen das (schnelle) Sterben der Demokratie in der Türkei, das (langsamere) Sterben der Demokratie in Polen und Ungarn und den (behäbigen) Kampf von Restdemokraten gegenüber den im Aufwind befindlichen Rechtspopulisten von ganz Europa.

Dazwischen sind wir. Wir sind in diesem Fall diejenigen, die DIE ZEIT oder die taz lesen, die Süddeutsche oder die FAZ; wir sind diejenigen, die sich darüber beschweren, dass die Preise für den Häuserkauf immer teurer werden. Wir sagen, dass es ja nicht sein kann, dass sich bald nur noch Reiche Häuser leisten können und hören nicht zu, was das über uns sagt. Wir stellen und immer wieder die Frage: Wie konnte es dazu kommen, kennen aber keinen Amazon-Mitarbeiter, der täglich unsere Luxuspakete sortiert und im Monat mit einem Verdienst von 900 € seine Miete am Stadtrand, zwei Kinobesuche und kein Auto finanzieren kann.

Das interessiert uns auch wenig, denn uns geht es niemals um Ursachen, die uns einschließen. Natürlich sind wir kultiviert! Wir wissen, dass eine Avocado, bis sie bei uns angekommen ist, etwa 1000 Liter Wasser verbraucht. Wissen, dass unser Konsum dafür verantwortlich ist, dass irgendwo in Südamerika Menschen von Ihren eigenen Grundstücken fliehen müssen; Nennt uns ein Stichwort, wir können etwas tiefgreifendes dazu sagen. In den meisten Fällen belegen wir unser Wissen mit einer tatsächlichen Statistik und einer wohlfeilen Formulierung. Denn insgeheim führen wir dieselben Gespräche mit den anderen kultivierten Menschen immer und immer wieder. Deshalb hören wir den anderen auch immer weniger zu, selbst wenn Sie in unserer Gehalts- und Arroganzklasse sind.

Es geht uns nämlich eigentlich nicht um die Frage, wie „es dazu kommen konnte.“ Es geht uns darum, wie es aufhört, ohne dass wir einen Finger rühren. Diejenigen von uns, die sich ein wenig weiter heraustrauen als bloß die böse, weiße Mittelschicht zu verteufeln, stellen ab und zu eine Frage, die zumindest am eigentlichen Problem nagt: „Was sollen wir nur tun?“ wird dann mit einem Schuss Pathos und einem Schulterzucken gefragt. Das Schulterzucken ist die Rückversicherung, denn wenn uns jemand eine Antwort geben würde, die darauf hinauslaufen würde, dass „tun“ tatsächlich eine Handlungsform ist, könnten wir unsere in weiteren zahlreichen Gesprächen vorgefertigte Entschuldigung liefern, warum ausgerechnet wir zwar die Welt erklären und definieren können, aber unsere Wirkungsmacht hinter ein paar schön formulierten Tweets oder einem politischen Gespräch bei gutem Wein endet.

Und natürlich haben wir Recht (denn wir haben immer Recht). Natürlich ist es schwer, zwischen all der Arbeit (die wir haben) und dem Geld (das wir nicht wenig verdienen), der Zeit für unsere Kinder (die wir verehren) und den Dingen, die man sich „auch mal gönnen muss“ (was wir können) sich aufzuraffen und auf eine Demonstration zu gehen; Es werden sich schon genug finden, sind wir sicher, und schicken unsere solidarischen Grüße.

Früher war es wohl mal anders, nach all dem, was man so hört und was man so weiß. Damals reichten einige unsichere wissenschaftliche Erkenntnisse, um uns und unsere Eltern in Scharen gegen das Waldsterben auf die Straße zu treiben. Damit haben quasi wir dafür gesorgt, dass mit den Grünen unsere Forderungen in das Establishment gedrückt wurden. Das Establishment, dass wir damals so verachteten, von dem unsere Eltern als Studenten sagten, dass „der Muff von tausend Jahren“ in den Autoritäten stecke. Nun dürften wir wissen, dass es uns wohl nicht darum ging, dass die Eliten uns bestimmten. Uns ging es nicht um den Widerstand, sondern darum, dass wir es unfair fanden, nicht dazuzugehören.

