Oh brave new world that has such people in it

Von Glück, Nutzen und Kompetenz. Ein Essay.

IMG_0707

Dystopien des 20. Jahrhunderts sind gerade vor allem dort im Trend, wo aufgezeigt werden soll, wie die moderne Kommunikationsgesellschaft die depressiv-zynischen Zukunftsvisionen überholt haben. Meist wird dabei vom Überwachungsstaat gesprochen, den George Orwell mit seiner 1947 geschriebenen Dystopie 1984 prophezeit habe. Je tiefer eine Analogie jedoch geht, auf umso wackligeren Füßen steht sie. Das ist bei Aldous Huxleys „Brave New World“ nicht anders. Trotzdem kann diese düstere Zukunftsvision als Vergleichsmaterie gewählt werden, um zu erläutern, wie ein falsch verstandenes Konzept der Kompetenzorientierung in eine Richtung führt, von der nur wenige profitieren.

Der Titel der Novelle „Brave New World“ war mit bedacht gewählt. In Shakespeares wohl umfassendsten gesellschaftskritischen Werk „Der Sturm“ sind es eben jene den Titel dieses Artikels ausmachenden Worte, die die auf eine einsame Insel verschlagene Miranda, Tochter des Zauberers Prospero, sagt, als die Menschen der Flotte des Königs von Neapel wahrnimmt, die vom Luftgeist Ariel auf die Insel verschlagen wurden, auf der Prospero und Miranda verweilen.

Miranda:

O wonder!

How many goodly creatures are there here!

How beauteous mankind is! O brave new world

That has such people in’t!

 

Prospero:

‚Tis new to thee.

Der Kommentar der Tochter ist zutiefst ironisch, denn die königstreue Sippschaft ist alles andere als modern. Sie ist alt, verkommen und nimmt sich selbst zu ernst. Prospero weiß das. Er rekurriert auf die Subjektivität von Empfindungen, die eine scheinbare Innovation als neue hinnehmen. Später werden wir lesen: Die beurteilenden Menschen der Moderne halten sich in einem Akt der Selbstüberschätzung der eigenen Spiegel vor.

In Aldous Huxleys hunderte Jahre später erschienenem Werk wird diese Hybris des modernen Menschen, der sich selber als fortschrittlich hält und dabei das Individuum in die Maske der artifiziellen Gesellschaftsordnung zwängt, auf die Spitze getrieben. Sexualität, Umgang, Kommunikation und Bildung existieren im sogenannten „World State“ nur noch unter den Bedingungen, die vom Staate vorgegeben werden. Die Menschen bekommen nach Schluss der Arbeit eine Droge, die sie glücklich sein lässt und die keinerlei Nebenwirkungen hat. Die Kinder werden durch pawlowsche Konditionierung einer Kaste zugeordnet, die sie nicht hinterfragen (können) und in deren Ungebildetsein sie bis zum Tode verweilen müssen. Nur ein kleines Indianerreservat, dessen gravierende Nachteile ausartender Sexualität und tradierter Brutalität die Menschen abhält, sich näher zu befassen, wiedersetzt sich in asterixscher Manier der totalen Kontrolle.

Auf dem großen Höhepunkt der dramatischen Geschichte versucht ein aus dem Reservat stammender junger Krieger den arbeitenden Menschen aus der Unterschicht klarzumachen, dass sie ihre Freiheit opfern und entreißt ihnen ihre Drogen. Allein: Sie wehren sich, versuchen, ihn zu erschlagen. Dort, wo das System in den Köpfen ist, hilft es nicht, einen kleinen Impuls dagegen zu setzen.

Ist dieser Staat nun als repressiv zu beurteilen? Als unmoralisch, verwerflich, unmenschlich? Immerhin bietet er Spaß in dem Zwang, Industriell hergestellte Freizeitbereiche zu besuchen, die Promiskuität auszuleben und sich in die glückseligmachenden Bereich der eigenen Phantasie zu beamen. Die meisten Menschen sind das, was wir doch jedem Wünschen: glücklich. Sie dienen einem höheren Zweck, dem sie sich ungefragt unterordnen. Aber dort, wo eine Unterordnung nicht als solche verstanden wird, wird sie zu einem hingenommenen Bestandteil der Alltäglichkeit.

Ja, natürlich sehen wir diesen Staat als das an, was vor dem Hintergrund unseres Welt- und Wertverständnisses ist. Obwohl man mittlerweile sagen müsste: war.

Aber blieben wir noch kurz in der „Brave New World“. Das perfide Glück der Kastengesellschaft offenbart sich darin, dass durch die durchgehende Konditionierung der „Betas“, „Omegas“ und weiterer Schichten, keiner das Verlangen hat, nach Höherem zu streben. Außer den Alphas ist so keinem die Neugierde gegeben, hinter seine systemimmanente Rolle zu blicken. Man könnte auch sagen: Im platonischen Sinne bleibt jeder in der Höhle sitzen und starrt vor die Wand.

Dabei ist es aber nicht so, dass die Menschen nichts könnten. Vielmehr sind sie – und hier können wir den Bogen schlagen zur heutigen Zeit – in höchstem Maße kompetent. Sie sind kompetent in den Teilbereichen, die man ihnen innerhalb ihrer Gesellschaftsordnung zuordnet. Sie sind produktiv, dienen den wirtschaftlichen Interessen ihres Systems.

