Interview zum Einkaufszentrum: „Wir haben noch großen Nachholbedarf“

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Vom Fenster des Freudenstädter Bauamtes schaue ich aus dem Fenster, als ich auf den Leiter des Bauausschusses warte, der mich zu einem Gespräch über das geplante Einkaufszentrum empfängt. Eigentlich, denke ich, ist genug Platz da für schöne, neue Läden, in die auch junge Leute gerne gehen.

In dem fast einstündigen Gespräch wird klar, warum das alles nicht so einfach ist, was Freudenstadt am Einkaufzentrum hat und warum sich dreijährige auf einen H&M freuen können.

Ich: Wie ist es überhaupt zum Einkaufszentrum gekommen?

Herr Müller: Das Gewerbegebiet ist gesperrt für uns. Wir wollen nicht noch mehr Leute an die Innenstadt verlieren. Das war die Grundvoraussetzung dafür zu planen. Nach einer Marktanalyse für das nähere Umfeld hat sich der jetzige Standort ergeben. In dieser Dimension wäre es für den Marktplatz nicht möglich gewesen. So gehört es immer noch zum sogenannten Innenstadtkern.

Ich: Deshalb nicht die Innenstadt?

Herr Müller: Das stimmt. Wir haben nun auch die Menschen in der Nordstadt einbezogen. Kurz gesagt kann man sagen, dass es zum einen um diese Einbindung geht, als auch um eine neue Grundversorgung. Zudem wollten wir dies mit dem schon bestehenden Bauhof verknüpfen, den es nun schon gibt.

Ich: Die Zielsetzung war also klar?

Herr Müller: Ja, die Zielsetzung stand. Wir wollten jedoch auch einen Investor haben, haben eine Ausschreibung gemacht, zu der sich zunächst einmal sechs Firmen gemeldet haben. Nach einer Vorauswahl standen vier sehr unterschiedliche Konzepte zur Auswahl. Zwei Konzepte waren ähnlich und dann wurde mit einem Gremium besprochen, das aus dem Bauamt und Gemeinderatsmitgliedern bestand. Professor Lutz aus Stuttgart wurde mit ins Boot genommen und in einer zweiten Phase hat sich die ITG dann durchgesetzt.

Ich: War dies öffentlich?

Herr Müller: Im Sommer 2012 kam es zu einer öffentlichen Veranstaltung. Zunächst mit der HGV (Handels- und Gewerbeverein). Der hat das hingenommen, wobei man sagen muss, dass er nun kritischer eingestellt ist.

Ich: Was ist die Kritik?

Herr Müller: Es wird nun doch befürchtet, dass Kunden abgezogen werden und dass die hiesigen Geschäfte darunter leiden. 

Ich: Und die Öffentlichkeit?

Herr Müller: Zwei Wochen später gab es dann eine Bürgerveranstaltung, die auch sehr gut besucht war. Da waren natürlich auch kritische Stimmen. Auch, warum kein H&M reinkommt und so weiter. Es waren eigentlich alle Vertreter auf dem Podium, die bei dieser Entscheidung dabei waren. Und das in einer sehr frühen Phase.

Ich: Und wie ging es dann weiter?

Herr Müller: Die Entwürfe wurden konkretisiert. Der Bebauungsplan wurde öffentlich präsentiert und dann ging es schon zum Notar. Das war Ende 2012 und auch schon ein Signal an den Investor, der dann ja schon ein Drittel des Preises zahlen musste.

Ich: War zu diesem Zeitpunkt klar, welche Läden ins Einkaufszentrum kommen?

Herr Müller: Man muss entscheiden zwischen dem, was man im Gemeinderat festlegen kann und was gewünscht wird und was der Investor konkret daraus macht.

Ich: Und was wollten Sie?

