POLITIK: AfD-Werbung in der taz oder: Ich weiß es nicht

 

Man sagt ja, die Vernetzung mache die Welt kleiner. Das sehe ich nicht so. Die Welt wird immer größer und komplizierter und sobald man meint, etwas zu verstehen, wird es komplexer. Manche Dinge versteht man auch dann nicht, wenn man sich besonders Mühe gibt. Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. Dass die Europawahl gerade viele rechte Triebe zulässt, dürfte allen bekannt sein. Umso wichtiger sind Informationen wie in diesem Video, die darauf hinweisen, dass es sich bei Europa nicht nur um einen Bürokratieapparat handelt, der die Krümmung von Gurken bestimmt.

Auf der anderen Seite verstehe ich jedoch viele Kritiker der Rechtspopulisten genau so wenig. Oftmals muss ich mit den Schultern zucken und sagen: Ich weiß es nicht.

So kündigte der in Berlin lebende Student der Kultur- Wissenschafts- und Technikgeschichte Alexander Nabert in seinem Blog die bis dato unterstützte taz in einem offenen Brief, weil sie Werbung der Partei AfD abdruckte. Für diese Aktion habe ich ein theoretisches Verständnis, aber es bleiben Fragen offen:

Im Folgenden stelle ich diese Fragen anhand einiger Stellen des Beitrags:

„Seit Jahren ist die taz. das für mich wichtigste Printmedium. Mein erstes Abo hatte ich zu Schulzeiten, damals kam sie sogar jeden Tag.“

Die angegebene Zeit ist relativ lange. Ganz Ruhrgebietsmensch könnte ich sagen: „Stammkneipe.“ Würde ich meiner Kneipe für immer fern bleiben, weil sie statt meinem geliebten Bier einmal einen Cocktailabend veranstaltet? (Zugegeben einen ziemlich herben, von dem man Magen-Darm bekommt). Oder würde ich mit dem Wirt sprechen?

„Die taz war immer politisch.  Sie politisierte. Bin heute gehört das Attribut “links” zur Selbstwahrnehmung der taz. Alternatives Medium für alternative Politik.“

Was politisch heißt, ist klar. Auch wenn die Kategorien links und rechts längst nicht mehr jedes Spektrum einschließen, sollte auch klar sein, welche Kategorie. Liest man ein Medium aber, damit es „die andere Seite der Dinge“ schildert oder damit es das schreibt, was ich ohnehin schon denke? Geht es um einen anderen Standpunkt als bei anderen Medien oder schlicht um einen anderen Standpunkt gegen alle anderen?

„Anderen Medien ist das übrigens auch etwas anderes: Wer die AfD in ihren Artikeln verharmlost oder hofiert, kann auch Werbung von ihr drucken.“

Mit anderen Worten: Wenn ich gegen die AfD bin, kann ich keine Werbung für sie drucken. Das hört sich klar an, nur: Ist eine Beschäftigung mit einer populistischen Partei, die in der Demokratie geschaffen wurde, gleichzeitig ein Ausschlussgrund, dass eben jene Partei für sich wirbt?

Sollte ich als langjähriger Abonnent und als öffentlicher Blogger nicht dafür sorgen, dass mein Printmedium der Wahl kritisiert wird, anstatt beleidigt von dannen zu ziehen?

Sollte ich nicht dafür sorgen, dass platte, Klischee beladene Aussagen relativiert und widerlegt werden, anstatt durch zwanghafte Ignoranz und Stigmatisierung dafür zu sorgen, dass die Anhänger zu einer „jetzt erst recht“ – Stimmung tendieren?

Verpflichtet der Gedanke für die Demokratie und gegen rechts und Intoleranz nicht dazu, in einem Austausch der besseren Argumente mit „Ewig-Gestrigen“ zu streiten?

Löst es die Probleme, wenn ich die Transporteure von meinungsfreien Informationen dafür verantwortlich mache, dass sie einer Partei einen Werbe-Platz einräumen?

Und zuletzt: Was bedeutet es für mich selbst, wenn ich mich einem Austausch verweigere und angewidert wegrenne?

Ich weiß es nicht.

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