Digitale Medien – ein Selbstgespräch

Bildschirmfoto 2011-12-10 um 14.14.53In einer sich schnell wandelnden Welt braucht es Menschen, die Mut haben, innovativ sind und Neues ausprobieren, ohne dass sie gleich an die Wand kritisiert werden. Aber es braucht auch Menschen, die Kritik üben, ohne dass diese als kontraproduktiv oder hemmend, wenn nicht gar verletzend aufgenommen wird. Sachlich Kritik zu üben, ist sehr schwierig, weil der Kritisierte leicht unter Rechtfertigungsdruck gerät. Um dem vorzubeugen, versuche ich ein Gespräch mit jemandem, der die Kritik aushalten muss: Mit mir selbst. Während die erste Version von 2013 gerade Twitter im Unterricht ausprobiert hat, ist die andere Version sich nicht mehr so sicher, ob das alles sinnvoll ist.

Version 2.0: Hallo, Herr B.

Version 1.0: Hallo, Herr B.

Version 2.0: Schön, dass wir mal miteinander reden können.

Version 1.0: Ich finde es reichlich narzisstisch, wenn ich ehrlich bin. Sollte man nicht mit jemandem reden, der eine andere Meinung vertritt?

Version 2.0: Ich vertrete eine andere Meinung. Wenn man mitreden mag, dann kommt man aus der Falle nicht raus, dass man seine Stimme erhebt.

Version 1.0: Ist in Ordnung. Na, dann mal los: Warum musstest du Twitter im Unterricht ausprobieren?

Version 2.0: So geht es doch schon los. Jetzt muss ich mich rechtfertigen. Das will ich nicht. Ich wollte einfach ausprobieren, ob es den Schülern Spaß macht oder nicht. Und es machte ihnen Spaß. Nicht allen, aber vielen. Und es machte ihnen so viel Spaß, dass sie sogar abends ohne mich weitertwitterten. Ist das nicht genug?

Version 1.0: Du meinst also, dass es reicht, wenn die Schülerinnen und Schüler ein wenig Spaß haben und schon ist der Unterricht gerettet?

Version 2.0: Jetzt verdrehst du mir die Worte im Mund. Lehrer sind doch oft Gewohnheitstiere. Neues auszuprobieren ist lehrreich für Schüler und für Lehrer.

Version 1.0: Du beantwortest meine Frage nicht.

Version 2.0: Ja, verdammt. Es geht darum, andere Zugänge zu finden. Es geht darum, dass man etwas ausprobieren kann, ohne dass sich jemand auf einen stürzt und fordert, dass man alles haargenau didaktisch begründet.

Version 1.0: Aber daran scheitert die Digitalisierung.

Version 2.0: Was? Daran, dass Schülerinnen und Schüler Spaß haben scheitert die Digitalisierung?

Version 1.0: Nein. Daran, dass nicht klar wird, welchen…

Version 2.0: …wenn du jetzt Mehrwert sagst, höre ich auf mir dir zu reden.

Version 1.0: Können wir uns auf Nutzen einigen?

Version 2.0: Ja, von mir aus. Aber merkst du nicht, dass es dann trotzdem daran scheitert, dass du eine Rechtfertigung von mir willst, die ich dir in diesem Umfang nicht geben will? Ich habe Twitter ausprobiert, weil ich den Schülern einen Zugang geben wollte und den haben sie genutzt. Nicht mehr und nicht weniger.

Version 1.0: Und was hattest du davon?

Version 2.0: Die Schüler haben zurückgemeldet, dass es ihnen Spaß gemacht hat und dass sie es gerne wieder machen würden.

Version 1.0: Wenn du mit den Schülern schwimmen gehen würdest, macht es ihnen auch Spaß. Und was lernen sie dabei?

Version 2.0: Blödes Beispiel. Wir twitterten ja über eine Lektüre.

Version 1.0: Was ich eigentlich sagen will: Willst du, dass digitale Medien in die Schule kommen?

Version 2.0: Was ist das denn für eine blöde Frage: Natürlich will ich das.

Version 1.0: Ich ignoriere jetzt mal deinen Angriff. Pass auf: Meinst du nicht, dass es förderlich ist, wenn man die Dinge, die man macht, auch vor denjenigen begründen kann, die noch nichts mit den digitalen Medien zu tun haben?

Version 2.0: Doch, klar.

Version 1.0: Und ist es dann nicht geradezu positiv, wenn sich Leute aus den eigenen Reihen dazu äußern und diese Begründungen fordern?

Version 2.0: Ich glaube, jetzt sind wir an dem Punkt, der mich von dir unterscheidet.

Version 1.0: Wir sind eine Person, vergessen?

Version 2.0: Lass das mal außen vor. Ich verstehe, dass du gerne eine Begründung willst. Aber nicht jedes kleine bisschen, was man in der Schule macht, muss sich didaktisch so begründen lassen, dass es einem Sturm von Kritikern standhält. Manche Dinge muss man einfach mal ausprobieren.

Version 1.0: Auch wenn sie nichts bringen?

Version 2.0: Erstens weißt du nicht, ob sie nichts bringen. Und zweitens: Ja, auch dann. Denn sonst bewegen wir uns nicht nach vorne. Und du fragtest mich doch selbst, ob ich das will. Wie sollen wir die Digitalisierung voranbringen, wenn wir die Dinge nicht ausprobieren, wenn wir davor kuschen, dass es auch mal nicht oder nur im Nachhinein didaktisch begründet werden kann?

Version 1.0: Und wie sollen wir die Digitalisierung voranbringen, wenn wir es nicht mal vor uns selbst schaffen, das, was wir tun, zu begründen? Wie sollen wir den analogen Kritikern begegnen?

Version 2.0: Ich fürchte, du verstehst meine Frage nicht.

Version 1.0: Ich fürchte, du verstehst meine Frage nicht.

Version 2.0: Pass auf: Ich möchte, dass ich rumprobieren kann, ohne unter Rechtfertigungsdruck zu stehen.

Version 1.0: Und ich möchte kritisieren können, ohne der böse Teufel zu sein.

Version 2.0: Warum willst du kritisieren?

Version 1.0: Weil ich mir nicht mehr sicher bin, ob das alles Hand und Fuß hat.

Version 2.0: Dann gebe ich dir einen Rat: Mach mal wieder mehr und denke weniger.

Version 1.0: Und du reagiere nicht gereizt, nur weil ich mal was kritisiere.

Version 2.0: ICH BIN NICHT GEREIZT!

Version 1.0: ORRR!

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2 Kommentare zu Digitale Medien – ein Selbstgespräch

  1. Pingback: Medienbildung für Eltern: Eine Fortsetzung | Bob Blume

  2. Tobias Schneider sagt:

    Hallo Bob,
    ich bin offenbar gerade kurz vor der Version 1.0 von mir. Unterrichtsexperimente mit Twitter stehen vor der Tür, finden aber bislang nur in Gedanken statt. Da habe ich DEINE Gedanken in diesem Selbstgespräch gerne gelesen. Danke dafür.
    Tobias

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