Herr Müller: Wir wollten als erstes vor allem einen hochwertigen Lebensmittelversorgen, entweder Edeka oder Rewe. Es ging darum, ein qualitativ hochwertiges Sortiment zu haben. Fisch zum Beispiel gibt es ja gar nicht. Nun liegt es aber an dem Vertragspartner, dass er nun die Verträge mit den Anbietern ausmacht. Und in diesem Fall ist es eben nicht zum Edeka, sondern zum Rewe gekommen. Damit haben wir einen der drei größten Filialen Deutschlands in Freudenstadt. 

Ich: Aber die Ängste bleiben doch jetzt bestehen, oder?

Herr Müller: Bei dem Lebensmittelgeschäft hat man ein Einzugsgebiet von 600 Metern. Aber durch diese Qualität rechnen wir mit auswärtigen Kunden und dann hat man direkt einen Einzugsbereich von deutlich mehr Menschen als in Freudenstadt wohnen. Wir wollten das aber so. Wir brauchen keinen Discounter mehr, da haben wir einfach genug.

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Ich: Und die Innenstadt?

Herr Müller: Ja, das ist etwas, was auch der HGV fordert. Uns fehlt vor allem ein sogenannter Magnet wie H&M und so etwas. In der nächsten Stufe werden wir uns mit der Frage beschäftigen. Gerade auch mit einer Umsetzung dieses Hauses hier auf dem Marktplatz. Das ist geplant und das ist die Voraussetzung.

Ich: Da muss ich nachfragen. Hier auf dem Marktplatz ist etwas geplant?

Herr Müller: Ja, wir haben hier ja einen Einzugsbereich von etwa 90.000 Menschen. Da brauchen wir einen Frequenzbringer wie H&M oder etwas ähnlichem. Da sind wir dran. Das wird in den nächsten 10 Jahren passieren, damit Leute in die Innenstadt kommen.

Ich: Und was passiert dann mit dem Bauamt?

Herr Müller: Wir müssten umziehen. Das Problem ist, dass es ansonsten keine andere Alternative gibt. Die Verwaltung muss dann hier natürlich weg.

Ich: Sind diese Entscheidungen abhängig von dem, was mit dem Einkaufszentrum passiert?

Herr Müller: Wir gehen fest davon aus, dass es so laufen wird. Wir haben ganz bewusst keine Gastronomie installiert, damit der Gast, der das Einkaufszentrum besucht, dann auch die Angebote des Marktplatzes nutzt. So bringt man die Leute in die Stadt und hat gleichsam ein schönes Einkaufserlebnis.

Ich: Dann ist es doch eigentlich Quatsch, dass die hier ansässigen Kaufhäuser Nachteile davon hätten, wenn hier ein Magnet hinkommen würde, weil eh mehr Leute kommen?

Herr Müller: Das sehe ich auch so. Wenn ich einmal da bin zum Shoppen, dann bleibe ich ja da. Das große Plus ist die exzellente Fachberatung die wir hier haben und die wir auch brauchen. Aber die Leute vom HGV sehen das anders. Man sollte die Verbraucher mehr fragen, die sagen: „Wir wohnen hier und wir wollen ein entsprechendes Angebot haben.“

Ich: Aber was sagen Sie zu den jungen Leuten, die sagen, für die jungen sei nichts getan?

Herr Müller: Wir haben sicherlich Nachholdbedarf. Wir haben jetzt den Skatepark gebaut, haben da sehr viel unterstützt und das ist ja auch eine tolle Sache. Dann haben wir noch 1,5 Millionen für den Kinosaal zur Verfügung gestellt, weshalb wir das auch nichts ins Zentrum reinmachen. Der Bedarf ist in FDS abgedeckt. An dem Thema Bowlingbahn sind wir dran. Wir schauen, ob wir in dem Brachgelände der deutschen Bahn ein Bowlingcenter mit einem Fitnessstudio zu installieren, damit hier noch ein weiterer Schwerpunkt für den Bereich Jugend und Freizeit hinkommt. Wir sind da absolut offen.

Ich: Und das ist sicher?

Herr Müller: Sicher ist das schon, das Problem ist, dass solche Prozesse sehr lange dauern. Und das ist für den einen oder anderen schwer zu verstehen. 

