Der Baum

IMG_0117Der Weg auf den abgelegenen Hügel sah zu jeder Zeit anders aus. Während im Frühling die Pflanzen wucherten und die Luft von Insekten brummte, war es im Winter karg und dunkel. Aber dafür konnte man schon kurz vor der Kuppe, an der nur noch eine letzte Anhöhe folgte, in die Weite der Täler blicken. Eben an jenem Punkt, der ein ganzes Panorama nach allen Seiten bot, wuchs ein Baum.

Der ältere Mann, dessen Silhouette nun in unsere Sicht wandert, hatte diesen Baum schon gekannt, als dieser mehr als Wildwuchs schon im leichten Windzug gebogen wurde. Der damals junge Mann hatte sich, einen warmen Schluck Tee in der mitgebrachten Thermoskanne und ein Käsebrot in einem kleinen braunen Lederrucksack, neben den Baum gesetzt und nachgedacht.

Weiter hatte er nichts mitgebracht, da die Umgebung samt feinem Bäumchen anbot, sowohl weit in die Gegend zu schauen, als auch die einfachen Dinge der Welt wahrzunehmen. Das Nachdenken erfolgte quasi als Nebenprodukt, als Arbeitsfeld, das in Zeiten des vorbeieilenden Lebens oftmals unter den großen Ästen der mittelbaren Gedanken versteckt.

Schon damals glaubte der nun hier sitzende alte Mann, dass der Baum das schwerere Los gezogen hätte. Er konnte nur das tun, was in seiner begrenzten Macht lag und musste Veränderungen in aller Langsamkeit reagieren, die es sein Stamm und seine Zweige, seine Blätter und einige wenige Knospen zuließen. Er konnte nicht einfach weg, die Wurzeln zusammenpacken und sich aufmachen, um neben einem Menschen diese Wurzeln wieder zu schlagen. Er konnte nur in großen Dimensionen denken, die Blätter sprießen, arbeiten oder zuletzt abfallen lassen.

Der Mann hingegen sah seine Freiheit als Mensch, als er neben dem Baume sitzend über die nächsten Minuten nachdachte. Gedanken, die der Baum sich nie machen könnte.

Und wenn Jahre vergangen waren und der Mann sah, wie der Baum zwar schon kräftiger geworden, aber eben immer noch Baum an der gleichen Stelle wogte, oder in der ihn umzingelnden Sonne brannte, dann fühlte er ein unbeschreibliches Glück, Mensch zu sein.

Was würde der Baum denken?

Eine verwegene Frage, die sich der Mann in dem Augenblick stellt, da er eines morgens wieder einmal den Weg in den Wald gemacht hatte, den er aufgrund der angenommenen Verbindung mit dem Baum nun seinen eigenen nannte.

Würde der Baum seine Beschränkung wahrnehmen und dafür danken, dass die Wahrnehmung eines Menschen überhaupt erst Relevanz in sein ewig dastehendes Leben brachte.

Oder würde der Baum alles aussitzen. So lange Schweigen, bis der Mensch selbst darauf käme, dass nicht die Gedanken über das Leben des Baumes die Fehleinschätzung darstellte. Dass es nicht der Baum war, der nicht vom Platz kam, da dem Baum der Platz ganz egal ist. Da er hier doch Sonne, Wind und Wetter hat; Dass auch die Menschen um ihn herum, oder einer, der Mensch, ganz egal sind.

Aber dass der Mensch in seinem egozentrischen Gedanken der einzige ist, der das Leben des Baumes so nachhaltig verändern kann, dass nichts mehr von ihm übrig bleibt, nicht einmal Nachkommen.

Und vielleicht dächte dann der Mensch daran, warum er immer wieder hierhin kam, nur um darüber nachzudenken, dass er ganz anders sein wollte und woanders.

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