Denkst du noch oder plagiierst du schon?

Wenn einer Facebook-Gruppe das Denken abnehmen soll

Anmerkung: In diesem Beitrag geht es nicht darum, bestimmte Personen an den Pranger zu stellen. Deshalb sind die Namen ausgeblendet bzw. nur in dem Falle als Klarname belassen, in dem es sich offensichtlich um ein Pseudonym handelt. Über einen konstruktiven Austausch bin ich sehr erfreut.

 

Facebook-Gruppen sind großartig, vor allem weil man sich mit Leuten austauschen kann uns so persönlich weiterkommt. Immer mehr werden solche Gruppen aber als Möglichkeit gesehen, gar nicht mehr selber aktiv zu werden. In der Gruppe „Unterrichtsideen, Entwürfe, Anregungen…“ fragen Lehramtsanwärter unverhohlen nach ganzen Sachanalysen, eben jenen Teilen eines Unterrichtsentwurfs, in der man selbst zeigen kann, inwiefern man das Thema durchdrungen hat. Natürlich könnte man sagen, dass die Menschen doch zu ihrer Arbeit kommen sollen, wie sie möchten. Zumal allen Beteiligten klar ist, dass das Referendariat kein Zuckerschlecken ist (auch hier, hier und hier nachzulesen). Wieso eine Praxis verurteilen, in der der eine von dem anderen profitiert?

Nun, diejenigen, die dort nach vorgefertigten Gedanken fragen, werden, sofern sie es durch ihr Referendariat schaffen, professionell jeden Tag ihre eigene Kreativität, ihr spezielles Fachwissen und die Fähigkeiten, dieses alles zu einem Entwurf zu kombinieren, abrufen müssen. Und zwar auch dann, wenn sie keine 11 bis 15, sondern bei einem vollen Deputat mehr als 20 Stunden haben.

Welches Bild geben jene Modelle für Lehren und Lernen dann in ihrer späteren Tätigkeit ab, in der es darum geht, dass die eigenständige Recherche auch bei den Schülerinnen und Schülern das A und O ist? Ferner: Wie soll jemand, der nie versucht hat, die eigenen Gedanken zu einem basalen Thema zu fassen und zu artikulieren, dies bei einer Schulklasse beurteilen? Der eine oder andere mag dies als einen zu scharfen Einwurf sehen, aber der Lehrberuf ist zu wichtig, als das die Lehrer selbst sich daran gewöhnen könnten, dass ihnen die Gedanken abgenommen werden. Wie es scheint, sehen einige Lehrpersonen auf Twitter dies auch so.  

 

Nun an die Gruppe: Seht ihr das nicht so? Denkt ihr, dass dies eine allzu scharfe Beurteilung ist? Dann meldet euch bei Twitter an und führt einen produktiven Dialog, holt euch beim #edchatde Anregungen oder stellt Fragen. Euch wird sicherlich geholfen. Nur eines sollte dabei immer gelten: Den Anfang muss man selbst machen…

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10 Kommentare zu Denkst du noch oder plagiierst du schon?

  1. Ich kann (wie so oft) Peter Addor nur zustimmen. Da kommen viele Faktoren zusammen. Zum einen soll man Experten und Bekannte befragen und vor allem sollte man den einfachsten Weg wählen. Wer will schon das Rad das zweite mal erfinden?

    Hinzu kommen die neuen Kompetenzen, die so oft beschworen werden. Wollen wir nicht Gruppenarbeit, Kommunikation und Bewertungen und Analysen fördern? Jetzt machen das die Leute und dann ist das auch nicht richtig?

    Auf der anderen Seite ist aber das Schummeln, das Abschreiben und diese Plagiate. Das soll natürlich nicht gemacht werden. Die Grenzen verschwimmen hier und noch nie war es so einfach wie heute.

    Ich kann da allerdings keine Vorwürfe machen, allerdings sind Beleidigungen und kopieren natürlich ein anderes Niveau. Die Frage ist jedoch, wie man damit umgehen will? Ich kann nicht auf der einen Seite neue Kompetenzen vermitteln, aber sie selbst nicht nutzen.

    Grüße aus dem Norden
    Andreas

    • Herr Rau sagt:

      >Hinzu kommen die neuen Kompetenzen, die so oft beschworen werden. Wollen wir nicht Gruppenarbeit, Kommunikation und Bewertungen und Analysen fördern?

      Nein, wollen wir dezidiert nicht. Da liegt das Missverständnis. (Es stimmt aber, dass das manche anders sehen.) Unter Fachleuten gerne Gruppenarbeit, Kommunikation und Austausch, aber erst müssen die Leute eine Basis mitbringen.

