AKTION: Offener Brief an den Schwarzwälder Boten

UPDATE: Wer immer schon wissen wollte, aus welcher Denke sich die Leserschaft des Schwarzwälder Boten speist, der kann diese (natürlich nicht) repräsentative Umfrage bestaunen. Informationsgehalt über die Tatsache, dass sich die Besorgten die Finger wund tippen, hinaus: null. Aber das wussten wir ja schon.

 

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Liebe Redaktion, liebe Online-Redaktion,

Ich weiß: Zeitungen haben es heutzutage in doppelter Hinsicht nicht leicht. Die Quoten nehmen im Zuge der Online-Konkurrenz ab und der Inhalt wird aus verschiedensten Gründen abgelehnt.

Man muss sich zur Wehr setzen. Am besten, indem man Titel und Inhalt anfeuert. Ja, Feuer passt dieser Tage gut. Das weiß die Redaktion, die in diesem Jahr jede Woche über ein brennendes Gebäude schreiben musste. Oder durfte? Bringt so ein Feuer noch gute Auflage?

Die Kommentarspalten der Online-Angebote sind mittlerweile voll von Menschen, die in ihrer kleinen Wut meinen, sich aktiv beteiligen zu können. Und in der Tat: Sie beteiligen sich. An brennenden Gebäuden. Viele Zeitungen haben aus diesem Grund spezielle Menschen, die sich darum kümmern, dass die demokratische Grundordnung nicht überschritten wird. Auch nicht verbal. Wer hetzt, wird gesperrt.

Über Monate dachte ich, dass Sie, die Redaktion vom Schwarzwälder Boten, gar niemanden haben, der sich um die Kommentare kümmert. So allein und verwaist standen dort die Hetzschriften der Besorgten. Nicht Bürger. Bürger sind für mich etwas anderes.

Doch dann zeigte ein freundlicher Weihnachtsgruß aus der Redaktion, dass sich zwei nette junge Männer um die Kommentare kümmern. Oder kümmern sollten. Und in der Tat: Sie kümmerten sich. Denn als jemand darauf hinwies, dass eine Flüchtlingszahl falsch sei, entschuldigten Sie sich schnell. Da muss die deutsche Ordnung her. Und nun stehen Sie auf einem wunderbaren Bild und freuen sich über 20.000 Facebook-Liker.

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Als die Besorgten schrieben, taten Sie nichts.

Als der 3. Weg, die Partei, die rechts neben der NPD ist, die rechts neben der AfD ist, die rechts neben den anderen Parteien ist, in der Kommentarspalte unterstützt wurde, sagten Sie nichts.

Als diverse Verschwörungstheorien, wir sie in der rechten Szene kursieren und immer weitere Verbreitung finden, hingerotzt wurden, sagten Sie nichts.

Als offen rassistische Ansichten, die gerade so nicht strafbar sind, in den Äther geklatscht wurden, sagten Sie nichts.

Als völkische und nationale Ansichten als Frucht Ihrer schon vor Pegida entfachten Wut in die Kommentarleiste erbrochen wurden, sagten Sie nichts.

Und Sie, lieber Schwarzwälder Bote, sagen auch weiter nichts.

Sie haben Angst. Angst davor, dass Sie angeklagt werden könnten, nicht mehr „objektiv“ zu sein – was auch immer das in der heutigen Zeit heißt.

Sie könnten mir erwidern: Dass die Menschen im Schwarzwald nun mal so sind. Dass es sich um die ganz normalen Sorgen der Konservativen handelt. Dass das Recht auf freie Meinungsäußerung bestehe (auch für die, die anderen den Tod wünschen, was, wie Sie wissen, jeden Tag auf Ihrer Seite passiert).

Aber ich widerspreche Ihnen. In vielen Jahren Schwarzwald habe ich, so möchte ich behaupten, andere Menschen kennengelernt. Am Anfang etwas verschlossen, ja, anders als im Westen unserer Bundesrepublik. Aber herzensgut. Hilfsbereit. Tolerant. Unterstützung anbietend.

Das, was Sie zulassen, ist nicht weniger als diejenigen ein Bild zeichnen zu lassen, die all das ablehnen. Die in ihren Kommentaren die Zustimmung erhaschen wollen mit immer niedrigeren Parolen, mit immer schmutzigeren Vergleichen, mit immer wütenderen Argumenten.

Nicht erst seitdem das BKA auf die erhöhte Anzahl rechtsgerichteter Anschläge hinweiste, wissen Sie, was gerade in diesem Land passiert. Aus verbaler Gewalt entsteht Hass und letztendlich eine Handlung. Bringt eine niedergestochene Bürgermeisterin noch Auflage? Finden Sie es in Ordnung, dass so etwas auf Ihrer Seite, unter Ihrem Namen veröffentlicht wird?

Ich glaube nicht an diese Naivität.

Ich denke, Sie sind sich darüber bewusst, was Sie hier zulassen und ich schäme mich für Sie.

Diesen Brief an Sie wird nur ein Bruchteil der Menschen lesen, der Ihre Seite lesen. Posten werde ich ihn auf Ihrer Seite nicht, da ich mich nicht beschimpfen lassen möchte von Leuten, die bestärkt dadurch sind, dass Sie ihnen freies Geleit lassen.

Lieber Schwarzwälder Bote,

werden Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst. Sonst stehen wieder dumm dreinschauende Gesichter im Kreise und schwafeln davon, dass man nichts gewusst habe.

Und das hatten wir in Deutschland schon einmal. Mit bekanntem Ausgang.

Herzliche Grüße

Ein besorgter Bürger

P.S. Mir liegt es fern, Menschen an den Pranger zu stellen, die vielleicht nie gelernt haben, sich so auszudrücken, dass man ihre Besorgnis von der von offenem Rassismus unterscheiden kann. Deshalb mache ich hier Werbung. Jeder ist eingeladen, die schöne Seite des Schwarzwälder Boten anzuschauen und anzusehen, wer hier am Werke und am Kommentieren ist.

P.P.S. Da ja die lieben kommentierenden Menschen auf keinen Fall Nazis sind, hier eine kleine Auswahl an unmoderierten Kommentaren.

 

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6 Kommentare zu AKTION: Offener Brief an den Schwarzwälder Boten

  1. @Lernbegleiterin sagt:

    Hätte ich nicht gerade eine Auszeit vom Job, würde ich diesen Text meinen Schüler_innen vorlegen!

    Gab es eigentlich eine Rückmeldung von der Zeitung?

  2. Judith Neitzel sagt:

    Vielen Dank, dass Sie in Worte fassen und aufs Papier bringen, wofür ich mir nicht die Zeit nehme, es aber sollte…

    • Bob Blume sagt:

      Diese Rückmeldung freut mich außerordentlich. Wenn Sie möchten, helfen Sie schon, indem Sie den Text weiterverbreiten, auch wenn es ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

  3. Danke, Herr Blume.
    Sie sprechen mir aus dem Herzen.

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