Kollegah in die Schule

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Quelle: Wikipedia/ Selfmade Records

 

Gangster Rap in der Schule?

Einige von euch werden sagen: Wer ist Kollegah? Andere werden sagen: Ich weiß, wer es ist, hast du den Schuss nicht gehört? Vielleicht haben diese Kritiker Recht. Vielleicht hören sie aber auch nicht richtig hin. Falls die erste Reaktion nun ist, Youtube anzustellen und kurz reinzuhören, werden sich die schlimmsten Cliches bestätigen. Deshalb: Lest den Artikel erst zu ende.

Ich erspare mir die Biographie von Felix Blume, dem Ganster-Rapper, der sich gleichzeitig als Zuhälter-Rapper bezeichnet. Alleine das sollte einen Musiker oder Rapper natürlich schon für die Schule diskreditieren. Und fairer Weise muss man sagen: Nicht jedes Lied eignet sich. Bei Blume ist es allerdings so wie bei vielen anderen Rappern: Ob die Geschichten über Strich, Drogen und Gewalt wahr sind oder vielmehr einer eigenen Fiktion dienen, ist nicht ganz klar. Dies ist in dem Fall auch egal. Gehen wir das Ganze mal von der anderen Seite an.

Inhalt und Form

Die meisten Lehrer werden bestätigen, dass im Deutschunterricht sehr viel Kraft darauf verwendet wird, den Schülern beizubringen, wie sich Inhalt und Form ergänzen. Die Skala geht von größeren Prosaformen zur Kurzgeschichte und landet meist in der resignativen Verzweiflung nach der Lyrikanalyse, wenn auch nach dem achten Gedicht nicht klar wird, was nun die Metapher oder Alliteration mit der Aussage zu tun hat. Genau das kann man sich bei Kollegah, den ich gerade für den wortgewaltigsten deutschen Rapper halte, zu nutze machen.

Weniger ist mehr

Denn das, was man spontan zu kritisieren hätte, ist eine riesige Möglichkeit. Denn allgemein formuliert geht es in jedem Lied um dasselbe: Ich bin besser als du und das zeige ich dir jetzt. Das Thema ist irrelevant. Nun folgt das große ABER.

Weil das auch den fernsten Schülern klar ist, kann man sehr schnell vom Was auf das Wie kommen. Und es gibt wohl keinen Text, der das nicht vermitteln würde, und zwar in einer Weise, bei der selbst studierte Rhetoriker das eine oder andere lernen können.

Kollegahs Style 

Das, was man „Style“ eines Rappers nennt – man könnte es auch ganz altmodisch Stilistik schimpfen – ist bei Kollegah neben dem sogenannten Doubletime (also extrem schnell gesprochenen Rap-Passagen) nämlich seine Fähigkeit für „Punchlines“. Das sind grob gesprochen Vergleiche. Bei Kollegah sind diese Punchlines allerdings wahre Kunstwerke der Wortakrobatik, von denen ich bezweifle, dass sie mit den bisher bekannten rhetorischen Mitteln erklärt werden können, das sie mehrere dieser Sprachformen ineinander weben.

Am häufigsten ist dabei die Kombination von Vergleich, Metapher – oftmals noch durch einen Klimax hervorgehoben. Und das alles als eine Form.

Erkenntnisse

Alles in allem bin ich mir sicher, dass man alleine mit diesem Rapper die große Erkenntnis leisten könnte, wie sich Sprache und Form ergänzen. Und dies wäre ein wirklich großer Schritt, der sich auf viele andere Gebiete der sprachlichen Arbeit ausweiten lassen könnte. Jetzt kommt leider das zweite große ABER.

Probleme

Nur eines der vielen Probleme bei meiner Forderung bleibt aber bestehen: Es gibt so gut wie keine Lieder, die zweifelsfrei jugendfrei wären. Dies ist schlimm, denn diejenigen, die offen sind für neue Spielarten der schulischen Lehre würden – da bin ich mir sicher – wenn sie frei von Vorurteilen die sprachliche Leistung anerkennen würden, erkennen, welches Potential hier für motivierenden und sehr lehrreichen Unterricht schlummern. Ich selbst bleibe unsicher: Sollte man dies ignorieren (wie schon viele Male in der Literaturgeschichte vermeintlich jugendgefährdendes Material zuerst verteufelt wurde und dann zum Klassiker wurde)?

Oder gilt immer, dass ein Schimpfwort an der falschen Stelle nichts in der Schule zu suchen hat (zumal die Schüler ja nach anderen Liedern suchen würden)?

Wahrscheinlich wir es nichts mit Kollegah in der Schule. Es gibt genügend andere Rapper, die sich auch eignen.

Es ist und bleibt schade: „Aber das soll vorkommen, wie’n referierender Schüler.“

 

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Ein Kommentar zu Kollegah in die Schule

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