Ich: Und wir kamen die weiteren Entscheidungen zustande?

Herr Müller: Wir wollten an einigen Stellen einfach nachrüsten. Wir wollten auf jeden Fall noch einen Drogeriemarkt. Aber außer der Nutzungsfläche haben wir da nichts mehr mit zu tun. Das ist die Entscheidung des Investors. Und das ist auch für das Thema Schuhe und Wohnungsraum so gewesen. Wir kriegen ja jetzt auch ein Depot, ein Laden, in dem man auf jeden Fall etwas Schönes für jede Jahreszeit findet.

Ich: Sie konnten also als Stadt entscheiden, welche Segmente und der Investor, welche konkreten Läden?

Herr Müller: Ja, genau. Dass noch ein Müller kommt, da waren wir auch überrascht, aber das ist letztlich nicht unsere Entscheidung gewesen. Hier ist es ja sowieso so, dass wir in der Straßburger Straße verschiedene Dinge haben, die angeboten werden. Das wird dann im Einkaufszentrum ergänzt. 

Ich: Sprechen wir nochmal über das Magnet-Geschäft. Über welchen Zeitraum sprechen wir da?

Herr Müller: Das wird schon noch 10 Jahre dauern. Erst einmal geht es jetzt darum, das Einkaufszentrum fertig zu stellen. Es soll in einem Donnerstag im Herbst 2015 eröffnet werden.

Ich: Etwas anderes. Ich hatte bei dem Blog das Gefühl, dass solche Dinge viele Leute interessieren, aber das es keiner mitbekommt. Stimmt das?

Herr Müller: Naja, in einer Kleinstadt wie unserer kennt ja fast jeder jeden, da geht das schnell rum. Und die anderen können sich ja über die Homepage informieren oder im Rathaus. Im Internet sind halt oft Leute, die einfach mal ihre Meinung raushauen. Da muss man schon aufpassen. Die Leute, die sich die Mühe machen und mal in den Gemeinderat gehen und sagen „Ich höre mir mal an, was die Leute sagen, die da jetzt 25 Millionen investieren“, das sind die, die man auch braucht.

Ich: Sind denn jetzt alle Geschäfte klar?

Herr Müller: 18% sind noch offen. Die Bebauungspläne sind schon fertig. Aber es gibt noch Spielraum für weitere Läden.

Ich: Es ist also noch nicht sicher, ob vielleicht noch Läden für jüngere kommen?

Herr Müller: Es sind noch Läden im Gespräch, aber darüber kann ich keine Aussage machen, weil diese Läden dies relativ schnell entscheiden. Die entscheiden dann drei Monate vorher. 

Ich: Wieso hat Multimedia eigentlich gar keine Rolle gespielt?

Herr Müller: Es stimmt, wir haben gerade eine Versorgung, die etwas grenzwertig ist. Die Sache ist die, dass es Entwicklungen gibt, die uns dagegen entscheiden lassen haben. Das kann jedoch noch nicht öffentlich gesagt werden. Aber es gibt konkrete Pläne. Multimedia ist schon auch ein Thema, das ich mir stadtnäher gewünscht hätte. 

Ich: Ich verstehe nur noch nicht, warum ein Media-Markt nicht auch ein Magnet wäre, wo sie doch sagen, dass es eine Wirkung auf Leute außerhalb haben.

Herr Müller: Ich kann nur sagen: Das haben wir bewusst nicht weiterverfolgt. Es ist schwierig. Sie sehen ja: Wir sind schon bemüht, gleichzeitig dafür zu sorgen, dass wir die Dinge geschützt sind, die hier sind. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Die Prozesse sind alle langfristig angelegt. Das ist von außen manchmal schwer nachvollziehbar. Das, was kritisiert wird, ist großenteils schon auch noch in der Waagschale.

Ich: Ich bedanke mich für das Gesrpäch.

Herr Müller: Bitte sehr.

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