Für mehr Theorie in der Lehrerbildung

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Die schlimmsten Blogeinträge sind diejenigen, die so kurz sind, dass sie nicht einmal Platz für eine Fußnote haben. Sie sind also in der Wertigkeit niedriger anzusiedeln als eine Proseminar-Hausarbeit in den Geisteswissenschaften. Ein solcher Artikel liegt gerade hier vor. Und er hat eine einfache These: Mehr Theorie in der Lehrerbildung.

Mehr Praxis hier, mehr Praxis dort. Was in der Lehrerbildung fehlt, ist die Praxis, hallt es durch das Web. Alle wissen es, aber keiner tut was dafür. Stimmt das? Die Veränderungen, die sich allein in der Zeit meines Studiums (2003-2012) ergeben haben, waren in der Tat nicht gravierend. Ethische Grundkenntnisse wurden mittels eines Seminars abgespult, die Pädagogik-Vorlesung war eine der unbeliebtesten und wohl auch schlechtesten, die ich in meiner Uni-Karriere gesehen und gehört habe. Praxis kam nur dort zum Zug, wo es um kleinere Didaktik-Seminare ging; im Vergleich mit den etlichen Scheinen, die ich für die drei Studienfächer erhalten musste (und wollte) eine schwindend geringe Zahl.
Als ich mein Praxissemester machte, stellte ich in der Tat fest, dass mir das, was ich an praktischem Wissen vermittelt bekommen hatte, nicht unbedingt weiter half. Das machte aber nicht, da ich diese Zeit als ein stetiges Experiment ansah, das mir (und den Schülerinnen und Schülern) ein Gefühl dafür geben sollte, wie es ist, in der Schule zu sein.

Die Seminare, in denen ich dann im Referendariat war, kann ich sämtlich als sehr gut bezeichnen (obwohl ich als einer der Vertreter des APR auch einige Klagen hörte). Nicht nur wurde besprochen, was man machen kann, sondern es wurde auch direkt mit der Praxis verknüpft. Alles prima also?

Nein, wenn es um die Lehrerausbildung geht, dann soll möglichst noch mehr Praxis. Oder Pädagogik. Oder beides? Und wo ist überhaupt der Unterschied.

Wenn man als Lehrer zum ersten Mal ein volles Deputat (also 27 Stunden in der Realschule und 25 Stunden im Gymnasium – Zahlen können variieren) und womöglich noch eine eigene Klasse bekommt, merkt man schnell, dass die Praxis und das, was gefordert wird, etwas grundlegend anderes ist. In meinem ersten Jahr saß ich nie verzweifelt da, weil ich gerade leider keine Methode wusste. Nicht, dass ich nicht verzweifelt wäre. Aber dabei ging es weniger um das, was man in der Klasse tut, als darum, was drum herum geschieht.

Wer macht wann mit wem einen Termin wofür? Wann trage ich Klassenarbeiten wie ein? Mit wem muss ich sprechen, wenn ich dieses oder jenes erfragen will? Was mache ich, wenn ich das Thema, zu dem ich Experte und Lernbegleiter bin, noch nicht einmal als Titel eines Aufsatzes gehört habe?

Das, was die eigentliche Praxis ist, hat nichts mit einer sich stetig veränderlichen Methodik zu tun. Oder nur wenig. Was man in einem universitären Studium lernt (und nur davon kann ich berichten) ist zunächst einmal die Orientierung in einem institutionellen Rahmen, dessen Komplexität zunächst einmal erdrücken kann. Das ist bei der Schule nicht anders. Auch hier geht es darum, sich mittels seiner erlernten Fähigkeiten zur Organisation zurecht zu finden.

Der zweite, nicht minder wichtige Punkt, ist der, aus einer großen (oder kleinen) Stofffülle die wichtigsten Informationen zu entnehmen, zu extrahieren und sie einem Gegenüber zugänglich zu machen. Dies wird in allen Variationen gelernt und in etlichen Hausarbeiten eingeübt.

Ich selbst bin ein großer Kritiker meiner eigenen Auswahl an Themen und würde mit Sicherheit anders studieren, wenn ich nochmals die Chance hätte; aber zu sagen, dass dieses und jenes, was man lerne, nichts mit einer sogenannten Realität, in der man sich in der Schule bewegt, zu tun habe, ist schlicht falsch. Und wenn man nicht der Meinung ist, dass man mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium am Ende seiner Karriere als Lernender ist (und dies sollte kein guter Lehrer von sich behaupten), dann ist es ein Scheinargument, über eine praxisferne Ausbildung zu schimpfen, die mit ihrem Theoriebezug doch das zur Verfügung stellt, was man (oder bin es nur ich) tagtäglich braucht, wenn man ein interessantes Thema zugänglich machen will. Vielleicht sollte man schauen, dass man bei all dem Rufen nach mehr Praxis nicht die Wissenschaftlichkeit aus den Augen verliert, die doch das Werkzeug ist, mit dem auch Lehrer arbeiten.

So.

Und das ist nicht empirisch belegt und beruht nur auf meinen Erfahrungen und Gedanken.[1]

 

 

 

 

[1] Hier ist doch eine. Ich wollte nur prüfen, wem das wichtig ist.

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2 Kommentare zu Für mehr Theorie in der Lehrerbildung

  1. Herr Rau sagt:

    Blogs brauchen keine Fußnoten, es wären denn interessante. Der Schrei nach Belegen ist oft nur eine Anlenkung vom Thema.

    Ansonsten sehe ich das auch so: mehr Theorie. Uh, meinst du Didaktik- und Pädagogik-Theorie, oder fachwissenschaftliche Inhalte? Letzteres sicher auch. Mit der Praxis schlägt man sich den Rest des Arbeitslebens herum, aber mit den universitären Inhalten ist danach meist Schluss. — Klar, auch nach der Uni soll man immer weiter lernen, aber ich sehe das leider nicht bei allen Kollegen.

    Schön wäre es, wenn jeder Lehrer alle paar Jahre mal was in einer fachdidaktischen Zeitschrift veröffentlichen müsste. Dann würde man noch mal die didaktische Theorie herauskramen und mit der praktischen Erfahrung mischen.

    • Bob Blume sagt:

      Zum einen: damit meine ich vor allem die fachwissenschaftlichen Inhalte. Ich finde den Schrei nach „mehr Praxis“ einfach sehr simpel und pauschal. Außerdem merkt man, dass es eben nicht nur an fachdidaktischem Hintergrund, sondern auch an den fachwisschenschaftlichen Inhalten mangelt. Damit meine ich nicht, dass man immer und zu jeder Zeit alles parat haben muss, das sicher nicht. Aber zumindest wissen, wo man suchen muss und ein entsprechendes Netzwerk an Wissen sollte doch jeder, der sein Fach ernst nimmt, haben.

      Beim zweiten Punkt stimme ich dir mehr als zu. Es müsste ja noch nicht einmal eine Zeitschrift sein, sondern „nur“ ein Blog. Dies ist auch wieder sehr subjektiv, aber seitdem ich über Twitter vernetzt bin und diesen Blog auch mit Inhalten der Didaktik fülle, habe ich das Gefühl, mehr auf dem Stand der Dinge zu sein/ zu bleiben, als es davor war. Aber wie es nunmal so ist: Wie sollte man das hinbekommen, ohne Leistungsstandards oder Ähnliches daran zu koppeln? Einer lieben Bitte kommen mit Sicherheit nicht alle nach.

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