Auf den Lehrer kommt es an (Ellen Quesseleit)

Beitrag zur Blogparade: Es war einmal die Lernlust

Die beste Unterrichtsstunde meines Lebens hatte ich in der neunten Klasse. Religionsunterricht bei dem einen Lehrer, mit dem ich auch heute noch in Kontakt bin. Er zeigte uns zwei Bilder von sitzenden Menschen: sehr schematisch, nur Silhouetten. Ein Mensch saß gerade auf seinem Stuhl und war sehr schlank, einer hing da nur und war ziemlich dick. Und dann bat er uns, die beiden zu charakterisieren.

„Der Dicke ist bestimmt ziemlich faul, sonst würde er ja Sport machen und würde nicht so dick sein. Bestimmt ist er auch sonst ziemlich faul.“

Mein Lehrer lehnte sich zurück und ließ uns spekulieren, lange Zeit.

Und dann stand er auf und konfrontierte uns damit. In wenigen Worten nahm er alles auseinander, was wir über die Persönlichkeit dieser Figuren erzählt hatten, und erzählte uns dann vom dritten Reich, von Karikaturen jüdischer Mitbürger und den Mechanismen dahinter. Ich weiß nicht, wie es meinen Mitschülern ging – aber ich schämte mich in Grund und Boden.

Diese Stunde habe ich niemals vergessen, zumal er so etwas oft machte. Immer wieder ließ er uns in Fallen rennen, oder argumentierte stundenlang mit uns, spielte den Advocatus Diaboli.

Ein anderer großartiger Lehrer war der Englisch- und Geschichtslehrer, den ich in der Oberstufe hatte, und bei dem ich mir schon nach einer Woche sicher war, dass ich die Stunden bei ihm lieben würde. Weil er zu uns eine Beziehung aufbaute. Weil er Humor hatte. Und weil er verdammt gut erzählen konnte, egal zu welchem Thema. Der gefürchtete Lehrervortrag, der so manche Stunde endlos scheinen ließ – bei ihm hätte ich dafür auch Eintritt gezahlt, und viele Dinge weiß ich auch über ein Jahrzehnt nach meinem Abitur noch. Ich werde niemals an einem Mahnmal des ersten Weltkriegs vorbeilaufen können, ohne an den Grauen des Giftgases zu denken und an die fürchterlichen körperlichen Schäden, die blieben.

Natürlich hatte ich auch Lehrer, die mir die Lust am Lernen für ihr Fach komplett kaputt machten. Da gab es die Mathelehrerin, die furchtbar schlecht erklärte und jeden anbrüllte, der es wagte, ein zweites Mal nachzufragen. Und die Sportlehrerin, die so zutiefst sadistisch war, dass ich schon drei Tage vor ihrem Unterricht Albträume hatte.

Was von all diesen Menschen – und vielen anderen – blieb, war die große Lust, selbst Lehrerin zu sein. Einerseits, um die große Freude, die ich in gutem Unterricht hatte, an weitere Generationen weiterzugeben. Andererseits, um meine Schüler in den Stunden, die sie bei mir haben, vor den (glücklicherweise seltenen) Lehrern zu schützen, die nachhaltigen Schaden anrichten.

Ob mir das in meinem Unterrichtsalltag gelingt, sei dahingestellt, das müssen meine Schüler entscheiden. Sie werden entscheiden müssen, ob sie es großartig finden, dass ich ihnen Grammatik mit Zombies, Youtube-Stars und Einhörnern vermittle und die Mathematik mit knallbunten Tafelbildern, oder ob ich ihnen mit irgendeiner Todsünde die Lust an einem Fach auf ewig vergälle. Sie werden entscheiden müssen, ob ich ein gutes Vorbild war oder ob man lieber das Gegenteil von dem tun sollte, was ich verkörpere.

Es bleibt nur zu sagen: Hattie hat Recht. Auf den Lehrer kommt es an. Auch in einer Zeit von Methodenvielfalt und lebenslangem Lernen, von starker Schüleraktivierung und engagierten Eltern steht und fällt der Unterricht und damit die Lernlust mit dem Lehrer. Wenn ich eine sichere Lernumgebung schaffe, meine Schüler mit meiner Art erreiche, ihnen Raum lasse, sie sich von mir respektiert und herausgefordert fühlen, ist viel gewonnen; versäume ich es, mache ich viel kaputt.

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3 Kommentare zu Auf den Lehrer kommt es an (Ellen Quesseleit)

