Gedichtinterpretationen: Drei Beispiele

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Durch den Zuspruch, den die Artikel des Blogs von Seiten der Schülerinnen und Schüler, aber auch von Lehrpersonen erfuhren, fühle ich mich bestärkt, vor allem für die schwierigen Teilbereiche der Interpretation Beispiele auf den Blog zu stellen, mit deren Hilfe es einfacher ist, sich der eigenen Deutung zu nähern. An dieser Stelle finden sich einige Anmerkungen für die Gedichtinterpretation und eine Beispielinterpretation zum Gedicht „Die Stadt“ von Theodor Storm. Sie ist – soweit das möglich ist – im Niveau der 8.-9. Klasse eines Gymnasiums gehalten. 

Wie immer weise ich als Autor darauf hin, dass die Interpretationen keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit haben. Für weitere Anmerkungen diesbezüglich sei auf meine Interpretation einer Kurzgeschichte verwiesen. Natürlich ist das Abschreiben der Interpretationen als Vorlage für den Unterricht als Plagiat zu werten. Lehrer könnten in einem solchen Fall die Interpretation mit „ungenügend“ bewerten.

Falls ihr oder Sie Fragen, Anmerkungen oder Kritik habt, schreibt sie bitte gerne in die Kommentarleiste.

Bevor ihr die Interpretationen lesen könnt, hier noch ein Hinweis auf mein neuestes Video zur Gedichtanalyse:

Lasst mir gerne ein Abo oder einen Daumen hoch da!

Im Folgenden finden sich vier verschiedene Texte, die ich selbst verfasst und ersonnen habe. Hier ein Überblick.

  1. Gedichtinterpretation: Struktur
  2. Gedichtinterpretation: Die Stadt
  3. Gedichtinterpretation: Tiger
  4. Gedichtinterpretation: Mit deinen blauen Augen

Zu 1.: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Gedichtinterpretationen zu strukturieren. Dies ist eine Möglichkeit.

Zu 2.: Die Aufgabenstellung ist beibehalten. Wer wirklich lernen möchte, kann so wirklich üben.

Zu 3.: Die Interpretation ist anhand vorgegebener Strukturen verfasst und so sehr schematisch. Allerdings auch gut nachzuvollziehen.

Zu 4.: Die Gedichtinterpretation ist eher in einem Sprachstil der unteren Mittelstufe verfasst.

Hier noch einige Hinweise zur Vorgehensweise

1. Gedichtinterpretation – Struktur

Es gibt viele Arten, eine Interpretation zu schreiben. Wichtig ist, dass die Struktur zu erkennen ist und das eine innere Logik, ein Zusammenhang besteht. Aus diesem Grund muss sich der Verfasser immer wieder fragen, was das, was er schreibt, mit dem Gesamtzusammenhang zu tun hat. Die folgende Struktur bietet eine Hilfe.

1.Einleitung

Von wem stammt das Gedicht?

Was lässt die Überschrift vermuten?

Welchen Eindruck/ Stimmung vermittelt das Gedicht beim Lesen?

Ist ein übergeordnetes Motiv zu erkennen?

Worum geht es in dem Gedicht (Deutungshypothese)?

Es ist anzuraten, dass man seinen Hauptteil in einer durchgängigen Form gliedert. Zuvor sollte eine logische Überleitung zum Hauptteil erfolgen.

2. Hauptteil

a)Das gesamte Gedicht betreffend:

Welchen Inhalt hat das Gedicht?

Welche formalen Merkmale hat es?

Wie lässt sich der Sprecher beschreiben?

Welche Entwicklung ist zu erkennen?

Überleitung vom der übergeordneten (Makro-)Struktur zur spezifischen (Mikro-)

Struktur.

b)Teile des Gedichts betreffend:

Was ist das Hauptthema der vorliegenden Strophe?

Welche sprachlichen Mittel werden angewandt, um den Inhalt zu stützen?

(Adjektive, Substantive, Abbrüche, formale Merkmale)

Welche rhetorischen Mittel werden angewandt, um den Inhalt zu stützen?

Welche Bedeutung hat die Strophe für das gesamte Gedicht?

2.b) wird nun für die verschiedenen Teile des Gedichts wiederholt. 

Der Schluss stellt einen Zusammenhang zwischen der Deutungshypothese und der Interpretation her. Des Weiteren stellt er das Gedicht in einen größeren Zusammenhang.

3. Schluss

Zu welcher Erkenntnis führt eine Interpretation des Gedichts?

Welche Verse, Strophen, sprachliche Merkmale sind besonders hervorzuheben?

