PERSÖNLICH: Warum ausgerechnet Schalke?

Ge Schalke

Schon lange wollte ich darüber schreiben, was einen Menschen veranlasst, sich sportlich einem chronischen Sadismus hinzugeben. Und das ausgerechnet im Süden dieser Republik, wo Schalke-Fans allenfalls dann angetroffen werden, wenn sie mit ein paar Hopfen-Smoothies durch den Schwarzwald wandern, weil „et da so nett is“. Ob Zufall oder Tradition, einen Verein wie Schalke sucht man sich eigentlich nur aus, wenn man nicht alle Latten am Zaun hat. Und das ist auch gut so.

Im Gedächtnis von Restdeutschland kommt man, wenn man sagt, dass man aus dem Ruhrgebiet kommt, quasi gerade frisch aus der Grube. Man hat noch die Kohle im Gesicht und braucht einen Trockner, damit die frisch aufgehängte Wäsche nicht auf dem Balkon einschwärzt. Lachen Sie nicht, das war schon so, nur ist es ein paar Jährchen her. Die Menschen sind, nett gesagt, eigen. Aber wenn dich der Busfahrer anschreit, weil du ihn mit Fragen nach dem Weg nervst, anstatt auf den Plan zu schauen, hat er ja auch irgendwie Recht. Und wenn einer mal was Nettes sagt, dann meint er es auch so. Immer.

Ortszeichen Hagen-Haspe

Ortszeichen Hagen-Haspe

Und genau da, irgendwo zwischen Bochum und Hagen stehe ich mit einem anderen kleinen Dötzken direkt am in meiner Erinnerung riesigen Eingang des Kindergartens. Es ist Herbst, aber wir waren gerade draußen, haben Fangen gespielt und sind klitschnass. Ich habe jetzt schon ein wenig Schiss, dass Frau Kirsten wieder einen Anfall kriegt bei dem die Augen zur Seite zucken. Wir laufen die drei, vier Treppen zu der Tür, da fällt mir noch eine wichtige Frage ein, die ich unbedingt geklärt haben möchte, bevor uns die Kindergärtnerinnen wieder zu irgendwelchen Beschäftigungen zwingen (außer natürlich Frau Milz, die ich heiraten will und bei deren Namen ich immer an Zimt denken muss, den ich liebe).  Ich schaue Benny an.

„Was für ein Fan bist du eigentlich?“

„Schalke 04, und du?“

„Ich auch.“

Das war’s. Kein Mythos wie der von Schalke 04, sondern eine schnelle, kindliche Reaktion, sich aus einer schwierigen Situation zu entwinden. Was hätte ich auch sagen können? Weiß ich nicht? Das wäre nicht gegangen, außerdem waren wir kurz auf dem Weg zur Schule. Ob das alles genau so verlaufen ist, ist nicht 100%ig gesichert. Mein Opa, den man im Pott Oppa ausspricht war jedenfalls auch Schalke-Fan, hatte in seinem Erziehungsauftrag aber insofern versagt, als dass meine Onkel alle Anhänger dieses komischen Vereins in Lüdenscheid-Nord sind. Sie wissen schon, die anderen. Genug davon. Von Benny konnte ich lernen.

Benny war in meiner Klasse und hatte auch eine Alliteration als Namen, bei der man nicht ernst bleiben konnte. Sein Vater hatte in aus einer Laune heraus und mit dem Wissen, dass mit dem FC Schalke 04 in den 90ern nun wirklich nichts zu holen war, versprochen, dass, wenn die Königsblauen einmal international spielen werden, er mit seinem Sohn solange zu den Spielen gehen werden, bis sie rausfliegen würden. Ich schätze, dass der Papa damals dachte, dass dies schnell so sein würde. Der Ausgang der Geschichte ist für jeden Schalker bekannt. 1997, Elfmeterschießen, Wilmots, linke, untere Ecke. Uefa-Cup-Sieger.  Die Spieler wurden zu Legenden, der Trainer zum Jahrhunderttrainer.

