REFERENDARIAT: Referendars-Gedanken, Folge 3: Tage der Erschöpfung

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Der Berg, auf dem die kleinen, behaarten Wesen gehen, glüht. In den Gesichtern zeichnet sich eine Form der Erschöpfung ab, die über das Maß dessen, was jemand unter normalen Umständen aushalten kann, hinausgeht. Riesige funkelnde Steine fliegen durch die Luft. Vor dem Hintergrund des Weges, der zurückgelegt wurde, voll mit Monstern, die zurückgeschlagen wurden, den mannshohen Spinnen, brennenden Wegen, den eisigen Kälten, den Wirrungen und Irrungen, den Verrätern auf tausend Meter hohen Treppen, die den Weg so unendlich schwer machten, sind diese letzten paar Meter eigentlich ein Katzensprung. Eigentlich. Denn die Kraft reicht gerade noch so für unsere beiden Hobbits vor dem Schicksalsberg, in den der Ring des Bösen geschmissen werden soll. In einem dramatischen Höhepunkt wird sich entscheiden, ob das Böse besiegt oder auf ewig die Menschen knechten wird.

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Wir waren keine Hobbits, wir waren Referendare. Der Rest bliebt gleich. Aber der Vergleich hinkt natürlich. Denn das Referendariat in den letzten Zügen ist – schlimmer.

Die drei schlimmsten Begriffe für eine Lehrprobe sind: „Zwischenbrett“, „Gelenkstelle“ und „Puffer.“ Neben dem semantischen Unbehagen, das diese Worte schon bei Unbeteiligten auslösen, zeigen sich deutlich an, welche „Kompetenzen“ jetzt zwischen einer Eins und dem wochenlangen Vergraben unter der Bettdecke liegen. Ein „Zwischenbrett“ ist eine Phase, die zwischen zwei Stundenteilen liegt. Das kann zum Beispiel eine Phase des Klatschens sein, mit der die Schüler/Innen ihre „psychomotorischen Fähigkeiten“ schulen (das ist natürlich wie immer eine Chiffre für „mir ist nichts anderes eingefallen“). Ein gut platziertes Zwischenbrett zaubert ein Lächeln auf die in der hinteren Reihe sitzenden Fachleiter. Ein schlechtes manövriert sich direkt gegen den eigenen Kopf. Man kann nicht mehr denken, weil man weiß, dass gerade etwas gehörig falsch gelaufen ist. Die Schüler werden unruhig, weil sie sehen, dass sich die Bleiche, die den Hals hochsteigt, im Gesicht eine merkwürdige Fahlheit annimmt. Denn die Schüler wissen nicht: Man hat das Zwischenbrett versaut. Dabei hat man:

  • Die komplette Einheit selbst erfunden
  • Ein Buch selbst didaktisiert
  • Themenüberschriften gefunden, die in Doktorarbeiten verwendet werden könnten
  • Alles präzise aufeinander bezogen
  • Eine erkennbare Progression eingebaut
  • Handlungs- und Prozessorientiert unterrichtet
  • Alle Medien benutzt und zusätzlich welche erfunden
  • Portfolios anfertigen lassen
  • Alle Sozialformen angewendet
  • Zusätzlich welche erfunden
  • Das gesamte Geld für Didaktik-Ratgeber verwendet
  • Mit dem Pädagogik-Fachleiter gesprochen
  • Die Stunde im Sekundentakt erstellt
  • Alles eingebaut, was einem einfällt
  • Eine geniale, strukturierte Sicherung vorbereitet
  • Hausaufgaben gegeben, die das Gelernte transferieren

…und das Zwischenbrett in den Sand gesetzt. Noch schlimmer wäre es nur, wenn man jetzt noch eine Gelenkstelle verpatzen würde. Da ist man schnell bei einer 4-5 (Lachen Sie? Lachen Sie wirklich? Denken Sie, dass dies Fiktion ist? Ha! Und doppelt ha!)

Eine wirklich gute Gelenkstelle ist – wie soll es anders sein – wie ein Gelenk. Als Referendar ist man ja in einem Alter, in dem man laufen könnte, wenn es einen Parcours um den Schreibtisch gäbe. Irgendwann im Laufe des Lebens beginnen die Gelenke zu schmerzen. Wenn man beim Aufstehen sein Knie hört, obwohl die Musik laut ist, hat man das erreicht. Bei mir ist das zum Beispiel so, aber keine Angst, das fängt erst mit Anfang 30 an.

