BILDUNG: Liebe Schülerinnen und Schüler

IMG_0869ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag, an dem ich nach ein paar Wochen im Referendariat und nach mehreren Jahren Universität einen Tag erleben sollte, wie ihn ihr, die Schüler, erlebt. Meine Aufgabe, über die ich schreiben sollte, war es, eine Klasse den ganzen Tag lang zu „verfolgen“, um nachzuvollziehen, wie es ist. Was genau dieses „es“ sein sollte, verstand ich erst hinterher, denn zuvor war es mir rätselhaft, wieso ich etwas tun sollte, was ich doch auch 13 Jahre lang gemacht hatte.

Ich ging also mit einer 8. Klasse mit. Ich erinnere mich an so gut wie nichts mehr vom Unterricht, sondern nur an das Gefühl der immer größer werdenden Überforderung. Klar, ich war nicht „im Stoff“, aber das Hin- und Herlaufen von Klassenraum zu Klassenraum, die unterschiedlichen Lehrer und deren unterschiedlichen Art und Weise, die gänzlich unterschiedlichen Fächer, all das war geradezu überwältigend. Dabei war es ein ganz normaler Schultag.

Dazu kamen die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Lehrer. Ich erinnere mich an einen, der, nachdem die Hausaufgaben von einigen nicht gemacht wurden, genau diese nach vorne holte, um an einer Mathe-Aufgabe zu scheitern (was vorher klar war), nur um dann zu sagen, dass sie versagen werden. Schlimm. Was will ich damit sagen?

Heute, als ein Lehrer, der ein paar Jahre im Beruf ist, vergesse auch ich manchmal, was es heißt, als Schüler von Klasse zu Klasse, von zu Lehrer zu Lehrer, von Fach zu Fach, von Thema zu Thema zu rennen. Immer daran denken zu müssen, was noch zu machen ist, was gemacht wurde und was vielleicht nicht gemacht wurde. Zu wissen, dass von einem erwartet wird, in allem zu bestehen, am besten noch alles ohne Murren auszuführen, sogar Spaß zu haben zu jeder Zeit, in jeder Stunde und Minute.

Im Prinzip erwarten wir Lehrer von euch, dass ihr Universalgenies seid und werdet, dass ihr genauso gut Mathe wie Deutsch könnt, die Biologie vom Kleinsten bis ins Größte versteht, in der Geschichte schwimmt wie ein Fisch im Wasser. Und wenn ihr das nicht tut, dann weisen wir euch zurecht. Natürlich meinen wir es gut, aber wie viel ist gut gemeint und kommt nicht so an. Ich spreche da von beiden Seiten des Ufers.

Deshalb ist es nun, am ersten Ferientag, an der Zeit das zu sagen, was ich ab und zu sage, öfter denke, aber viel zu selten wiederhole: Seid stolz auf euch!

Seid stolz darauf, dass ihr dieses Schuljahr so viele Blätter vollgeschrieben habt, obwohl man euch ständig vorhält, gar nicht mehr zu schreiben. Seid stolz darauf, euch auch in Themen verbissen zu haben, die euch vielleicht nicht interessieren. Seid stolz darauf, dass ihr es in einem Fach, das ihr nicht mögt, eure eigenen Erwartungen zu übertreffen. Und dass ich es bei einem Lehrer geschafft habt, ein Ziel zu erreichen, obwohl ihr ihn überhaupt nicht mögt. Seid stolz darauf, dieses ganze Jahr an so unterschiedlichen und vielfältigen Themen gearbeitet zu haben, dass von 100 Jahren jeder Universalgelehrte vor Neid erblasst wäre. Ihr habt die Ferien verdient.

Natürlich heißt das nicht, dass ihr nun voller Eigenlob die Lorbeeren aufsetzen und nie wieder was tun sollt. Was denkt ihr? Ich bin ja immer noch Lehrer.

Aber diejenigen von euch, die die Schule nicht am ersten Tag zurücklassen, sondern sich noch ganz kurz an all das erinnern, was das Jahr über erlebt wurde, können dies mit einem guten Gefühl tun, dass sie etwas erreicht haben, auf das sie stolz sein können.

Und alle, die die Schule sofort hinter sich lassen natürlich auch.

 

Und jetzt hört auf, in den Ferien einen Text von einem Lehrer zu lesen. Was sollen denn die anderen von euch denken 😉

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4 Kommentare zu BILDUNG: Liebe Schülerinnen und Schüler

  1. Einen so praktizierten Perspektivwechsel sollten wir wohl häufiger mal anbahnen – am besten in beide Richtungen. Ich bin mir sicher, er bewirkt Wunder in Hinblick auf die Motivation. Schöne und erholsame Ferien!

  2. Siegfried sagt:

    Ach neee…
    Ich erinner mich noch an eine Mathe-Lehrer, der uns immer reichtlich an Hausaufgaben mitgegeben hat. So viel, dass irgendwann die Klassenbeste ihn fragte, wie lange wir denn daran sitzen sollten. Der Mathelehrer war der Auffassung, dass täglich mindestens 6 Stunden Mathe-Hausaufgaben angemessen wäre. Dass wir auch noch andere Fächer hatten, war ihm wohl entfallen. Klar, 1 Stunde Unterricht plus 6 Stunden Hausaufgaben, das sind 7 Stunden pro Tag. Also eine weniger als bei Berufstätigen. Aber dann kommen noch Deutsch, Englisch, Latein, Physik, Biologie, Chemie, Geschichte dazu. Desweiteren noch ein paar Fächer ohne Hausaufgaben wie Sport und Religion. Also ein Arbeitstag von 8*7 Stunden plus noch zwei Stunden, also einen lockeren Arbeitstag von 58 Stunden. Kein Problem, der Tag hat 24 Stunden, und wem das nicht reicht, kann ja auch noch die Nacht dazu nehmen. Und wer das nicht schafft, ist eben ein Versager. Auch heute, etwa 50 Jahre später, hasse ich dieses System noch immer.

    • Bob Blume sagt:

      Wenn man das so hört, kann man das verstehen. Es gibt aber Leute, die versuchen, daran zu arbeiten. Glaub‘ mir. Liebe Grüße

      • Siegfried sagt:

        Ich hoffe es. Das Problem dabei ist, das hängt weniger von den Schulbehörden ab, sondern viel eher von den einzelnen Lehrern. Gerade die Schüler haben es nicht mit der Schulbehörde zu tun, sondern mit ganz konkreten Lehrern. Und hier ist nicht nur Persönlichkeit gefragt, sondern auch Können und Kompetenz im Umgang mit Kindern. Ob diese Kompetenz vorhanden ist, merkt man vor Allem daran, ob der Lehrer in der Lage ist, auch auf sehr unterschiedliche Kinder einzugehen. Das ist die eigentliche Kunst. Nicht nur jeder Lehrer ist ein Individuum, auch jeder Schüler. Ich gebe zu, ich war damals eine Nevensäge. Bin ich vermutlich heute noch. Mein besonderes Hobby war es, auf Hausaufgaben und Heftführung praktisch gänzlich zu verzichten. Damit sind insgesamt nur drei meiner Lehrer zurecht gekommen. Ein Mathe-Lehrer versuchte mich auf Teufel komm raus in die Sonderschule abzuschieben. Eine Deutschlehrerin ist an mir wohl verzweifelt. Eine Englischlehrerin hat es akzeptiert, ohne wenn und aber, und prompt wurde ich in Englisch sehr gut. Ich weiss, solche Aussenseiter sind für Lehrer nicht ganz einfach. Aber genau das ist die Kunst des Lehrens. Ich beneide Sie nicht um diese Aufgabe.

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