DIGITAL: Ein „Rant“ gegen digitales Schmarotzertum

Kann denn Kooperation Sünde sein? Ja, wenn dies bedeutet, von den anderen zu profitieren, ohne selbst zu arbeiten.

Bildschirmfoto 2014-10-30 um 16.08.47

 

 

 

 

 

 

 

Wissen Sie, was ein Rant ist? Nein? Ich wusste es bis vor Kurzem auch nicht. Ich las einen Artikel von Torsten Larbig, der als Rant bezeichnet ist. Man kann es auch flammendes oder wütendes Plädoyer nennen. Das kann man googlen (oder auch mit einer anderen Suchmaschine suchen – wir sind ja digital aufgeklärte Bürger, oder etwa nicht?).

Das hier ist also ein Rant, einer, über den sich der eine oder andere aufregen mag. Konkret: Es geht um die zahlreichen Anfragen in der Gruppe „Medienpädagogik“. Da wird mal hier mal da nach einem Forschungsansatz gefragt oder gleich nach einer ganzes Literaturliste. Und dass die Menschen das „in der heutigen Zeit“ auch dürfen, ist selbstverständlich. Ach, schalmeit es da aus den Niederungen der Kommentare , hätten wir damals in den 80ern darum gegeben, alles schon vorgekaut zu bekommen. Oder in den 90ern. Oder vielleicht auch in den 2000ern, wo meine Wenigkeit universitär sozialisiert wurde (falls manche Wörter unbekannt, bitte googeln). Einigen scheint der ironische Verweis (siehe oben) schon so stark, dass mein Alter als Verweis darauf genommen wird, dass ich ja digital zurückgeblieben sei. Schade. Da hätte man recherchieren müssen. Oder in der Gruppe fragen.

Und in der Tat: Es war nicht immer einfach in der Universität, oder anders: Es war schwer. Es war nervenaufreibend einen Artikel nicht zu finden, die Fernleihe zu bemühen (immerhin, man konnte es auftreiben) und dann nach stundenlanger Lesearbeit festzustellen, dass es gar nicht das war, nachdem man gesucht hatte. Völlig redundant also? Nun ja: Nein!

Denn wenn eine Forschungsfrage klar ist (und diese Frage zu suchen sollte einige Zeit in Anspruch nehmen), dann weiß man ja noch nicht, was darüber gesagt wurde. Mehr noch: Das, was darüber gesagt wurde und was nach der eigenen vergleichenden Recherche so gar nicht dem neuesten Stand entspricht, dient als fruchtbarer Boden ex negativo, vor dessen Hintergrund der eigene Standpunkt zementiert werden kann. Das ist unbequem, das ist nervenaufreibend, das ist Forschung.

Stattdessen liest man die unverhohlenen Fürbitten nach basalen Fragestellungen und vorgefertigten Meinungen mit der Legitimation, dass doch diese in der großen Gruppe befindlichen Experten auch nichts anderes sind als Quellen, die man zitieren kann. Und tatsächlich: Mittlerweile steht dort in einem großen Anfall von Ehrlichkeit: „Da ich mir die Recherche sparen möchte…“ Ehrlich? Glauben Sie ganz ehrlich, dass ein wie auch immer ausgewiesener Experte, der eine Leseliste zur Verfügung stellt, dasselbe ist wie eine recherchierte Quelle?

Vielleicht hat der eine oder der andere schon einmal etwas über Bibliographien gehört. Ja, diese Arbeit war ungemein anstrengend und ja, es dauerte lange, bis man es schaffte, ein Thema in seiner Gänze zu perspektivieren. Aber wäre es dasselbe, wenn ich fragen würde, wer denn bitte eine Linksammlung dafür hätte? (Wer sich unsicher ist, ob der Autor dieses Textes generell gegen den digitalen Wandel ist und wie von einem Kommentator gefordert, doch „wieder in den Wald sollte“, dem sei es empfohlen, ein wenig auf dieser Seite zu stöbern. Dies ist eine herzliche Einladung.)

Und noch eine Frage sei mir vergönnt: Was machen Sie in den Seminaren, an deren Ende doch die schriftlichen Arbeiten stehen? Wie partizipieren Sie, wenn Sie am Ende nicht einmal eine einzige eigene Frage haben, für die es sich lohnt, in ein Buch oder auf einen Blog zu schauen?

Mich wundert es nicht, dass wir in den Schulen vor Schülern stehen, die eine Copy-and-Paste Powerpoint eines Wikipedia-Artikels für das Non-Plus-Ultra halten. Ehrlich nicht.

