Blog-Triade: Angelernte Authentizität

Kann man lernen, sich so zu geben, als hätte man es nicht gelernt?

Am Anfang stand der Tweet; ein schnell hingeschriebener – in einem kurzen Blitzlicht geistiger Selbstreflektion.

Nachdem Nicole Gugger den Tweet zitiert hatte, erklärte auch Patrik Frauzem, dass das Paradoxon der Frage wert sei, in Blogs besprochen zu werden. Warum also nicht in dreien. Nichts wurde abgesprochen, jeder schreibt, was er mit dem Ausgangstweet assoziiert. Kann man also lernen, authentisch zu sein? Es ist unbestritten, dass die vage und undefinierte Authentizität in allen Berufen, die etwas mit Menschen zu tun haben, eine zentrale Rolle spielt. Sie ist die Basis des Vertrauens, das sich Kommunikationspartner schenken. Ist jemand nicht authentisch, spielt er eine Rolle, Theater, etwas vor. Der dtv-Brockhaus definiert das Adjektiv „authentisch“ wie folgt: authentisch (von grch. authentes „Urheber“), verbürgt, echt, zuverlässig; glaubwürdig. Dass diese Definition neben den drei verschiedenen Deutungsweisen eine weitere Ungereimtheit innehat, fällt zunächst nicht auf. Im Zusammenhang könnte man sagen: Eine durch einen Beobachter festgestellte Reliabilität. Ist jemand authentisch, kann man mit ihm Pferde stehlen. Oder glaubt ihm, wenn er im Unterricht etwas sagt.

Denn Authentizität im Lehrerberuf ist der Grundpfeiler der Profession. Gerade in der Lehrerausbildung verzweifeln die jungen Lehramtsanwärter daran, dass ihnen auf der einen Seite gesagt wird, sie sollen doch bitteschön authentisch sein und auf der anderen Seite, dass diese Authentizität eines ganz bestimmte, geforderte ist.
Das führt nicht selten zu einem Gefühl unkontrollierbarer Schizophrenie. Denn als Typ ist ja jeder anders und kann auch nur dann authentisch sein, wenn er sich in seiner Haut wohlfühlt. Was aber, wenn sich jemand wohl fühlt, wenn er beim Reden eine Hand in der Jeanstasche hat? Was, wenn er gerne auf dem Pult sitzt? Oder dahinter? Was, wenn jemand antworten der Schüler mit einem Schwung des Lobes goutiert? Oder mit einem einfachen Nicken?

Wie für jede Art persönlicher Kompetenz gibt es auch für die der Authentizität Experten: Es sind diejenigen, die es direkt betrifft. Die Schülerinnen und Schüler in der Klasse. Das Publikum der Präsentation; des Meetings; des Ausschusses. Die nackte Idee kann so gut sein, dass sie die Innovation des Jahres ist. Wenn sie nicht durch einen authentischen Menschen präsentiert wird, bauen sich Fronten auf. Beim Lehrer kann das schnell heißen, dass die persönliche Beziehungsebene nicht stimmt. Wie soll sie auch, wenn derjenige, dessen Aufgabe ist, sie anzulegen, damit beschäftigt ist, für sich selbst zu erkennen, was echt ist.

Im Referendariat heißt dies, dass man Prioritäten setzen muss. Und das bedeutet: Entweder unterrichtet man eine Klasse oder man präsentiert etwas den Besuchern, die hinten sitzen und auf jede Bewegung achten, die man vollführt. Mir sind nur wenige Fälle bekannt, in denen letzteres zum Erfolg geführt hat. Aber auch die erste Alternative hat ihre Schwierigkeiten.

Denn ist man „vom Typ her“ eher locker, flapsig und energisch, mag eine Situation wie eine Prüfungslehrprobe, in der es um die Abschlussnote geht, einem eben diese Charaktereigenschaften abhanden kommen lassen. Und dann geht womöglich nichts mehr. Womöglich ist das Problem nicht für jeden ohne weiteres nachvollziehbar.

