Mehr Demokratie wagen

Ich beginne diesen kurzen Artikel, der nur in diesem Nebensatz Pegida erwähnt, mit einem Dankeschön an Erik Flügge, dessen Artikel darüber, warum er den Dresdner Montagsspaziergängern dankbar ist. Denn ohne ihn würde ich mir immer noch den Kopf darüber zerbrechen, was ich eigentlich schreiben möchte.

Selten habe ich so lange an Artikeln über ein Phänomen gesessen wie ich es tat, als ich über die braune Vokalanhäufung schreiben wollte; ich schrieb über das „Mitgedachte“, was es der Linken vermeintlich unmöglich mache, heimatliebende Konservative von rechten zu unterscheiden. Ich versuchte mich in politischer Analyse, indem ich die Sozialdemokratisierung der CDU als Grund für ein Vakuum rechts der Mitte zu finden glaubte. Ich meinte zu erkennen, dass „gesunder“ Konservativismus eine demokratische Diskussion verdient habe. Ich suchte nach Analogien, Beispielen und Modellen, die eine demokratische Brücke zu den „nicht ganz so radikalen“ Mitläufern schlagen würde. Dafür brauchte ich mehr als sechs Seiten, die sich wälzten und schlängelten und die klare Kante vermissen lassen. Ich werde sie, auch dank des Artikels, nicht veröffentlichen.

Die Verständnishudelei ist richtig, aber hat den falschen Adressaten. Die anbiedernden Unkenrufe aus dem Lager der CSU, Teilen der CDU, einer von magentafarbener Hoffnungslosigkeit umschlossenen FDP und unseren zerstrittenen rechts von der rechten Mitte befindlichen AfD, sind das falsche Signal.

„Wir haben gepennt – alle miteinander.“

Ja, die Bürger sollten ernst genommen werden in ihren Ängsten. Die Bürger, also die wählenden, politisch partizipierenden Unterstützer eines demokratischen Deutschlands – wir – sollten ernst genommen werden. Unsere Ängste, dass die alten Geister der Vergangenheit in Jack-Wolfskin-Jacken und bunten Mützen ihre selbstdestruktive Wut auf alles richten, was nicht ihre Meinung ist.

Wenn die anderen schon nicht reden wollen, weil sie das System und deren Vertreter ablehnen, weil sie diejenigen sind, „die sich selbst nicht als radikal erleben, aber von Radikalen getrieben werden“ und denen der Zugang zur objektiven Berichterstattung durch die selbst ernannten Heilsbringer abgeschnitten wird, dann sollten wir es tun.

Und nochmals muss ich Erik für diese Worte danken:

„Und plötzlich sind wir viele mehr. Wen mehr als Zehntausend Demonstranten in Dresden beeindruckt haben, der soll auf die Massen achten, die wir auf die Straße bringen können. Wir sind nicht der politische Rand in diesem Land, der sich mühsam seine Anhänger zusammen hetzen muss. Wir sind die übergroße Mitte und unsre Zeichen sind besonders stark, weil wir so viele Leute mit echten Jobs, echter Bildung und echtem Einfluss sind.“

Ja und dreifach ja. Und es wird für uns nicht darum gehen, dass wir uns auf der Straße zeigen, sondern das wir uns daran erinnern, welche Werte unsere Gesellschaft ausmachen, nicht nur in Ablehnung an das, was uns übel aufstößt. Und darüber müssen wir reden, darüber müssen wir schreiben. Und zwar mehr als wir es taten.

Wer erinnert sich daran, dass er oder sie es als junge Menschen den Freiheitskämpfern des dritten Reichs nachgetan hätte? Oder das er oder sie es für nicht möglich hielt, was da in der „Welle“ passierte? Wer erinnert sich daran, dass alle sagten, nein, das könnte bei uns nicht passieren? Dass alle sagten, nein, sowas würden wir nicht zulassen.

Nicht zulassen, miteinander reden, Werte vermitteln – all das ergibt sich nicht von selbst. Jeder hat die Verantwortung dafür, dass das die großartige deutsche Demokratie, so viele Fehler und Unstimmigkeiten sie auch haben mag, von uns verteidigt, aufgebaut und aufrecht erhalten wird. Zuhause, in den Büros in den sozialen Netzwerken.

Und natürlich in der Schule, dem wohl wichtigsten Ort politischer Bildung. Denn wenn wir nur weiter unsere Suppen kochen, dann schaffen es die mit der Wut immer mehr, die anderen anzustecken.

Das dürfen wir nicht zulassen.

Vielleicht ist es in der Tat wieder soweit, die alte Kamelle Willy Brandts zu bemühen, der damals um seine Reformen warb, mit denen er Deutschland Zusammenhalt geben wollte, indem er sagte: Wir wollen mehr Demokratie wagen.

Lasst uns weniger über die als miteinander reden. Und so mehr Demokratie wagen.

 

Dieser Beitrag wurde unter B-Logbuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.