In welchen historischen Kontext lässt sich das Gedicht stellen (historisch, literaturgeschichtlich)?

Was ist mein eigener Eindruck zum Gedicht?

 

2. Gedichtinterpretation „Die Stadt“

Dies ist eine exemplarische (beispielhafte) Gedichtinterpretation. Natürlich sind Gedichtinterpretationen nicht immer gleich. Das Wichtigste ist, dass es logisch nachvollziehbar ist und einen roten Faden hat. 

Aufgabe:

Arbeitet mit euren Materialien. Markiert, welche Teile der Gedichtbeschreibung (Einleitung, Hauptteil, etc.) an welcher Stelle kommen. Achtet insbesondere darauf, ob

  • • alles Formale mit dem Inhalt verknüpft ist
  • • die Wirkung der rhetorischen Mittel beschrieben wird
  • • alle Angaben belegt werden

Schreibt eure Funde an die richtige Stelle an den Rand.

Notiert auch, wenn euch etwas nicht klar ist.

In dem 1851 von Theodor Storm verfassten Gedicht „Die Stadt“ geht es um die liebevolle Erinnerung an eine als öde  beschriebene Heimat. Das Gedicht macht zunächst einen trostlosen Eindruck, der sich jedoch im Laufe der Strophen verändert.

Das Gedicht hat drei Strophen mit jeweils fünf Versen. Das Reimschema ist eine Mischung aus Kreuzreim und umarmenden Reim (abaab cdccd eaeea). Das Metrum ist ein durchgehender Jambus, der jedoch zwischen vier und drei Hebungen wechselt. Diese formalen Aspekte sind wichtig, will man die in dem Gedicht vorherrschende Atmosphäre gänzlich verstehen.

In der ersten Strophe (Vers 1-5) wird die Stadt von außen als karger und öder Ort beschrieben. In der zweiten Strophe (Vers 6-10) intensiviert sich die Ödnis der Beschreibung durch die Abwesenheit von typischen Lauten der Natur. Die dritte Strophe wechselt plötzlich zur Sicht des lyrischen Ich, das trotz der beschriebenen Tristesse an der Stadt hängt (V.11-15).

Der erste Vers der ersten Strophe erzeugt sogleich ein Bild der Ödnis. Die Wiederholung des Adjektivs „grau“ (V.1), das sowohl auf den Strand als auch auf das Meer bezogen wird, verdeutlicht, dass es sich nicht um eine lebendige, farbenfrohe Stadt, sondern um einen öden Ort handelt. Die Wiederholung des Farbadjektivs erscheint wie ein Bild des einseitigen Lebens, das die Menschen hier führen. Mehr noch: Die Stadt liegt „seitab“ (V.2), ist also abgelegen und nicht das Zentrum für die Menschen, die in ihr leben. Der Strichpunkt (V.2) verdeutlicht, dass es direkt weiter geht, dass es also nicht bei dieser Beschreibung bleibt. Neben Strand und Meer werden nun die Behausungen der Menschen beschrieben. Die Personifikation des Nebels, der „drückt“ (V.3) verdeutlicht, wie eingeengt sich die Menschen hier fühlen müssen. Wer diese Einsamkeit fühlt, wird allerdings nicht deutlich und kann erst mithilfe der letzten Strophe beantwortet werden. Jedoch bleibt das Bild eines Nebels, der schwer auf den Dächern lastet und die Menschen so in ihren Häusern hält. Das Einzige, was man durch die „Stille“ (V.4) hört, ist das Brausen des Meeres (V.4). Jedoch ist selbst dieses Brausen „eintönig“ (V.5). Die Eintönigkeit wird zusätzlich von dem auf der entgegengesetzten Betonung liegenden Metrum verstärkt. Dieses liegt auf der zweiten Silbe des Wortes. Es scheint, als laufe die Eintönigkeit des Ortes gegen die schwungvolle Erinnerung des lyrischen Ich, das jedoch zunächst noch nicht genannt ist. Mehr noch: Der umarmende Reim des wiederholten Nomens „Stadt“ umschließt die beschriebenen Dächer wie eine Klammer, aus der man sich nur schwer befreien kann. Die durchgehenden männlichen Kadenzen lassen die Beschreibung zusätzlich hart erscheinen.