Sie sind im höchsten Maße nützlich.

Es wird wohl keiner (mehr) widersprechen, wenn der glückliche und nützliche Mensch als Ziel einer Gesellschaft gesehen wird, die dadurch die kollektive (nützliche) und individuelle (glückliche) Art des Lebens vorgibt. Eine solche Gesellschaft könnte der Ausgang aus der selbstverschuldeten Mündigkeit zwischen de, Übermaß an Vielfalt sein, deren ausgeprägter Druck auf den Einzelnen zu einem ständig aktualisierten Neid und Unwohlsein führt, der aus dem Nicht-Haben dessen entsteht, was neu ist.

Es ist das genaue Gegenteil dessen, was der Leiter des „World State“ in einem Gespräch mit dem „primitiven“ John erklärt: In einem Experiment, in dem es nur „aufgeklärte“ Alphas auf einer Insel gab, kam es zu Krieg, Leiden und Frust, da jeder dachte, er könne mitreden. Nur dort, wo die starren Hierarchien den Menschen die Idee einer anderen Welt nehmen, kann das Glück in seiner niedrigsten Form die Menschen über den geistigen Verlust hinwegtrösten, von dem sie nicht mehr wissen, das sie ihn vermissen.

Wir brauchen die Geschichte nicht mehr umschreiben.

Wir sorgen dafür, dass die Menschen beides sind: Nützlich und glücklich. Glücklich immer dann, wenn der direkte Nutzen sich aus der Sache gibt, wenn dieser in einem chronischen Denken von „um-zu“ zu einer Verwertbarkeit des eigenen Ichs kommt. Wenn die Menschen in kompetenter Weise keine kritischen Gedanken mehr äußern dürfen können, weil in einem Kompetenzorientierten Cluster alles, was über das Nützliche heraus kommt zu einem Nicht-Nützlichen degradiert wird.

In scheinbar unbegrenzter Naivität und einem mythischen Irrglauben an die Maschinerie der empirischen Überprüfbarkeit des Wissens steigern wir uns immer mehr in die Gläubigkeit von Dichotomien zwischen Nutzen und Nicht-Nutzen, die in ihrer schlimmsten Form die Kulturlosigkeit zum staatlichen Ziel verordnet.

Shakespeare lässt am Ende seines Dramas den Zauberer Prospero in die Gesellschaft zurückkehren. In seinen 12 Jahren auf der Insel, so hofft der Zuschauer, vermag er die aufoktroyierten Strukturen verlernt haben. In einem moralischen Akt der Menschlichkeit entlässt er die Dienerschaft des Sklaven und des Luftgeistes. Nicht alle Verbrechen werden gesühnt. Aber die Freiheit erhält Einzug, auch durch den Zuschauer, der durch sein Klatschen die Menschen erlösen kann.

John, der Primitive aus „Brave New World“, hat weniger Glück. Als Gescheiterter vermag er nicht mehr aufzustehen. Er tötet sich selbst unter dem vor Glück zitternden Geschrei der Menge, die in dem systemfernen Menschen schon lange einen Teil der Unterhaltungsindustrie des „World State“ sieht. Kurz waren sie verwirrt. Jetzt kann jeder wieder nützlich sein. Und glücklich. Und kompetent.

 

In dieser schönen neuen Welt.

 

Dieser Beitrag wurde unter B-Logbuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Oh brave new world that has such people in it

  1. Andre sagt:

    Nun ist natürlich die Dystopie von Huxley auch sehr reaktionär.

    Es geht um einen Wandel, der nicht richtig mitgegangen wird, und daher grotesk überhöht und mit der Tradition kontrastiert wird.

    Die Angst, dass Bücher verboten werden oder die Sexualmoral gelockert wird usw. Dystopien verraten immer sehr viel über die Ängste ihrer Autoren und Fans.

    Ich glaube, dass das Naheliegende wahrscheinlich irreführend ist. Dass wir etwas weniger kulturelle Flurbereinigung brauchen. Dass die Idee der Totalität mir unheimlich ist. Es ist ganz gut, wenn es auch noch das andere gibt. Für viele Dystopen ist „das andere“ die Tradition oder das Früher als Referenzpunkt. Die Dystopie wertet außerdem immer das hier und jetzt auf und stellt sich gegen Tendenzen des Wandels, die als Entfremdung empfunden werden. Wie lässt sich ein Wandel positiver denken und gestalten?

    • Herr Rau sagt:

      >Nun ist natürlich die Dystopie von Huxley auch sehr reaktionär.

      Du schreibst als, als sei das etwas Negatives. Jede Dystopie ist in diesem Sinn reaktionär, indem Sie einen potentiellen, tatsächlichen oder sich abzeichnenden Wandel aufgreift und dessen Folgen für die Gesellschaft in überspitzer Form darstellt. Das ist beim reaktionären 1984 nicht anders, das den Sprach- und Beobachtungswandel nicht richtig mitmachen will.

  2. Herr Rau sagt:

    Schön gesagt. Ich teile ja die Kritik an der Kompetenzorientierung, und die parallele mit dem glücklichen, einsetzbaren, kompetenten Menschen der schönen neuen Welt hatte ich so noch nicht gesehen. Das illustriert das Problem schön.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.