Für diejenigen, die es bis hierhin schafften mit trotzigem Ehrgeiz, an das Ende eines ganzen Artikels zu kommen, sei hier gesagt: Nein, es geht nicht darum, dass man nicht eine Frage nach einem Artikel stellen könnte, nach dem man lange suchte und von dem man hörte, dass er unverzichtbar sei.

Nein, es geht nicht darum, die Experten nachschauen zu lassen, ob der eigene Forschungsansatz etwas tauge und ob er nicht hier und da zu verbessern wäre mit dem einen oder anderen neuen Ansatz.

Nein, es geht nicht darum, dass man nicht in großartiger gemeinsamer Arbeit und mit Überlegungen dafür sorgen könnte, dass sich in der Diskussion etwas Neues ergebe, von dem man profitieren könnte.

Und nein, es geht nicht darum, das digitale Erschließen der Welt zu verteufeln.

Aber ein ganz, ganz kleines bisschen, befürchte ich, der diesen Rant hier schreibt, geht es darum, dass man sich doch ein wenig bemühe.

Und darum, seinen eigenen Kopf zu gebrauchen. Aber vielleicht ist das auch einfach zu altmodisch.

 

Dieser Beitrag wurde unter B-Logbuch, Bildung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu DIGITAL: Ein „Rant“ gegen digitales Schmarotzertum

  1. Ich habe diesen „Rant“ mal für unser Forenteam verlinkt. Wir haben es allzu oft mit derartigen Anfragen zu tun und halten dann auch jedes Mal eine Predigt.

  2. Pingback: Referendare: Wir brauchen euch! #digital #bildung #EDchatDE | Bob Blume

  3. Pingback: Lehrergruppen auf Facebook: Kampf gegen Windmühlen | Bob Blume

  4. Peter Addor sagt:

    Das ist ein richtiger und ansprechender Text und meines Erachtens nicht einmal gar so wütend, wie ein Rant sein dürfte. In der Tat verleitet das Web zur schnellen Frage. Noch schlimmer finde ich aber die völlige Inaktivität. Immerhin nehmen die von Dir angesprochenen Kontakt auf. Sie werden dann selber merken, dass ihnen die längste Link- oder Bücherliste nichts nutzt, und dass sie alle die Quellen dennoch selber durchlesen und darüber nachdenken müssen.

    Wer Deinen Text liest, gehört sicher nicht zu den von Dir angesprochenen. Dennoch wundere ich mich auch immer wieder, dass es offenbar notwendig ist, darauf hinzuweisen, dass unbekannte Fremdwörter gegoogelt werden können/sollen. Ich verzichte absichtlich darauf, wenn ich einen Text schreibe, weil es mir so selbstverständlich ist, vor allem jetzt, wo ich neben dem aktiven Browserfenster immer ein Fenster mit Wikipedia bereit halten kann. Ich muss nicht mehr zum Büchergestell gehen und dort den Duden suchen, wie früher. Heute ist das Nachschlagen unbekannter Begriffe absolut mühelos. Dennoch fragen mich immer wieder Leser meiner Texte, was dieser oder jener Begriff bedeute.

    Während ich das schreibe, erhielt ich eine Anfrage eines Studenten für Mathe-Nachhilfe. Das scheint mir in dasselbe Kapitel zu gehen. Man will lieber „Theorie“ konsumieren, als selber Aufgaben zu lösen, obwohl an einer Matheprüfung nur das Handwerk gefragt ist und keine Theorie abgefragt wird. Oder man will sich lieber eine Bücherliste geben lassen, als sie selber zusammen zu suchen.

    Forschung ist heute genauso Forschung, wie vor 30 Jahren: unbequem und nervenaufreibend. Da ändert das Web nichts daran. Was das Web bequemer gemacht hat: man kann von zuhause aus suchen und man braucht keine schweren Bücher herum zu tragen. Das ist alles. Nett sind in vielen Fällen auch animierte 3D-Modelle, aber sogar dafür muss man ziemlich viel Arbeit investieren.

    Ohne harte Arbeit geht auch mit dem Web nichts.

  5. HerrLarbig sagt:

    Vermutlich kann man einen solchen Artikel nur schreiben und verstehen, wenn man im Vorfeld Schmerz und Lust intellektueller Auseinandersetzung erlebt, die Höhen und Tiefen wirklichen Erkenntnisstrebens kennengelernt hat.

    In einem Wort: Großartig.

    (Erwarte nun aber nicht, dass dich die Leute in der FB-Medienpädagogik-Gruppe mit Lob überschütten werden. Wie man dort mit Fundamentalkritik umgeht, habe ich bislang nicht als „gebildet“ erlebt.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.