  1. A Being Blog sagt:

    Ich habe deinen Artikel mit Genuss gelesen und stimme dir eigentlich in allem zu. Ich hoffe, dass du das den Lehrern, die dich mit ihrem Unterricht inspirieren konnten, auch gesagt hast. Denn ich glaube man sagt als Schüler leider viel zu selten einem Lehrer, dass er gute Arbeit macht.
    Außerdem hoffe ich auch, dass du deinem, ich nenne es mal „Vorsatz“, ein guter Lehrer zu sein, gerecht werden kannst.
    Ich selbst habe das Lehramtsstudium und das anschließende Referendariat als Berufsweg gewählt. Ich glaube auch, weil ich von vielen guten Lehrern inspiriert war und die Schule als tägliche Lebenswelt sehr gemocht habe (weniger das Lernen). Leider habe ich in meinen zwei Berufsjahren gemerkt, dass mir entscheidende Dinge fehlen, um ein so guter Lehrer zu werden, wie es meine Vorbilder waren. Ich glaube nicht, dass ich ein wirklich schlechter Lehrer geworden wäre, aber im Vergleich zu meinen äußerst motivierten Kollegen, fehlte mir einiges an Passion für das was ich tat.
    Daher habe ich den Beruf gewechselt und bin nun sehr glücklich mit der Entscheidung.
    Für alle, die diesen Weg aber weiter gegangen sind und sich Tag für Tag um ihre Schüler bemühen, habe ich sehr großen Respekt und ich hoffe, dass auch wenn die Anerkennung nicht immer in Strömen fließen sollte, sie – und so auch du – weiterhin motiviert bleiben! Bei dir sieht es jedenfalls danach aus 🙂

  2. werkarniggel sagt:

    Lernlust?
    Besaß ich einmal Lernlust!? Lust auf Lernen?
    Ich habe gelernt, und teilweise sogar gern. Ich wage auch zu behaupten, dass es sogar das eine oder andere Mal durchaus erfolgreich war. Ich hatte meine Lieblingsfächer (Deutsch, Geschichte, Kunst und erstaunlicher Weise auch Mathe und Physik); und es gab die Fächer, die ich fürchtete: Russisch und vor allem Chemie.
    Aber lernte ich mit Lust?
    Meine Gedanken kriechen in jene Zeit zurück, in der ich mir meinen Schulranzen auf den Rücken schnallte und morgens gähnend in die Schule trabte, mit Unmengen Büchern und Heften beladen, und mit unfertigen Hausaufgaben in einigen Fächern, in der optimistischen Annahme, diese noch in der Pause vorher schnell erledigen zu können.
    Doch, im Großen und Ganzen lernte ich gern und sogar freiwillig für die Fächer, die mich interessierten. Für Geschichte zum Beispiel, was zum größten Teil an meiner ersten Geschichtslehrerin lag. Obwohl meine erste Geschichtsstunde nun bereits historische Jahrzehnte zurück liegt und mir ihr Name gerade nicht mehr einfallen will, habe ich nicht ihren ersten Satz vergessen: “Geschichte kommt von Geschichten erzählen! Geschichten, die wir weitergeben müssen!“ Und so unterrichtete sie Geschichte: Sie erzählte Geschichten rund um die sonst eher trostlos aneinandergereihten Zahlen. Der Homo sapiens Hurst saß an seiner Feuerstelle, und ich war ein Mitglied seines Clans, ausgelöst durch ihre anschaulichen Erzählungen. Später stürmte ich in Paris neben dem Schuhputzer-Jungen Jaques die Bastille und war überzeugt, dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der richtige Weg sind. Die Liebe zu Büchern tat dann ihr übriges; ich verbrachte viel Zeit in der Gemeindebibliothek, und stellte manchmal erstaunt fest, dass sich plötzlich Bücherwissen und Lehrstoff auf wundersame Weise ergänzten. Zu Hause verfeinerte ich stundenlang meinen Geschichtshefter mit Bildern, die ich aus den alten, abgelegten Geschichtsbüchern meines großen Bruders herausschnitt.
    Später jedoch schlich sich zu den lebhaften Geschichtsträumen die Erkenntnis, dass ich wohl niemals über die Straßen von Paris selbst gehen würde. Der Geschichtsunterricht wurde mit jeder Klassenstufe mehr und mehr zum Staatskundeunterricht, abstrakt, theoretisch, langweilig. Wir kauten wochenlang Parteitage der SED durch. Ägyptische, Amerikanische, Asiatische Geschichte bekamen wir gar nicht erst präsentiert, vermutlich hätte das nur den Wunsch ausgelöst, selbst an die Orte vergangenen Geschehens reisen zu wollen – was ja unmöglich und unvorstellbar war zu jener Zeit. Undenkbar, gar dieses Deutschland auf der andere Seite, in dem Könige gekrönt, Hansen geschlossen und Republiken gegründet wurden, jemals persönlich kennenlernen zu können.

    Fast wäre ich selbst Geschichtslehrerin geworden. Aber eben nur fast, die eigene (deutsche) Geschichte ließ eine Mauer fallen und lenkte mich auf andere Pfade.
    Die eigene Tochter saß nun in der Schule und wir saßen irgendwie mit in dem Boot. Andere Zeit, anderes Staatssystem, anderes Schulsystem; scheinbar unglaubliche Möglichkeiten für lebendigen spannenden Unterricht … und doch lernte sie Geschichtszahlen auswendig und hatte wenig Lust. Die Zensur der nächsten (einzigen) Klassenarbeit war wichtiger. Ihr Geschichtslehrer erzählte keine Geschichten.
    Meine eigene Lernlust wird jedoch manchmal noch wach, und dann will ich unbedingt die neuen Möglichkeiten nutzen, selbst über die steinernen Zeugen der Geschichte zu streicheln und durch die Straßen der Geschichte zu spazieren.

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