Auch wenn sich im Internet, dass in den 90ern natürlich noch nicht so ausgeprägt war, nicht mehr die Geschichte über Benny findet, bin ich mir sicher, dass Jahre später in der Westfälischen Rundschau ein Feature über diesen komischen Kauz herauskam, der über mehrere Jahre kein Spiel von Schalke verpasste. Keins. Er folgte Schalke in den Urlaub in die Türkei, nach Dubai – ja, ich würde mich nicht wundern, wenn er auch in China dieses Jahr dabei gewesen wäre. Eben nicht mehr alle Latten am Zaun. Wunderbar.

Jahre davor war es mir ernst mit Schalke. Ich sammelte während der Sportschau (denn live spielten sie ja so gut wie nicht), Ecken, Flanken, Torschüsse mit meinem damaligen besten Freund. Die Freundschaft sollte mit 12, also 1994 auf die bis dahin härteste Probe gestellt werden, als der feine Herr ein Training vom Erzrivalen besuchte und sich danach entschloss, die Vereine zu wechseln. Aber davor waren wir blau-weiße Seelen. Wir rechneten aus, ob es noch auf den 13. Platz reichen würde, oder ob es doch wieder nur nahe am Tabellenkeller sein sollte. Meine Onkel, man kann es sich vorstellen, zelebrierten damals den Spruch: Willst du Schalke oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Schlimm.

Tabellenplatzierung des FC Schalke 1964-2011

Tabellenplatzierung des FC Schalke 1964-2011

 

Ich erlebte die Herrschaft von „Sonnenkönig“ Günter Eichberg Anfang der 90er, die Jahre in der 2. Liga und den Sprung zurück in die Bundesliga. Es war immer was los. Vor allem aber werde ich nie mein erstes Spiel vergessen, auf das viele weitere im ehrwürdigen Parkstadion in Gelsenkirchen-Buer folgen sollten.

Zusammen mit meinem Vater ging es „auf Schalke“, wie man bei uns sagt. Das Spiel ging 2:0 aus, wir jubelten. Aber das, was am meisten in Erinnerung blieb, war die angespannte Stille, die durch eine Trompete, die kaum zu hören war, durchbrochen wurde und ein markerschütterndes „ATTACKE!“ aus 60.000 Kehlen. Wie ich zusammenzuckte, dachte, ein Meteorit habe eingeschlagen, panisch durch die Gegend schaute und merkte, dass dies genauso ein Ritual war, wie die vielen anderen Gesangseinlagen der Schalke-Fans. Spätestens da hatte mich der Verein.

Was danach kam, waren verschiedenste Erlebnisse, die ich nur noch punktuell zusammenreimen kann. Das lange Yves, das bei dem später leicht intellektuellen Eigenrauch, einem Fußball-Arbeiter, durch das Stadion kroch und für Gänsehaut sorgte. Ingo Anderbrügges linker Fuß, der einen Ball so wuchtig gegen die Hände des Torhüters schoss, dass der Ball samt Händen ins Tor ging. Oder beim 3:3 gegen Mönchengladbach, als der Ball, nachdem er gegen die Latte gezimmert wurde fast bis zur Mittellinie zurücksprang. Oder als es 0:1 stand und mein Vater in der 86. Minute gegen die Bayern sagte, wir sollten losgehen, damit wir schneller heraus kommen könnten und ich sagte, wir bleiben und dann Youri Mulder das 1:1 schoss. Oder die Schlägereien mit dem Erzfeind auf dem großen Feld vorm Parkstadion. Massenschlägereien. Ich hatte Angst, aber es war aufregender als alles, was ich kannte. All die Skandale. Das Siegt gegen Bayern durch Kopfball Andreas Müller 1996. Olaf Thon sorgt dafür, dass Schalke wieder einen Nationalspieler hat. Das Tor von Torhüter Lehmann in der verbotenen Stadt.

