LITERATUR: Herr K. geht in die Stadt  

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Stellen wir uns einen Ort vor, an dem viele Menschen vorbeigehen. Vielleicht den Anfang einer Einkaufsstraße. Wenn man den ersten Schritt über die roten Pflastersteine macht, sieht man auf der rechten Seite einen Bäcker. Daneben einen Tchibo-Kaffeeladen und vielleicht ein Geschäft für Frauenmode. Auf der rechten Seite ist ein Laden für den modischen Jugendlichen. Daneben ein Friseur.

Nehmen wir weiter an, dass ein Herr K., der ungerne Brecht liest und nicht weiß, dass er als Weiterführung einer literarischen Figur missbraucht wird, diese Läden zwangsläufig passieren muss, weil er als Fotograf in einem Laden etwas weiter wohnt. Er hat also ein örtliches Abonnement. Er könnte auch von der anderen Seite kommen, aber das will Herr K. nicht. Herr K. ist über 50, männlich, weiß, hat Bluthochdruck, Glutenintoleranz und eine Weizenallergie. Und eine Glatze.

Herr K. ist außerdem stadtbekannt. Manche sagen, er terrorisiere die Menschen hier. Dabei will er nur seine Meinung sagen.

Er geht also jeden Morgen eine halbe Stunde früher los.

Er geht in die Bäckerei. Noch ist sein Gesicht nicht rot.

Er wartet, bis er drankommt. Dann ruft er: „Ich habe Allergie! Und Sie verkaufen hier Brot, nichts als Brot. Wissen Sie, was mit mir passiert, wenn ich das esse? Schämen sollten Sie sich.“

Er geht weiter und in den Tchibo-Laden. Wartet. Erhebt seine Stimme: „Ich habe Bluthochdruck! Und Sie verkaufen hier Kaffee, nichts als Kaffee. Wissen Sie, was mit mir passieren würde, wenn ich das trinke? Wollen Sie meinen Tod? Sie sind mitschuldig!“

Wenn er herauskommt, atmet er schon stärker.

Er geht in den Laden für Frauenmode.

Er wartet.

Er schreit: „Glauben Sie, dass ich das nicht merke. Früher mag hier ein Männerladen gewesen sein. Heute nur noch der Tand für das schwache Geschlecht. Unsereiner will auch leben! Sie werden es schon noch merken, was passieren kann.“

Er schäumt vor Wut, geht in den Laden für Jugendliche.

Wartet nicht.

Schubst eine Kundin um.

„Damals hatten wir das nicht! Nichts! Und nun, da ich alt genug bin, da ich so alt bin, gibt es die Sachen, die nur für Junge sind. Wir töteten und wurden getötet und Sie verkaufen hier diese Dinge?“

Er hat einen roten Kopf, er schnaubt, die Spucke läuft an den Rändern seines feuchten Mundes entlang.

Als letztes geht er in den Friseurladen. Er schnaubt, heult, schlägt seine Faust in die Hand. Er brüllt: „Was glauben Sie, wer Sie sind? Schauen Sie an, was dort oben bei mir ist? Keine Haare! Glauben Sie, deshalb bin ich ein Mensch zweiter Klasse?“

Der Friseur kann nicht mehr antworten. Herr K. ist hinausgestürmt.

Er geht langsam zu seinem Laden. Er hat einen wichtigen Gedanken. Es kann ja nicht nur ihm so gehen. Er bräuchte mehr Leute, über 50, männlich, weiß, mit Bluthochdruck, Glutenintoleranz und Weizenallergie. Und mit Glatze. Er würde sie mitnehmen und irgendwann gäbe es hier keine Ladengeschäfte mehr, die ihn gezielt abhielten ein Mensch zu sein.

Dann geht er in seinen Laden. Ein kleines Kind kommt herein. Er macht Passbilder. Lächelt.

Herr K. gibt es natürlich nicht in Wirklichkeit.

Sondern nur in Kommentarspalten.

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