Referendars-Gedanken, Folge I: Tage des Zorns

Was das Referendariat mit dem achten Höllenkreis zu tun hat

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Mittlerweile ist es fast vier Jahre her, dass ich auf den Fluren von Fachleitern und Mitreferendaren hin und her schlich, immerwährend auf der Suche nach einer neuen Information, die man unter der Flut an Angstschweiß und Informationsbroschüren verpassen könnte. Damals dachte ich nicht, dass ich es schaffen könnte. Dass es je jemand schaffen können würde. Jeder nimmt das Referendariat anders war. Für mich war es die Vorbereitung auf den achten Höllenkreis.

Dienstags ist Seminartag. Das bedeutet: Den Kopf einziehen (was ich nicht kann). Schon am ersten Tag werden von den in Honigwolle eingewickelten Lehrermütterchen (in meinem Alter) die ersten Fragen nach den Todes-Lehrproben des Schreckens gestellt. Immer wieder. Jedes Mal. Wie ein stetiges Aushöhlen des Kopfes mit Tröpfchen von Eiswasser. Um die Kinder geht es meistens nicht, außer in Pädagogik, was keiner ernst nimmt, weshalb der lustige Pädagogik-Fachleiter sich hüpfender und grinsender Weise bemüht, das Ganze seriös zu gestalten. Hüpfend. Klappt meistens eher nicht.

Schon schleicht die verhinderte Doktorin herein (sie wollte eigentlich an der Universität bleiben, aber die Perspektiven, die Perspektiven, auch für sie, die ja nur Einsen sah in ihrem Leben). Sie habe ein Problem. „Welches, sagen Sie es uns, eröffnen Sie uns Ihr Innerstes“ klingt es wie mit griechischer Lyra untermalt durch den Kellerraum, dessen Licht in artifiziellem Schein den Kopfschmerz der schlaflosen Nacht untermalt.

„Nun“, beginnt die intellektuelle Nofretete, umhüllt von einem Lächeln, ihr glattes Haar noch glatter streichend.

„Nun, ich hatte Vertretung in der 6. Klasse in der 6. Stunde am Freitag vor der Ferien und es war laut. Nun habe ich der ganzen Klasse gesagt, dass sie einen Test schreiben müssen, aber da ich ja nichts mit ihnen gemacht habe, weiß ich nicht, ob ich den jetzt überhaupt benoten darf?“

Die Gedanken schweifen zwischen „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben“ und der Bewunderung für die Naivität, die ich gerne als Ironie verpackt äußern würde, um den Laden aufzumischen. Aber es ist die nackte Realität. Auch der bärenpulloverte Fachleiter wird ganz blass und „gibt das erst einmal in die Runde“. Wenn es nicht so wäre, dass man im besuchten Unterricht des Referendariats schon gevierteilt würde, wenn man sich anmaßt, mehr als zwei Minuten hintereinander (!) mit den Schülern und Schülerinnen (bitte achten Sie auf das Geschlecht) zu sprechen, dann könnte man diese Taktik natürlich auch in der Schule anwenden. Aber das geht erst später.

Jetzt sitzen wir im Kreis und versuchen, eine Antwort auf eine Frage zu erstellen, die nicht verletzend oder lächerlich klingt, aber der Fragenden womöglich nahelegt, in einem Bereich zu arbeiten, der ohne Menschen auskommt. Als Tipp. Klappt aber nicht. Stattdessen wird schwadroniert und am Ende sind sich alle einig, dass die Schüler heutzutage, ja, man darf sagen, in der heutigen Zeit, ein besonderes Maß an pädagogischer… Und dann höre ich nicht mehr zu.

Aufmerksam werde ich erst wieder, als ein neuer Sitznachbar in das Zimmer schlurft. Die gewaltsamen Spuren alkohollastiger Feierstunden hängen ihm in tiefen Furchen im Gesicht, man erkennt die Augen kaum, aber er sieht zufrieden aus. Darf er auch sein. So hat er doch in seiner ersten Unterrichtsbesuchstunde – nein, nicht etwa in der Lehrprobe, wo denken Sie hin – eine eineinhalb Meter große Guillotine gebaut, um in seiner Stunde einen Einstieg (!) zu haben. Ein geschlagenes Wochenende baute er an dem gefährlichen Gerät, in das nun ja noch nicht einmal mehr Revolutionäre, sondern traurige Bio-Äpfel geköpft werden würden. Hätte der islamische Staat schon damals sein Unwesen getrieben, der Einstieg wäre vollends in die Geschichtsbücher aufgenommen worden. Jetzt gähnt es zufrieden neben mir.