In der nächsten Strophe wird klar, dass diese Stadt nicht nur zu einer bestimmten Zeit diese Charakteristik hat. Es ist kahl, was dadurch ersichtlich wird, dass „kein Wald“ (V.6) dort ist, der rauschen könnte. Selbst im Mai, dem Monat, in dem der Frühling beginnt, hört man keinen Vogel schreien. (Vgl. V.7). Dass sie dies normalerweise „ohn’ Unterlass“ – also andauernd – tun, macht die Stadt, in der dies nicht so ist, noch trostloser. Dass selbst die Tiere diese Stadt meiden, wird durch den folgenden Vers klar. Die „Wandergans“ – ein Tier, dass zur Brut in den Süden fliegt – fliegt nur in der Nacht vorbei. Dies ist wohl als eine Hyperbel zu sehen, die verdeutlichen soll, dass selbst Tiere sich nur in dieser Nacht nähern. Hier wird schon deutlich, wie schrecklich es für die Personen, die hier leben, sein muss. Das einzige Natürliche ist „das Gras“, welches „am Strande weht“ (V.10). Die Enge der Stadt wird auch hier von den umarmenden Reimen hervorgehoben. Es scheint, als würde der Ort alles erdrücken, wie der Nebel der ersten Strophe, der auf den Dächern liegt.

Die nächste Strophe ist folgerichtig eine große Überraschung. Die Konjunktion „Doch“ leitet den nun folgenden Satz ein und widerspricht so allem Negativen, das man sich zuvor ausgemalt hat. Das lyrische Ich wird plötzlich Teilnehmer. Hatte es zuvor nur alles beschrieben, spricht es nun die Stadt selbst mit dem persönlichen „Dir“ (V.11) an. Schon hier wird also klar, dass das lyrische Ich die Stadt gut kennen muss. Mehr noch: Das „Herz“ des lyrischen Ich, der Ort, an dem die Emotionen und Gefühle des Menschen verankert sind, hängt an dieser Stadt. Wie zum Trotz wird das Farbadjektiv „grau“ noch ein drittes Mal wiederholt (V.12), als wenn das lyrische Ich sagen möchte, dass selbst das graueste Grau nichts an der Tatsache der Erinnerung ändern könne. Und tatsächlich: Im drittletzten Vers wird klar, warum das lyrische Ich so an der Stadt hängt. Das, was einen Menschen ausmacht, ihn prägt – die Erfahrungen der Jugend – wurde alles in dieser Stadt gemacht. Der „Zauber“ (V.13) der Jugend, wird sogar personifiziert, indem er „lächelnd“ (V.14) auf der Stadt ruht. Die Personifikation hebt so deutlich hervor, dass die Freude der Jugend an dem nun öden Ort weilt. Nun wird auch klar, warum die persönliche Ansprache nicht nur direkt aufeinander folgend wiederholt wird („auf dir, auf dir“, V.14), sondern gleich drei Mal hintereinander wiederholt wird. Das lyrische Ich ist auf Ewig mit den Erfahrungen verbunden, die es gemacht hat, als es seine Jugend hier verbracht hat. Und genau aus diesem Grund ist es für das lyrische Ich auch nicht wichtig, ob die Stadt eine „graue Stadt“ (V.15) ist. Der Titel des Gedichts zeigt nun, dass es zwar zunächst um eine „Stadt“ geht, dass aber die Beziehung zwischen der Person und der Stadt eine deutlich größere Rolle spielt, als eine bloße Beschreibung.

Schaut man sich die Entwicklung des Gedichts an, wird klar, warum das Reimschema so besonders ist. Denn das lyrische Ich ist nun nicht mehr Teil der Stadt, es ist also nicht mehr eingeengt wie die Natur, die Bewohner und Tiere, deren Eingesperrtsein sich durch den umarmenden Reim äußert. Das lyrische Ich ist mehr wie der erste Vers jeder Strophe, scheinbar unabhängig vom Rest, jedoch auf eine ganz bestimmte Weise mit dem Rest verbunden – wie der allein stehende Reim mit dem Rest des Gedichts.

Aus diesem Grund ist das Gedicht auch so beeindruckend. Aus einer ständigen Wiederholung heraus folgt ein Umschwung, der zeigt, dass auch die Dinge, die einem von außen schlimm oder öde erscheinen, eine ganz besondere Beziehung zu einem Menschen haben können.

Dies ist es vielleicht auch, was Theodor Storm andeuten wollte: Dort, wo das Herz und der Zauber der Jugend ist, kann es aussehen, wie es will. Man erinnert sich doch immer gerne an eine längst vergangene Zeit zurück.

Das Gedicht ist auch in unserem Alltag noch sehr aktuell. Gerade in einer Zeit, in der man durch die neuen Medien und insbesondere das mobile Internet ständig an vielen Orten in der Welt gleichzeitig ist und sich auch geistig schwer an einem einzigen Ort halten kann, kann doch ein Ort der Besinnung wichtig sein. Und dieser Ort ist häufig die Heimat, also der Ort, wo man die ersten Erfahrungen des Lebens, der Liebe und vielen anderen Dingen macht.

