50 Shades of Lyrik

Anstelle eines Vorworts:

„Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut

hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, dass so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, dass so’n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und will’s echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.“

Von Robert Gernhardt

Der feine Ironiker schlägt zu. Mehrfach und artistisch. Fein gewebt und scheinbar banal. Die Kernthese desavouiert sich selbst in der genutzten Form. Der Kritiker kritisiert sich als  Liebhaber. Der Liebhaber wird zum größten Kritiker.

Schon zu viel des Guten? Zu viel Interpretation und Deutung? Dann stehen Sie nicht alleine da. Wahrscheinlich würden Sie von etwa 11 Millionen Schülern unterstützt, die nicht verstehen können, wie es die Lehrer zulassen können, Ihnen immer noch mit diesen ranzigen Texten zu kommen, verstaubt im Dreck der Zeit, die noch keine flackernden Bildschirme hatte. Die Lyrik ist tot, verbuddelt und abgelöst. Aufgelöst im Äther der Väter. Abgerutscht am Ender der Retina-Weltscheibe. Zerrieben zwischen der Kritik, dass man die Lyrik doch genießen solle und dieser, dass doch sowieso keiner mehr Lyrik lese. Außer Deutschlehrer, die ja per definitionem einen Schaden haben. In der Tat.

Der Schaden kam früh in den Schädel. Mit dem „Zauberlehrling“ und dem „Schatzgräber“, mit Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (dessen Altertümlichkeit während ich diese Zeilen schreibe, vom ständigen Versuch der Autokorrektur „Reebok“ anzubieten wie als eine kleine ironische Pointe herausgehoben wird), die ich bald auswendig sprechen konnte, noch bevor ich zur Schule ging. Mir machte es Spaß, der Kassette zuzuhören, den verschiedenen Stimmen der Sprecher, die von großen und dunklen Tiefen bis herauf in die wütende Beschwörung der Enttäuschten wie in einem Anfall von Wahnsinn hinauf und hinab eilten oder in sonorem, traurigen Ton väterlichen Beistand erzeugten. Vielleicht war allein diese Kassette lebensnotwendig.

Später in der Schule sprachen wir gemeinsam Schillers „Handschuh“, sangen den „Erlkönig“ und erprobten verschiedene Formen und Sprechweisen. Natürlich boykottierten wir es auch, warum auch nicht, als Schüler, legten Wörter auf die Goldwaage und trieben die vor uns sich ereifernden Lehrer in den Wahnsinn der lyrischen Resignation.

Später im Deutschstudium wurde es natürlich schlimmer. Die mittelhochdeutsche Lyrik mit alle ihren jetzt zu tradierten Klischees gewordenen Aussagen über die Liebe zur als Ideal gesehenen Frau, die zahllosen intertextuellen Referenzen, die in T.S. Eliots „Wasteland“ zu einem Sammelsurium intellektueller Andeutungen kulminierten. Aber da hatte ich schon das Herz und den Verstand verloren.

Heute quäle ich meine Schüler, indem ich das Glück ästhetischen Aus- und Eindrucks in Kompetenzraster (er)drücke, in Teilgebiete, die kein Ganzes und kein Halbes ergeben und deren funktionale wie formalistisch-normative Aufgabe es ist, die Emotion in Bruchstücke zu zerfetzen. Der Unterricht lehrt das Unbelehrbare den Lernern, die auf funktionale Zusammenhänge konditioniert und somit eigentlich gar nicht kritisierbar sind:

„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.“

Natürlich könnten wir Casper hören und interpretieren, hätten wir genug Zeit. Oder wir können uns einfach alle damit abfinden, dass Lyrik nichts mehr für uns ist. Wir, die Generation von Menschen, denen der kleine ästhetische Höhepunkt von 140 Zeichen gerade noch genug gibt, um nicht zu viel zu sein. Ich habe noch Hoffnung darauf, dass ab und zu der eine oder andere ganz versteckt an einem Sommertag, erst nach den Seiten umschauend und sich seinem produktiven Einsamkeit gewahr werdend und in einem Schwelgen in zu viel Erinnerung an ein Gedicht denkt, dass er mal hörte und es entweder zu sich spricht oder später in der warmen Stube nachschaut, welche Worte es waren, die ihm oder ihr da im Kopf herumspukten.

Anstelle eines Schlusswortes:

Jetzt wär es Zeit, daß Götter träten aus
bewohnten Dingen…
Und daß sie jede Wand in meinem Haus
umschlügen. Neue Seite. Nur der Wind,
den solches Blatt im Wenden würfe, reichte hin,
die Luft, wie eine Scholle, umzuschaufeln:
ein neues Atemfeld. Oh Götter, Götter!
Ihr Oftgekommenen, Schläfer in den Dingen,
die heiter aufstehn, die sich an den Brunnen,
die wir vermuten, Hals und Antlitz waschen
und die ihr Ausgeruhtsein leicht hinzutun
zu dem, was voll scheint, unserm vollen Leben.
Noch einmal sei es euer Morgen, Götter.
Wir wiederholen. Ihr allein seid Ursprung.
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstelln unseres Mißlingens…

Rilke, Muzot, Oktober 1925

Wer denkt, er würde gerne wieder ein paar schöne Gedichte und einige verständliche Worte dazu lesen, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Es lohnt sich sehr:

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