Eine Gelenkstelle einer Stunde muss genau das tun: Die Knochen (den Grobaufbau der Stunde) und die Muskeln (die inhaltlich perfekte, auf Progression orientierte Stunde, die die Schüler zu besseren Menschen machen wird) zusammenzuführen.

Hier ein Beispiel für Gelenkstellen mit direkter Benotung:

„Ich hab’ euch einen Text mitgebracht“ (6)

„Hier ist ein Text.“ (5)

„Dieser Text beschäftigt sich mit dem Thema.“ (4)

„Die Frage wird auch in diesem Text erörtert.“ (3)

„Die von euch herausgefundene Thematik wird auch in einem Schriftstück geäußert, dass euch nun als originales Faksimile vorliegt.“ (2)

Eine Note 1 für eine Gelenkstelle bekam nur ein kleiner grüner Lehrer, der nach seinem Referendariat direkt einen einzigen Schüler hatte und ihm in der Kunst des Kampfes mit dem Laserschwert unterrichtete. Allerdings war seine Grammatik schlecht.

Wenn man es aber geschafft hat, ein funktionales Zwischenbrett einzubauen und eine Gelenkstelle wie geleckt aus dem rhetorisch einwandfreien Verbalzirkus herausposaunt hat, wird es erst richtig lustig. Hat man es zu schnell geschafft?

Hat der kleine Josef, der eigentlich nie was sagt, noch wirklich nie, seitdem man auf der Schule ist, dieses Kind, von dem man nur eine Ahnung hatte, dass es existiert, weil man Entschuldigungen von seinen Eltern las, warum der Sohn wieder seine Hausaufgaben im Drucker lassen musste, hat also diese Ausgeburt der Hölle doch genau in dieser Stunde einen Geistesblitz, dessen Großartigkeit ihm erst in den letzten Zügen seines Jahre später absolvierten Bachelors of German-Pädagogik-Kompetenz erkennen lassen wird – und alles ist vergessen. Und dann hat man theoretisch noch drei Minuten und weiß ums Verrecken nicht, was man die Blagen noch fragen will, zumal man ja das letzte bisschen verbleibender Würde in eine schmerzliche Gesichtsfratze gepresst, die den Prüfern klarmachen soll, dass es einem gar nichts ausmacht, dass nun die eigene Zukunft für immer ruiniert werden wird.

Oder aber man hat einen Puffer. Ein Puffer ist der Freund des planlosen Referendars. Zwar darf man den Puffer nicht endlos ausdehnen, aber man kann immer sagen, dass die Klasse „besonders heterogen“ ist (Wirklich immer, denn wer hatte je schon eine Klasse, von der sich sagen ließe, sie sei „besonders homogen“ – zumal heutzutage die Eltern bei einer solchen Formulierung auch fragen könnten, ob die „Ideologie des Regenbogens“ nun wieder ihre Kinder verziehen könnte). Der Puffer kann (natürlich mit passenden Zwischenbrettern und Gelenkstellen) das Leben derjenigen retten, die es nicht schaffen, den letzten Satz der zu gebenden Hausaufgabe so zu artikulieren, dass der gedachte Punkt des Satzes auch gleichzeitig das Klingeln der Schulglocke ist.

Man kann aber auch Pech haben.

Dann sagt einem der Fachleiter: „… und insbesondere ihre natürlich Art, mit den Kindern umzugehen war für uns phantastisch. Wenn sie das letzte Stundenglied nicht als Puffer genommen hätten, sondern mittels Progression oder einem kleinen Zwischenbrett in die Stunde eingebaut hätten, ja dann…“

Und dann liegt oder sitzt man mit einem nahen Freund auf einem riesigen Stein, der mitten in glühender Lava liegt, die ihn umspült und weiß nicht mehr, ob man den Ring in den Berg geworfen hat, wer ihn gefangen hat und was überhaupt passiert ist. Und irgendwann kommen die Adler angeflogen, die ein befreundeter Zauberer geschickt hat, um einem das Leben zu retten. Und Yoda sing ein Wiegelied und…

 

„…und wenn Sie jetzt keinen Schluck Kaffee trinken wollen, dann würde uns zunächst einmal interessieren, wie Sie die Stunde empfunden haben.“

Weitere Folgen:

Referendars-Gedanken, Folge I: Tage des Zorns 

Referendars-Gedanken, Folge II: Tage der Demut 

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