Das, was wirklich wichtig ist, bleibt für andere vielleicht verschlossen. Für den Menschen, der es kennt, ist es immer etwas Besonderes.

 

3. Gedichtinterpretation: Tiger – Alfred Wolfenstein (1912)

In dem Gedicht „Tiger“ von Alfred Wolfenstein aus dem Jahre 1912 geht es um die Gefangenschaft, Aufbegehren und letztliche Resignation eines in Gefangenschaft geratenen Tieres.
In der ersten Strophe wird beschrieben, wie die Sonne in den Käfig des Tigers hineinscheint. Darauf folgend, wird der Blick des Tigers und der Lichtschein beschrieben. In der dritten Strophe fragt das lyrische Ich gedanklich nach Auswegmöglichkeiten des Tieres. In der letzten Strophe wird beschrieben, dass für den Tiger selbst die Sonne gefangen ist.
Das Gedicht hat vier Strophen mit jeweils drei Versen. Der Reim ist unregelmäßig. Die ersten beiden Verse sind durch einen Schlagreim verbunden. Dann folgt ein umarmender Reim bis zum sechsten Vers. Auf einen weiteren Schlagreim folgt ein weiterer umarmender Reim. Das sich so ergebende Reimschema ist: aabccbeebffb. (Man könnte sagen, dass der Reim die Verse so umschließt, wie der Käfig das Tier umschließt).
Personifikation: Die Sonne zieht „andre Striche“ (V.3). Die Personifikation zeigt, dass der Tiger eng mit der Sonne verbunden ist. Anstatt aber die Freiheit zu symbolisieren, verdoppelt sie die Stäbe, die nun noch mehr erscheinen.

Alliteration: Die Alliteration „schwarzer Stäbe Schatten“ (V.3) sorgt dafür, dass die Wirkung der Stäbe zusätzlich betont wird. Das Tier ist gefangen zwischen den Stäben und ihren Schatten.

Personifikation: Auch das Licht wird als Personifikation dargestellt (V.5). Im Gegensatz zum Tiger kann es die Stäbe durchbrechen. Zudem zeigt es, dass die Stäbe zerbissen sind. Der Tiger will sich nicht mit der Situation abfinden und hat versucht, zu entkommen.

Personifikation: Der „Rachen“ (V.9) der Sonne zeigt sich in dem Vers. Sie wird als Verbündete des Tigers gezeichnet. Die Fragen, die das lyrische Ich stellt, sind die, die sich der Tiger in seiner Notlage selber stellt. Das lyrische Ich bietet so eine Innensicht auf den Tiger.

Die letzte Strophe gibt Antwort auf die Fragen des Tigers. Ihm erscheint es so, als sei die Sonne auch hinter den Stäben gefangen. Sie ist für ihn wie eine Person, die „Kerkerschatten“ malt (V.12).

Das Gedicht zeichnet das Bild eines nach Freiheit verlangenden Tieres, dessen ausweglose Situation so weit geht, dass für ihn auch die Außenwelt als gefangen erscheint. Man könnte sagen, dass diese Situation auch auf Menschen zutrifft, die innerlich so gefangen sind, dass sie die Schönheit der Welt um sich herum gar nicht mehr richtig wahrnehmen können.
Das Gedicht ist sehr schön, aber auch traurig, da es die Gedanken eines Tieres wiedergibt, dass sich mit seiner Lage abgefunden hat. Die vormals noch „zerbissenen Stangen“ (V.5), die zeigen, dass das Tier sich aus seiner Situation befreien, sind vergessen. Stattdessen macht das Gedicht ausdrucksstark klar, dass Gefangenschaft dazu führen kann, dass selbst die Außenwelt als etwas erscheint, dass mit einem gefangen ist.

4. Gedichtinterpretation Heinrich Heine „Mit deinen blauen Augen“

In dem 1844 im „Buch der Lieder“ erschienene Gedicht „Mit deinen blauen Augen“ von Heinrich Heine geht es um die tiefe Sehnsucht zu einem anderen Menschen.

Das Gedicht hinterlässt nach dem ersten Lesen einen sehr romantischen, liebevollen Eindruck.

Das Gedicht hat zwei Strophen, die jeweils vier Verse haben. Das Reimschema ist ein Kreuzreim (abab cdcd), mit jeweils abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen. Das Metrum ist ein dreihebiger Jambus, der im dritten und siebten Vers von einem Anapäst unterbrochen wird.