      >Zum einen soll man Experten und Bekannte befragen und vor allem sollte man den einfachsten Weg wählen.

      Nein, sollte man nicht, sondern den nachhaltigsten.

    • Bob Blume sagt:

      Ja, eben, aber darum geht es doch. Welche Kompetenz fördere ich denn, wenn ich nach einer Sachanalyse frage?

  2. Unterrichten macht glücklich sagt:

    Es ist leider wirklich sehr traurig, wie die jungen Referendare an ihre Arbeit gelangen; abkupfern, keine Mühe mehr und boshafte bzw. sogar beleidigende Reaktionen sind zum Teil zu erwarten, wenn man ihnen NUR Tipps gibt und nicht seine ganzen selbst erarbeiteten Materialien frei und selbstlos aushändigt.
    Eine Freundin – sie ist in der Lehrerausbildung tätig und entsprechend extem gut – wurde bereits im Facebook häufiger derb beleidigt, mit Tiernamen betitelt, weil sie lediglich Referendare mit Ideen versorgte. Wobei hier noch hervorzuheben ist, sie wurde bisher ausschließlich von gymnasialen Anwärtern (männlich) bezichtigt, geizig und unverschämt zu sein (inclusive Tierbezeichnungen), weil sie nicht ganze Ausarbeitungen herausgibt.
    In den letzten Jahren haben übrigens diese Verhaltensweisen zugenommen.

  3. Thomas Kuban sagt:

    Aber eine Sachanalyse ist doch keine „Quelle“, sondern schon eingedampftes, destilliertes, recherchiertes Material. So es denn der Urheber nicht schon woanders her hat. Das heißt im schlechtesten Fall wird das zu verkochtem Ungenießbaren.
    Den Tweet oben haben meine Frau und ich auch gelesen, nach dem Facepalm haben wir uns aber gefragt, was das denn für eine Stunde sein soll: „Mittelalter.“ Da ist doch, wie bei meinen Schülern, schon der Recherche-Ansatz daneben.

    • Bob Blume sagt:

      Genau das habe ich mich auch gefragt. Mehr noch: Die Fragestellung selbst zeigt ja entweder, dass schon grundlegend was verpasst wurde, oder aber – was noch schlimmer wäre – dass derjenige egal was er bekommt nimmt und das Thema daraufhin eingrenzt. Beides ist verwerflich.

  4. Peter Addor sagt:

    Ich finde es nicht verwerflich, im eigenen Netzwerk um Quellen nachzufragen. Das heisst ja noch lange nicht, dass ich eine Quelle tel quel übernehme und als meine Arbeit ausgebe. Ich erhalte vielleicht drei bis vier Quellen, die ich dann analysiere, kritisiere, verbinde und mit neuen Gedanken ergänze.

    Recherchearbeit ist ein sehr aufwändiges Handwerk und hat nichts mit Denken zu tun. Zwar würde ich von einem Mitglied dieser Gesellschaft die Fähigkeit zur Recherche erwarten, aber noch wichtiger ist es mir, dass es Quellen bewerten und darüber eigene Gedanken machen kann.

    Das hat mit dem Nachfragen nach interessanten Quellen nichts zu tun.

    • Bob Blume sagt:

      Ich verstehe die Stoßrichtung nicht. Zum einen sagst du, dass Recherche nichts mit Denken zu tun hat. Zum anderen, dass man Quellen bewertet. Was ist den Bewerten anderes als sich Gedanken zu machen? Es geht doch darum, dass man auf der Grundlage eines für sich erschlossenen Themas nach Referenzpunkten sucht, die entweder untermauern oder ex negativo belegen, wo die Reise hingehen soll. Das Gefundene wird konkretisiert, systematisiert und abstahiert – eben jene Schritte, die schon von einer anderen Person gemacht wurden, wenn man nach ganze Entwürfen fragt.

  5. teacheridoo sagt:

    Meinst Du nicht, dass Du da jetzt ein bisschen zu viel verlangst von der „Generation Silbertablett“? 😉

    Was man aber evtl. noch hinzufügen kann, ist, dass nicht nur unter angehenden Lehrern diese Unart verbreitet ist, es sich möglichst einfach machen zu wollen. Nach meinen Beobachtungen ist das generell verbreitet unter Studierenden. Nichtdestotrotz grundsätzlich inakzeptabel – egal, ob Lehrer oder nicht.

    • Bob Blume sagt:

      Dazu kann ich nichts sagen. Mir geht es nur darum, dass es gerade bei angehenden Lehrern eine besondere Unart ist, weil es eben der zukünftige Job sein sollte, eine solche Arbeitsweise zu verhindern und kreative Neugierde auf die Sachverhalte zu fördern.

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