Erlass zu Präsenzzeiten: Vorverurteilung per Beschluss

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“Wäre ich doch Lehrer geworden”, schalmeit es mit großer Regelmäßigkeit über die Lippen der “arbeitenden Bevölkerung”. Denn das Lehrer eigentlich nicht arbeiten, sondern sich die Zeit nur spaßig mit Kindern vertreiben oder wahlweise nach den Worten des Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder “faule Säcke” sind, ist jedem klar, der irgendwann schon einmal eine Schule von innen gesehen hat. Dass Lehrer nur dann arbeiten, wenn sie auch wirklich vor der Klasse stehen, ist eigentlich ein Klischee. Dass nun aber die so genannten Präsenzzeiten eingeführt werden, ist ein Eingeständnis, wo eigentlich nichts eingestanden werden darf. Und das macht mich sauer.

Mit einer solchen Gelassenheit wie der Kollege Riecken könnte und kann ich auf den Beschluss zu den “Präsenztage”, die von Jan Martin Klinge und Maik Riecken schon eingehend besprochen wurden, nicht umgehen. Ich finde es, um es deutlich zu machen, eine Frechheit, die ihresgleichen sucht. Was soll ich davon halten, dass ich als Lehrer gezwungen werde, meine Arbeit innerhalb bestimmter Mauern zu machen? Wer überprüft das? Und was ist mit jenen, die eine Familie haben, die sie aufgrund immer größerer Belastung sowieso sehr wenig sehen? Eine “persönliche Lebenssituation”, wie sie bei Klinge zitiert wird, tatsächlich zu berücksichtigen, ist doch völlig utopisch.

Die ganze “Idee” (nebenbei: Wer hat sich das bitte ausgedacht?) ist absoluter Nonsens. Dabei geht es nicht nur um offensichtlich nur mit größtem logistischen Aufwand zu betreibende Verteilung mit allem, was an Konsequenzen anfallen würde (Mehrarbeit für die Kollegen, ja ganze Stellen, die sich zukünftig mit einer Verteilung auseinander setzen müssten, wenn man die Stundenplaner nicht komplett überfordern wollte).

Es geht darum, welches Bild in der Gesellschaft geschaffen wird von einem Berufsstand, auf den in den letzten Jahren immer wieder Mehraufgaben übertragen wurden. Die Nachricht, die bei nicht mit dem Beruf Befassten ist doch, dass die viel kritisierten Ferien tatsächlich eine komplett freie Zeit seien, in der nichts weiter geschehen würde als der Genuss von Urlaubsreisen.

Die Präsenzzeit ist die Vorverurteilung aus Prinzip.

Ich habe die letzten Jahre keine einzige Ferienwoche gehabt, in der ich nicht korrigieren oder vorbereiten musste. Und nun würde das heißen, dass ich zudem noch an einen Arbeitsplatz fahren müsste, an dem ich dann – ja, was eigentlich? Denn sowohl Urlaub als auch Ferien zeichnen sich ja dadurch aus, dass man einmal fernab von der Institution, in die man tagtäglich geht, arbeiten und sich auf die Dinge konzentrieren kann, die sonst liegen bleiben.

Und wie sollen diese “Tage des Erscheinens” gestaffelt werden? Könnte ich verlangen, dass ich von den bisher in Aussicht stehenden 5 Tagen alle am Stück nehme? Kann ich sie einmal in den Sommerferien und dann in den Herbstferien nehmen? Oder kann ich meine Mehrarbeitsstunden aufrechnen?

Egal, wie man es sieht, es ist nicht tragbar. Nicht, weil man in den Präsenztagen “institutionell gebunden arbeiten” muss, wie es in dem kaum zu ertragenden Beamtendeutsch heißt, sondern weil der Eindruck entsteht, man habe vorher nichts geleistet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Form von politischem Aktionismus irgendetwas bringt, außer dass die Lehrer wieder einmal am Pranger der Gesellschaft stehen. Aber was sage ich? Das ist durch den Erlass jetzt schon der Fall. Und ich bin mir sicher, dass schon die ersten Reaktionen auf die Artikel, die sich damit befassen, zeigen werden, dass das Verständnis für den Lehrerjob wieder auf dem absteigenden Ast ist.

Vielleicht sollte man dem Kultusministerium vorschlagen, dass das nächste Mal Überlegungen genauer durchdacht werden sollten.

Vielleicht im Rahmen von 5 Tagen Präsenzzeit. Das dürfte ja kein Problem sein.

 

Was meint ihr? Sollten Lehrer gezwungen werden, 5-7 Tage in der Schule zu bleiben?

 

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2 Kommentare zu Erlass zu Präsenzzeiten: Vorverurteilung per Beschluss

  1. Pompeji sagt:

    So lange ich in der Schule keinen ausreichenden Arbeitsplatz habe (Platz im Allgemeinen zum Korrigieren oder für meine Unterlagen, eine ruhige Umgebung, evtl. Zugang zu einem PC mit funktionierendem Drucker, …), würde ich das Thema nicht mal im Ansatz diskutieren wollen. Und da ich durch den Ganztag mehrfach in der Woche 8 oder mehr Stunden in der Schule präsent bin, weiß ich nicht, wozu diese zusätzliche Zeit gut sein soll.

  2. Pingback: Präsenztage in den Ferien. - Halbtagsblog...

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