In der ersten Strophe scheint es so, als spräche das lyrische Ich seine Geliebte direkt an (V.1-4). In der zweiten Strophe wird dann aber klar, dass das lyrische Ich die Geliebte verloren haben muss (V. 5-8).

Der erste Vers des Gedichtes wiederholt den Titel „Mit deinen blauen Augen“ (V.1). Die Augen spielen vor allem bei der Liebe eine entscheidende Rolle, da man dadurch, dass man seinen Gegenüber anschaut, sicher sein kann, dass er einen liebt. Die Augen sind das Fenster zur Seele. Das angesprochene Du in diesem Gedicht schaut auch „lieblich“ (V.2) zurück. Dieses eigentliche positive Wort wird jedoch schon im darauf folgenden Vers etwas abgeschwächt, da es das lyrische Ich nicht schafft, die Geliebte anzusprechen. Stattdessen wird ihm „träumend zu Sinne“ (V.4), was bedeuten kann, dass es an einem ganz anderen Ort ist. Das lyrische Ich ist wie gefangen von den Augen seiner Geliebten.

Zu Beginn der nächsten Strophe werden die „blauen Augen“ ein drittes Mal wiederholt. Diese Wiederholung verdeutlicht, wie wichtig diese blauen Augen für das lyrische Ich gewesen sein müssen. Sie sind der Teil des Körpers, der ihm nun in Erinnerung bleibt.

Nun jedoch wird klar, dass das lyrische Ich die Geliebte verloren haben muss, da es an sie „gedenkt“ (Vgl. V.6). Das Wort „allerwärts“ verdeutlich, dass das lyrische Ich in jeder Lebenssituation an die Geliebte denken muss. Es gibt also keinen Augenblick, in dem das lyrische Ich nicht der Geliebten gedenkt.

Die Metapher „Meer von blauen Gedanken“ (V.7) ist dabei besonders wichtig, da die Farbe blau nun nicht mehr nur noch mit den Augen verbunden ist, sondern mit Gedanken, die anscheinend tragisch sind. Ein Meer ist grenzenlos, unüberschaubar und nicht einzuordnen.

Dadurch, dass das Herz des lyrischen Ichs – also der Ort, an dem sich die Gefühle befinden – in einem Meer von blauen Gedanken ist, zeigt sich, dass das lyrische Ich die Geliebte verloren haben muss. Die Synästhesie – also die Verbindung zwischen etwas, das man sehen kann – eine Farbe – und etwas, das man nur denken kann – wie Gedanken – hebt die Besonderheit dieser Erscheinung hervor. Die Gedanken können sich nicht in „normale“ Worte fassen lassen, sondern nur in ein „Meer von blauen Gedanken (V.7). Es scheint, als sei das lyrische Ich verloren in diesem Meer, das seine Sehnsucht meint.

Abschließend lässt sich vermuten, dass das lyrische Ich gar nicht mit der wirklichen Geliebten spricht, sondern nur ein Bild von ihr sieht, das es an vergangene Zeiten denken lässt. Aus diesem Grund kann es auch nicht sprechen. Das schon angesprochene „Meer von blauen Gedanken“ ist dabei besonders wichtig, da es zeigt, dass das lyrische Ich in seinen Gedanken verloren ist wie ein Schiff auf dem großen Meer.

Besonders die besprochene Metapher ist in diesem Gedicht wichtig, da sie zeigt, wie lyrische Sprache etwas in Worte fassen kann, das normalerweise nicht in Worte zu fassen ist.

Das Gedicht zeigt auf eindrucksvolle Weise, was passieren kann, wenn man eine Person, die man geliebt hat, verliert. Aus diesem Grunde ist es sehr berührend. Es ist sehr traurig und trägt keinen positiven Gedanken in sich.

Der Dichter wollte darauf aufmerksam machen, dass der Mensch nicht alles verstehen kann. Besonders die Sehnsucht, mit der man nicht umgehen kann und die einen von innen zerfrisst, ist ein solches Gefühl.

Obwohl heutzutage alles sehr nah erscheint, kann eine solche Sehnsucht immer noch bestehen bleiben. Wenn man jemand wirklich liebt und ihm nah sein will, aber die Zeit und die Umstände dafür sorgen, dass dies nicht so ist, dann kann man auch heute noch ein Gefühl haben, als sei das Herz gefangen in einem Meer aus Gedanken, die sich nicht kontrollieren lassen, als seien sie ein ganzes Meer.

 

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3 Kommentare zu Gedichtinterpretationen: Drei Beispiele

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