Nun haben wir einen Job; oder wir studieren. Wir verdienen vielleicht nicht so viel wie ein Manager (aber die meisten von uns kennen einen oder kennen einen, der einen kennt; das lässt sich ja heute überprüfen), aber wir können es uns leisten, eine Putenbrust für 10 € zu kaufen, weil wir diese Massentierhaltung ablehnen (klar, wir gehen auch „ab und zu“ zu MacDonalds, zu tausenden, zu hunderttausenden, aber wir reden nicht gerne darüber, weil es uns etwas peinlich ist). Wir können mitreden und reden mit. Wir lesen die Feuilletons und würden lachen, wenn es tatsächlich jemanden gäbe, der nicht wüsste, wie man es ausspricht.

Dazwischen sind also wir. Obwohl wir noch nicht einmal eine leise Ahnung haben, warum Menschen in unserem eigenen Land so einen Aufstand machen, warum Sie seit einem Jahr jeden Montag auf die Straße gehen. Obwohl wir oft eher einen Werbedesigner als einen Tischler oder Bauarbeiter kennen, meinen wir, dass wir alles wissen. Nicht von unten. Von oben. Wir erklären uns die amerikanische Wahl (und wir dürfen das, denn wir waren in Amerika, in diesem Land mit 320 Millionen Menschen; irgendwo waren wir und das ist unsere Legitimation). Wir sprechen von Hillary und den E-Mails und verstehen nicht, wie man nicht verstehen kann, dass das eigentlich nicht so schlimm ist (aber wir sitzen auch nicht in einem Trailerpark in Utah fest, in der unser flimmernder Röhrenfernseher von Gendertoiletten schwafelt, während wir unsere Bohnendose aufmachen). Ach, diese wohlklingenden Stereotype!

Wir spüren den Hass nicht. Wir spüren nur kultivierte Empörung, mit der wir uns nach jedem weltpolitischen Ereignis wissend gegenseitig in die tränenerstickten Augen schauen. Mit all der Deutungsmacht eines mittelgroßen Blogs sage ich, der Autor, der sich in diesem Wir genauso wohl fühlt wie all die Leser, die es bis hierher geschafft haben: Es geht nicht darum, wie es dazu kommen konnte. Denn wenn wir ehrlich sind, wissen wir das mit Sicherheit nicht einmal für die zahlreichen Katastrophen der Weltgeschichte. Die Frage ist, wie es so weit kommen kann. Das Allgemeine schreit uns an! Und wir werden sie erleben, die Le Pens, die Hofers, die Gaulands, die Petrys, die Erdogans.

Eigentlich kennen wir die Antwort. Demokratie, Rechtstaat, Gesellschaft. All das funktioniert als System, als Technokratie, ja. Aber diese Begriffe werden mit dem Glauben gefüllt. Unserem. Und wenn dieser Glauben schwindet, dann muss gehandelt werden. Nicht nur dagegen, sondern auch dafür. Wir wissen es. Aber dafür müssten wir raus. Und es regnet. Ich würde ja auch was machen, aber dieser Blogartikel reicht jetzt erstmal für die nächsten zwei Monate. Außerdem habe ich zu arbeiten, damit ich mir ein schönes Buch kaufen kann, dass in wunderbarer Prosa erklärt, warum wir unser eigenes Scheitern nicht mehr sehen.

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4 Kommentare zu POLITIK: Wie kann es nur soweit kommen?

  1. Pingback: Was wir jetzt tun können | Bob Blume

  2. Pingback: Liberal Supremacy | Bob Blume

  3. brasch sagt:

    Danke, habe gerne zugehört und fand mich und meine Gedanken dazu wieder. Bei Gelegenheit vielleicht ergänzend dazu: https://thomasbrasch.wordpress.com/2016/11/11/warum-sind-wir-heute-so-wie-wir-nie-sein-wollten/

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