Was das eigentliche Thema der Stunde ist, haben alle vergessen, da diese, in der alle mal ein bisschen über ihre Ängste, Sorgen und Erfahrungen reden können, mittlerweile einer Ansammlung von panischen Schizophrenen bei der ersten Therapiesitzung gleicht. Alle warten nur auf das Stichwort und als das erste Mal „Lehrprobe“ fällt, stöhnt die Menge in Wallung auf, vor Angst und Beglückung – zumindest derer, die eine Guillotine dabei haben.

Mittlerweile bin ich am Ende, was aber auch klar ist, da schon fast eine Stunde rum ist. Es folgen nur noch gefühlte 10. Erst die Fachdidaktik, die – aber das wissen wir noch nicht – redundant wird, sobald ein anderer Fachleiter aus einem anderen Seminar mit einer anderen Vorstellung im Unterricht sitzend mit dem Kopf schüttelt und sagt: Dass man das doch nun wirklich gelernt haben müsse. Und dass zwar 47 von 48 Punkten beherzigt worden wären, das aber ein bisschen zu wenig war.

Man sollte sich, so denke ich das eine um das andere Mal, ein Beispiel an den Doktoren nehmen und sich das Wohlwollen einfach erkaufen. Jawohl. Doch dann, als ich nur noch ein Funken Lebenswille in meinem matten Herzen tragend nach Hause und schnell aufs stille Örtchen gehe, dem einzigen Ort, an dem ich keinen anderen Menschen der Welt anzutreffen gedenke und wo in großen goldenen Lettern Dantes Inferno liegt. Ich bin mittlerweile im achten Höllenkreis angelangt. Hier, so heißt es, werden die Tyrannen und die Massenmörder ihrer gerechten Strafe zugeführt, indem ihnen das Fleisch von den Rippen gerissen wird. Ihnen und bestechlichen Beamten.

Und dann überlege ich mir doch eine andere Taktik und schleiche leise weinend zum Schreibtisch. Dort werde ich verweilen müssen. Die nächsten eineinhalb Jahre.

Weitere Folgen:

Referendars-Gedanken, Folge 2: Tage der Demut 

Referendars-Gedanken, Folge 3: Tage der Erschöpfung

Referendars-Gedanken, Folge 4: Tage der Freude

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Völlig ernst gemeinte TippsSchizophrenie als Lebensgefühl, ReferendariatstypenEine sehr lebendige KlasseLehrerklischeesUnterricht: Dichtung und WahrheitTest: welcher Lehrertyp sind Sie?Rede zum AbschlussSolche und solche Stunden.

Ernsthaft?

Sachanalysen schreiben

Einen Unterrichtsentwurf konzipieren 

Angst im Referendariat

Anmerkung: Auch wenn ich hier als Autor über eigene Erfahrungen schreibe, sind die in den humoristischen Texten vorkommenden Personen keine realen Menschen, sondern Zusammenschnitte aus subjektiven Eindrücken, die auf die Spitze getrieben sind. Keiner sollte sich hier verärgert oder angegriffen fühlen. Am besten kann man dies an meiner Beschreibung von Referendaren sehen, bei der ich in jedem einzelnen Fall auch mich selbst meinte. 
 

 

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10 Kommentare zu Referendars-Gedanken, Folge I: Tage des Zorns

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  6. icke_wieder sagt:

    Auf den Punkt. Und der erste Kommentar fällt dann unter Realsatire?

  7. Birgit Lachner sagt:

    Mal ’ne diskrete Frage: glaubst du nicht, dass die Personen, die du indirekt beschreibst, sich an diesen Aussagen stören? Wir können damit ja nichts anfangen, aber wenn das Kollegen lesen, wissen die vielleicht schon, wer mit „bärenpulloverte Fachleiter“ gemeint ist.

    • Bob Blume sagt:

      Du hast schon recht. Aber das ganze ist auf die Spitze getriebene Fiktion, vermischt mit subjektiven Eindrücken. Das hat mit der „Realität“ nichts zu tun. Aber vielleicht sollte ich das drunter schreiben.

  8. Hokey sagt:

    Haha! Großartiger Text! Und das alles kommt mir so bekannt vor. Es fehlen nur noch der Habilitand, die unzufriedene Meckerziege und die phlegmatische Strickliesel.

    (Bei dem „Die-heutigen-Schüler“-Genöle, das man ja auch in allen Ecken eines Lehrerzimmers hört, achte ich mittlerweile nicht mehr auf den Inhalt. Meist müssen die Kollegen einfach mal Dampf ablassen, und das sollen sie auch dürfen…)

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