Schwungfarben

Mein Freund und ich sind von einer stillen Aufregung erfasst. Wir hörten von einem Seil im Wald, das von einem dicken Ast hängen soll. Direkt an der Lichtung, hinter der Villa von Omas Nachbarn. Wir schlingen noch ein paar Kekse herunter, die Oma uns hinstellte, damit wir ja nicht Hungers sterben und spülen sie mit ordentlich Milch herunter. Sie wiegt ihren Kopf in ungetrübter Zufriedenheit.

Das Licht fällt durch die blaugrünen Scheiben der Eingangstür, deren kalter Chromgriff meiner Hand ein wenig Abkühlung verschafft. Verschmitzte Blicke treffen sich und wir springen über den kleinen Weg, der durch die Hecken zur Straße führt. Es ist juliwarm, umschließend wie eine Decke aus Licht. Wir stupsen uns, knuffen den anderen zur Seite.

Das Haus der Nachbarn wirft einen Schatten, den zu betreten man sich kaum trauen kann. Die vergilbten Markisen schreien ihr aschfahlenes Gelb neidisch gegen die Sonne. Was verbirgt sich dahinter? Wir lachen es weg.

Leise wie Elefanten auf Sand gehen wir in den Schatten. Bevor sie uns verschlucken, sind wir am Zaun. Dahinter beginnt unser Reich.

Das Kirschrot der Vogelbeeren empfängt unsere erregten Hände, wir greifen und pressen und lachen quickvergnügt. Keiner traut sich, Ausschau zu halten.

Einen Dornenbusch weiter beginnt der Pfad. Die Blätter der wechselnden Jahreszeiten bleiben hier liegen. Keiner schafft sie weg. Sie gehören uns und dem Wald und dem Pfad. Er ist sanft wie Watte unter den Füßen, die vorwärts drängen.

Er geht vor, ich lasse ihn. Schatten und Licht wechseln ab, als wenn sie miteinander spielten.

Da! Es ist wahr! Jemand hat den alten Baum zu seinem Freund genommen und ihm ein Versprechen abgerungen.

Das Seil ist dick und hat unten einen Knoten, an dem man sich halten oder auf dem man sitzen kann, wenn man es schafft, die Beine darum zu schlingen. Wir sind noch vorsichtig und inspizieren die hellbraune Liane. Sie geht über einen kleinen Fluss, den wir im Frühling zu einem waschechten Staudamm angebaut hatten. Das hektische Wasser war langsamer geworden und hatte kleine Tierchen angelockt. Unserer Verdienst! Unsere Anlage.

Nun ist kein Wasser da nur das lange Seil, dessen Möglichkeiten von stiller Gefahr uns reizen. Wer darf zuerst darauf?

Er geht vor und hält es fest. Mir stockt der Atem. Dann die Bewegung mit der Hand. Fast wie beiläufig, wie eine stille Prise Wind, zu mir herüber. Ich schaue erstaunt. Er nickt.

Ich greife das Seil mit beiden Händen und umschließe es ganz. Gehe Richtung des dicken dunklen Stammes. Ich will eine Runde versuchen, eine kleine, über das, wo damals Wasser war. Ich stelle mir den reißenden grün-blauen Strom vor, in dessen Grund dicke Steine ihm das Wasser versperren, es stauen wieder freigeben. Nur dieser eine Versuch für mich um mein Leben zu retten, jetzt, hier, in der Stunde des Todes, in dem die Horden folgen.

Der Anlauf, der Sprung.

Freies Geleit.

Sonne.

Süßigkeiten.

Himmel.

Hüpfen.

Alles in einem Schwung.

Dann geht es zurück Richtung Stamm.

Der Baum schaut freundlich und auch der, der mein Freund ist. Noch mehr, als er mir das Seil gab. Meine Verbindung zu allem, was dem Sommer Bedeutung verleiht.

 

Wir sind immer noch Freunde. Die Sommer sind immer noch warm. Ob es den Wald noch gibt? Die Schatten? Und das Seil, auf dem ich knapp dem Tod entrann?

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