Unterrichten heißt – vor allem im eng getakteten Referendariat – an hundert Dinge gleichzeitig zu achten. Wie komme ich rein, wo stehe ich, was mache ich, was frage ich, wie frage ich, wen schaue ich an, was mache ich, wenn das nicht klappt, wohin gehe ich, was mache ich mit den Blättern, was muss ich eintragen, wie lange habe ich dafür Zeit, was passiert, wenn ich sei nicht einhalte, was, wenn, an was muss ich noch denken?

Und das beschreibt womöglich nur die ersten drei Minuten. Wenn in einer solchen Situation noch darauf geachtet werden muss, dass man seine Stimme in einer bestimmten Tonlage hält, nicht zu sehr mit den Händen herumfuchtelt oder nach vorne oder hinten kippelt, dann verliert man schnell die Übersicht. Zumal man ja von einem bis mehreren Menschen beobachtet wird.

Mir passierte es in einer Besuchsstunde, dass ich so sehr damit beschäftigt war, was ich mit meinen Händen mache (ein Kollege sagte mir wohlwollend, meine Hände seien zu viel beschäftigt) und wie ich Rückmeldung gebe (ein anderer Kollege sagte ebenfalls wohlwollend, ich sei zu enthusiastisch und sollte doch nur nicken, wenn eine Antwort allenfalls befriedigend ist), dass ich den Rest der Stunde völlig aus dem Takt kam.

Ich konnte mich nicht mehr auf die Unterrichtsphasen und die Inhalte fokussieren, verlor die Schüler aus dem Blick und war, kurz gesagt, wirr. Im Reflexionsgespräch fragte mein Fachleiter besorgt, was mit mir los gewesen sei. Es war nicht von der Hand zu weisen.

Nach mittlerweile drei Berufsjahren kann ich sagen, dass ich mich meiner persönlichen Authentizität zumindest angenähert habe. Dies hat mit drei Dingen zu tun: Zum einen muss ich mich nicht mehr nach einer durch eine andere Person vorgegeben Form der Authentizität richten, da meine (wenn auch kleine) Erfahrung mir zeigt, dass der Umgang, den ich pflege seine Berechtigung hat. Zum anderen entwickelte sich bei mir ein weiteres Element der Authentizität, dass man jedoch nicht auf alle Professionen übertragen kann: Die Transparenz. Wenn ich anders bin als normalerweise, teile ich das den „Leidtragenden“ mit, sodass auch in dieser Form ein gutes Arbeiten möglich ist.

Zu guter Letzt ist es jedoch tatsächlich so, dass es eine Art physisches bzw. psychisches Gedächtnis gibt. Das bedeutet, dass ich meine Form der Authentizität mittlerweile auch „vorführen“ kann.

Konkret: In einer Situation, in der die Umstände alles andere als gut sind, Stress in der Luft liegt und das persönliche Empfinden einem Rät, den Ort zu verlassen, kann ich so sein, wie ich wäre, wenn ich sein könnte, wie ich bin. Alles klar?

Und genau dies ist der neuralgische Punkt der von mir versuchten Definition vom Beginn: „Eine durch einen Beobachter festgestellte Reliabilität.“ Da die „Feststellung“ durch den „Betroffenen“ erfolgt, kann eine professionelle Authentizität im Prinzip auch alles andere als „echt“ sein. Und diese Form der Authentizität muss man lernen; nicht, damit man den anderen etwas vormacht, sondern um die Form der Echtheit beizubehalten, die man unmöglich in jeder Lebenssituation gleichermaßen aufrecht erhalten kann.

Ansonsten hätten Angela Merkel und Günther Jauch und alle die anderen Personen des öffentlichen Lebens, die zwar persifliert und kritisiert, aber grundsätzlich als authentisch wahrgenommen werden, ein Problem.

 

 

 

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4 Kommentare zu Blog-Triade: Angelernte Authentizität

  1. Herr Rau sagt:

    In der Schule geht es ganz um Authentizität. Wenn man so tun kann, als hätte man die, geht das Unterrichten ganz leicht.

  2. Pingback: "Authentisch ist nicht das Gegenteil von professionell." | Nicole Gugger

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