POLITIK: Teil der Maschine

Universität_20140419_0048_smallWieder ein Terrorakt, dieses Mal Deutschland, Berlin, wieder viele Tote und wieder die Fragen: Was kann man als Einzelner machen? Wie soll man sich verhalten? Die einfache Antwort ist: Wir sind Teil der Maschine. Ein persönlicher Gedanke zu Berlin und dem medialen Treiben. 

Ich sehe um 8 Uhr die ersten Eilmeldungen auf Twitter. Es geht um einen Unfall, aber ich habe ein komisches Gefühlt. Ich gehe ans iPad und öffne SPIEGEL. Ich sehe wieder einmal etwas, das mich schockiert. Ich lese es nach. Ich lese Reaktionen. Ich lese Mutmaßungen. Ich gehe wieder auf Twitter. Ich lese Kommentare. Betroffenheit. Dann irgendwann kommt der Satz, der immer da steht: „Das ist doch genau das, was sie wollen.“ Stimmt. Und wir machen mit. Wir machen wieder mit.

Das ist keine politische Analyse, denn ich bin einer Überzeugung, die meine konservativen Bekannten so auf die Palme treibt: Wenn wir in einer freien Welt leben wollen, werden wir damit leben müssen, dass terroristische Akte passieren können wie Autounfälle. Wir haben nur diese Chance oder wir setzen die Totalität um, die von den Terroristen gewünscht ist. Wir und die. Die totale Ausgrenzung aus dem Wunsch nach Sicherheit. Festgemacht an Ethnien oder Aussehen. Das will ich nicht.

Es ist ein persönlicher Gedanke. „Am I part of the cure or am I part of the disease?“ Wir sind Teil der Maschine. Schock. Kommentar. Kommentar über Kommentar über Kommentar. Wir schreiben den Schrecken weiter. Wir verbreiten ihn. Wir sind Teil des Schreckens.

Ich sprach mit meiner Mutter. Sie erzählte, dass sie das schlimm fände und das deshalb den ganzen Tag darüber berichtet würde. Dann sagte sie, was sie heute machen würde. Spielt keine Rolle, was. Sicherlich nicht in den sozialen Netzwerken hängen und die neueste Entwicklung abwarten.

Ich schreibe ins Internet, dass mich das schafft (was es tut). Dann lege ich das iPad weg. Dann nehme ich es wieder. Ich schaue, was die ZEIT schreibt. Dann schaue ich, was die BILD schreibt. Warum tue ich das? Will ich einen Screenshot machen, um zu zeigen, wie schlecht es ist, was die BILD schreibt? Werde ich auf Kosten der Opfer eine eigene kleine Kampagne starten? Das Schlimme ist: Auszuschließen ist es nicht.

Jemand auf Twitter holt einen Tweet wieder hoch, in dem er sagte, dass es wieder einer der Tage ist, an dem man froh sein kann, nicht am falschen Ort zu sein. Guter Gedanke. Und zynisch.

Gerade soziale Netzwerke sind goutierte Selbstspiegelungen, die mit kollektivem Klatschen bezahlt werden. Auch ernst gemeint, klar. Aber möchte ich das? Ich möchte es nicht. Wie konsequent bin ich?

Ich gehe wieder auf Twitter. Sind meine Gedanken noch bei den Opfern der Tragödie oder überlege ich gerade, wie ich in 140 Zeichen etwas sehr Nachdenkliches schreiben kann, dass dann viele Leute spiegeln können? Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Wir sind Teil der Maschine und wir machen mit. Wir können nicht anders. Das Internet ist ein natürlicher Teil von uns. Die Terroristen wissen das. Sie haben uns in kleinen Fenstern gefangen, in denen wir wieder und wieder über sie schreiben.

Dass wir uns die Freiheit nicht nehmen lassen.

Dass es nun genug ist. Dass wir verzweifelt sind. Dass wir nicht verzweifelt sind. Dass man sich nicht äußern soll. Dass man sich äußern soll. Dass doch bitte keiner etwas dazu sagen kann.

Jemandem fällt auf, dass die Hashtags vielleicht nicht gut gewählt sind. Gut gemacht! Der Tweet kriegt viele Herzen. Bald wird es vielleicht Witze geben. Und die, die das stört. Wir kommen nicht raus. Wir sind Teil der Maschine.

Dass ich darüber einen Blogeintrag schreibe, ist vielleicht meine Art, damit umzugehen. Oder vielleicht will ich mich nur wichtig machen.

Das Schlimme ist: Ich weiß es nicht.

Wir sind Teil der Maschine.

P.S. Dieser Artikel erschien schon einmal, zu einem anderen Attentat. Auswechselbar, klar. Resignativ. Aber: In einem kleinen, aber wichtigen Teil habe ich meine Meinung geändert. Wir sind zwar Teil der Maschine, aber wir müssen dafür kämpfen, dass dies so bleibt. Lieber tausend nachdenkliche Tweets und ausgestreckte Mittelfinger Richtung Terrorismus, lieber hundert mal ein Gedenken, lieber zehn Mal eine Mahnung als ein einziges Mal auf die reinfallen, die ihre Wut heucheln, sich aber in Wirklichkeit freuen, dass sie nun ihre Version der Menschenfeindlichkeit propagieren können.

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