Irgendwann im Mai stehe ich am Beckenrand eines Schwimmbades. Ich leite Jugendgruppen und mache mein Rettungsschwimmerabzeichen. Mein bekloppter Freund, der wie ich die Gruppe leitet, hat mir einen Tag vorher Bescheid gesagt und gemeint, dass das nicht so schwer ist. Die Leute, die auch da sind, sagen, sie haben wochenlang geübt. Toll! Irgendwie schaffe ich es aber, mit weißen Anziehsachen meine Runden zu drehen und jemanden zu „retten“ (auch wenn ich das Gefühl habe, beinahe selbst drauf zu gehen). Nur noch tauchen muss ich. Das Radio ist ein wenig an und was ich höre, kann ich nicht glauben. Schalke ist kurz davor, Meister zu werden. Es ist der 19. Mai 2001. Ich renne zum Bademeister, RADIO LAUTER!, es sind ja nur ein paar Personen da. Abpfiff. Schalke ist Meister. Ich hüpfe, renne, schreie – die Leute müssen denken, ich habe den Knall nicht gehört. Habe ich auch nicht. Denn das nächste, was ich höre ist, dass es noch einen Freistoß gibt in Hamburg, wo Bayern spielt. Und dann höre ich den Reporter schreien, kapiere nichts, alles ein Missverständnis. Bayern macht das Tor, aus, Schluss, vorbei. Ich bekomme mein Abzeichen und bin traurig bis auf die Knochen. Die nicht gewonnene Meisterschaft, auf der aufbauend so viele böse Gehässigkeiten anderer Bundesligisten beruhen, ist ein Brandmal auf der Schalker Seele, aber es bedeutet auch etwas anderes: Wenn Schalke jemals Meister werden sollte. Wenn, ja wenn. Dann wird das die größte Feier, die Deutschland je gesehen hat. Entschuldigung, da kenne ich nichts. Und der Trainer, der dies schafft, wird mit einer Statue geehrt werden. Das ist keine Metapher.

Nebenbei gesagt, hat mir mein ehemaliger Chef in einem schwachen Moment zugesagt, mit mir auf die Feier nach Gelsenkirchen zu gehen. Ich werde dieses Versprechen einzulösen wissen.

Ich bin lange, lange nicht zu so vielen Spielen gegangen wie der legendäre Benny Hagen, dessen Banner jedes Mal in der Arena sowie bei Spielen der Nationalmannschaft hängt (Nebenbei: Als ich das große schwarz-weiße Banner mit der Aufschrift „Wir trauern um Benny!“ las, dachte ich, er sei verstorben. Hektisch telefonierte ich herum, bis sich herausstellte, dass es „nur“ um das Banner selbst ging, das von verfeindeten Fans gestohlen wurde). Aber ich bin Fan, im Guten wie im Schlechten.

Ich fiebere jedem Spiel hin und habe beschissene Laune, wenn Schalke verliert. Mehr noch: Ich genieße kein einziges Spiel. Ich habe eher die Schalke-Krankheit, erkläre, warum dieser und jener Gegner ganz besonders schwer ist, warum wir dieses Mal nicht gewinnen oder warum ich ein mieses Gefühl habe. Ich schwitze, zittere, wenn sie spielen. Ich kann nichts machen. Wenn Schalke ein Tor schießt, dann schreie ich nicht, ich brülle (das bekam ein ehemaliger Kollege am eigenen Leibe zu spüren. Er sagte über sich, er sei Fan, aber nachdem er mit mir ein Spiel gesehen hatte, war er merkwürdig still. Er kam nicht mehr vorbei). In den Freiburger Kneipen war ich der einzige, der das tat. Die Blicke auf mir, ich, schreiend, was soll’s! Schalke! Meine komplette Nachbarschaft wird nach dem Sieg gegen Porto gedacht haben, dass sie mich abholen müssen.

Heutzutage sauge ich die Nachrichten auf wie ein blau-weißer Staubsauger. Ich weiß alles, alles, was wahr ist und alles was falsch ist (zumindest glaube ich das). Und ich habe einmal mehr eine Schalker Krankheit: Die Hoffnung, dass alles anders wird. Aber gepaart mit dem Schalker Pessimismus kommt dabei immer etwas Undefinierbares heraus.

Vielleicht ist Schalke die Erinnerung an den Herbsttag. Mich schüttelt es bei dem Gedanken, mir vorzustellen, dass Benny einen anderen Namen und ich trotzdem „ich auch“ gesagt hätte.

Vielleicht ist Schalke aber auch all das, was mich an meine Heimat erinnert. Die Leidenschaft, die derbe Ausdrucksweise, die Menschen, die zwar vielleicht nicht alle viel haben, aber eines sicher wissen: Einmal Schalke, immer Schalke!

 

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