Kleines Experiment zum Redeanteil im Englischunterricht

Mehrbelastung durch Redezeit

In einem fruchtbaren Gespräch mit Saskia Esken über Ängste und Befürchtungen gegenüber der Gemeinschaftsschule, führte die Diskussion früh an den Punkt, an dem es um die Arbeitsbelastung des Lehrers bei individueller Betreuung geht. Diese Belastung ist immer dann hoch, wenn der Lehrer selbst sich in den Mittelpunkt stellt und erzählt/ erklärt. Dabei ist klar, dass die Schüler durch eine Rolle als passive Konsumenten selbst an keinem Lernprozess beteiligt sind. Auch als Lehrer ist ein Tag, an dem man fünf oder sechs Stunden redet, extrem anstrengend.

Genaue Planung führt dazu, dass man durch gezielte Impulse den eigenen Sprechanteil verringern und die Schüler zu Aktivität leiten kann. Ich fragte mich, wie viel Zeit ich in einer „normalen“ Doppelstunde im Fach Englisch selber reden würde.

Die Ausgangslage

Da die Klasse meinen Hang zu technischen Geräten schon kennt und auf das Herausholen von iPad und iPhone eigentlich gar nicht mehr reagiert, war es kein Problem, das Handy neben mich zu legen und immer, wenn ich selbst sprach, auf die Stoppuhr zu drücken. Den Schülern erklärte ich das Ganze innerhalb weniger Sekunden.

Die Stunde

Normalerweise teile ich die Stunde nicht in Kompetenzen auf, sondern formuliere ein Überthema, das dann in der Stunde selbst in kleinere Bereiche aufgeteilt wird. In dem Screenshot, den ich von dieser Stunde gemacht habe, wird dies deutlich. Auch die „Presentations“ der Schüler, die immer auch eine Rückmeldung und eine Impulsfrage enthalten, werden in den Stunden nicht zusätzlich aufgegliedert. Der hier zu sehende Teil beinhaltet an zwei Stellen Impulse, die ich an die Schüler weiterleite. Sie fungieren entweder als Überleitungen (wie bei der Karte von New York, die ich aber direkt über Google-Earth abrief) oder als direkte Impulse, die einer konkreten Progression folgen (sollen). In diesem Fall also von allgemeinen Informationen zu New York über die visuelle Besprechung von Sehenswürdigkeiten zu konkreten Fragen nach dem Weg.

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Erste Eindrücke

Schon sehr früh wird bei einem solchen Experiment deutlich, dass man sich stärker selbst beobachtet als sonst. Um nach der begonnen Impulsfrage die Schüler noch mehr zu beteiligen, wählten die Schüler sich gegenseitig zum Sprechen aus. Ich merkte, dass ich mich gerade in den Momenten mehr zurückhielt, in denen ich nach einer Übung eine Anekdote zum Thema zum besten geben hätte können, z.B. über New York und seine Sehenswürdigkeiten. Dies unterließ ich und ließ die Kinder stattdessen die Google-Karte besprechen, um gezielt das Vokabular zum Beschreiben von Karten zu wiederholen.

Redeanteil und Sozialform

Wenn man über Redeanteile als Lehrer nachdenkt, kommen einem schnell die beiden konträren Sozialformen der Gruppenarbeit (wenig Redeanteil des Lehrers) und des Lehrer-Schüler-Gesprächs (viel Redeanteil des Lehrers) in den Sinn. Das dies nicht so einfach ist, zeigt sich bei Einzelaufgaben, bei denen die Schülerinnen schlicht schreibend über ein neues Thema nachdenken oder neues Vokabular produktiv umwälzen. Dies ist eine sehr individuelle Form des Unterrichts, die Redeanteile schlicht ausschließt. Natürlich sollten die Schüler immer die Möglichkeit haben, ihre eigenen Produkte auch zu zeigen, sei es in einer kleinen Partnerpräsentation oder auch im Plenum, wobei dieses natürlich die Gefahr eines zu starken Lehrerredeanteils beinhaltet.

Das Ergebnis

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In dieser Doppelstunde Englisch hatte ich einen Redeanteil von fast siebzehn Minuten. Dieses Ergebnis ist für mich selbst schwer zu beurteilen. Zum einen könnte man sagen, dass 20% Redeanteil immer noch sehr viel ist, zumal ja ein Großteil der Stunde aus Präsentationen und Höraufgaben bestand. Auch war ich überrascht, dass diese Redezeit gerade dafür, dass ich ja wusste, dass ich mich selber stoppe, immer noch ziemlich hoch ist.

Auf der anderen Seite ist es ja gerade im Englischunterricht wichtig, durch präzises Nachfragen dafür zu sorgen, dass die Schüler die Stundenziele (die ihnen meist bekannt sind) auch erreichen können. Ob dies allerdings als „Rechtfertigung“ dienen kann, ist eine andere Frage.

 

Die riesige Überraschung ist so ausgeblieben. Was von dem kleinen Experiment bleibt ist das Ziel, meine Redezeit weiter zu verkürzen und die Effektivität der Impulse und Fragen zu steigern.

 

Wenn jemand ähnliche Erfahrungen gemacht hat, würde ich mich freuen, über diese zu lesen.

 

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3 Kommentare zu Kleines Experiment zum Redeanteil im Englischunterricht

  1. pippelotta sagt:

    Ist es nicht im Englischunterricht auch notwendig, den Lehrer sprechen zu hören (wenn wir davon ausgehen, dass dieser auch als „Sprachkönner“ fungiert und Schüler davon profitieren „richtiges“ Englisch zu hören)?

    • Bob Blume sagt:

      Ja, das ist ein guter Punkt. Auf jeden Fall. Es ist nach meiner Erfahrung nur erheblich viel schwerer, den Redeanteil zurückzufahren, als das Gegenteil zu tun. Insofern werden sie sogar dann noch viel Englisch vom Lehrer (und von den Native Speakern auf der CD) hören, wenn versucht wird, den Redeanteil einzuschränken.

  2. Zur Steigerung der Sprechzeit der Schülerinnen ist die Unterrichtsmethode „Lernen durch Lehren (LdL)“ äußerst nützlich.
    Zur Zeit findet ein MOOC zu LdL statt, bei dem die Teilnehmer sich theoretische und unterrichtspraktische Aspekte erschließen, indem sie (aktiv oder passiv) an Hangouts teilnehmen und sich selbst recherchierte Ergebnisse gegenseitig präsentieren.
    –> Kommunikationszentrale: LdLMOOC2-Forum
    –> auf Twitter: Hashtag #ldlmooc2
    –> YouTube: #LdLMOOC2 Hangouts

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