Dank, Rückmeldung und Entlassung

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Ausschnitt aus dem Video „Ich logg mich aus“.

Nach der viel diskutierten Sendung „Versager im Staatsdienst“ und der darauffolgenden Blogparade mit demselben Titel antwortet der Englischlehrer, Fachleiter für Englisch im Lehrerseminar Freiburg und Kabarettist Marc Hofmann auf einige Fragen, die auch in der Blogparade besprochen wurden. Sein Kabarettprogramm «Der Klassenfeind – Ein Lehrer im Sog des Irrsinns« hatte im März im Freiburger Vorderhaus Premiere.

Herr Hofmann, muss ein guter Lehrer auch ein Comedian sein?

Nein, aber es schadet sicher nicht, wobei ich selbst privat eher wenig Humor habe, sagt zumindest meine Frau und auch bei den Lehrersprüchen in der Abizeitung tauche ich bemerkenswert selten auf.

Gibt es an deutschen Schulen generell zu viele schlechte Lehrer?

Ganz schwer zu sagen. Was heißt schlecht? Was heißt zu viele? Ich glaube, dass, seit ich es beurteilen kann (seit ca. 12 Jahren), die Ausbildung (vor allem das Referendariat) durchaus einiges verhindert. Es gab sicher Zeiten, wo es leichter war, eine Stelle zu bekommen und viele von uns kennen ja aus der eigenen Schulzeit einzelne Lehrer, die sicher nicht sehr für diesen Beruf geeignet waren. Dagegen kommen aber die vielen, die jeder von uns schon immer hatten, die gut waren und die werden in dieser Diskussion oft vergessen (vor allem werden die viel zu selten gelobt). Ich warne davor zu sagen, einzelne sind ja gut, aber das gros kann nix. Ich denke, es ist deutlich andersherum. Und wichtig wäre hier auch mal ein gesellschaftliches Signal: Was ihr hier leistet ist der Hammer. Danke dafür!

Woran erkennt man, ob ein Lehrer seinem Job nicht gerecht wird?

Die Schulen selbst und der komplette Verwaltungsapparat tun relativ wenig dafür, positive oder negative Rückmeldungen zu geben (siehe nächste Fragen). Gerade die positive Rückmeldekultur ist in unserer Gesellschaft auch nur gering ausgeprägt. Das heißt, die Wahrnehmung über den eigenen Lehrerfolg ist sehr diffus und subjektiv. Solange sich an den äußeren Faktoren nichts ändert, bleibt als Antwort auf die Frage nur, dass man statt mit 60 schon mit 50 unter Burnout leidet. Dann weiß man es. Verhindern kann man das nur durch intrinsische Maßnahmen wie interkollegiale Hospitation oder freiwillige Fortbildungen (vor allem zu pädagogischen Themen). Wenn man die ersten somatoformen Symptome erkennt (z.B. Schlafstörungen), dann weiß man, dass man etwas unternehmen sollte. Die Vorstufe ist ein generelles Unwohlsein, bei der Vorstellung, vor der Klasse zu stehen und die Vorstufe davon ist, dass man langsam zynisch wird, Dinge sagt, die man nie sagen wollte oder sogar denkt. Übrigens waren die meisten Zyniker mal Idealisten.

Wie sollte man mit solchen Lehrern verfahren (dürfen)? Sollte man Lehrer entlassen dürfen, wie es einige Journalisten fordern?

Das momentan einzige Belohnungssystem für einen Lehrer ist der Aufstieg in eine andere Besoldungsgruppe. Quasi als Belohnung dafür, dass er mindestens zehn Jahre durchgehalten hat. Mit Leistung hat das nichts zu tun. Es müsste ganz andere Kriterien geben, um gute oder nicht so gute Leistungen zu klassifizieren (regelmäßige Evaluation, Coaching bis hin zur – im Extremfall – Entlassung.) Momentan ist überdurchschnittliches Engagement reine Privatsache, ein Hobby quasi. Oft wird es nicht einmal durch die Schulleitung anerkannt. Genauso wenig werden klare Verweigerungen oder gar Verstöße gegen Verordnungen sanktioniert. Das frustriert die engagierten Lehrer enorm. Ich sehe im Beamtentum keinerlei positiven Einfluss auf den Erfolg von Schule. Eher im Gegenteil.

Konkret: Sollte der Beamtenstatus abgeschafft werden?

Ja

Welchen Anteil hat das Lehramtsstudium?

Die Kürzung des Referendariats in Baden-Württemberg aus vermutlich ökonomischen Gründen von 24 auf 18 Monate halte ich für falsch, auch wenn sich dadurch der Fachdidaktikanteil an der Uni sich erhöht hat, was unerlässlich ist. Inhalte aus dem Lehramtsstudium zu kippen, ist für das Gymnasium nicht möglich. Wir brauchen schon fachlich gute Lehrer. Was ich befürworten würde, ist, dass angehende Lehrer zu irgendeinem Zeitpunkt mal anderweitige Berufserfahrungen gesammelt haben, z.B. in Form von längeren Praktika, auch wenn ich weiß, dass das eher unrealistisch in der Durchsetzung ist.

Sollten die Schulen die Lehrer selbst aussuchen dürfen?

Ja

Sollte es eine Art „Belohnungssystem“ wie in der freien Wirtschaft geben?

Ja

Woran gehen die Kollegen kaputt?

Verändertes Elternverhalten, Veränderte Kinder- und Jugendliche, politische «Planlosigkeit« (G8/G9), zu viele neue Anforderungen, auf die man nicht vorbereitet ist (Cybermobbing, Inklusion), d.h. latentes Gefühl der Überforderung und die Unmöglichkeit echter Individualisierung und Differenzierung. Was mich am meisten frustriert ist, dass gerade die extrem engagierten Kollegen sich aufreiben, weil sie versuchen auf eine Art zu unterrichten, für die oft an den Schulen keine Strukturen vorhanden sind (z.B. Umgang mit Lernschwachen Schülern, Umgang mit ADHS), d.h. sie betreiben einen unfassbaren Aufwand ihren Ansprüchen gerecht zu werden und müssen sich letztlich zu oft mit Kompromissen zufrieden geben. Dazu kommt zu häufig fehlendes Lob, fehlende Anerkennung. Rückmeldung geschieht in der Regel zu oft als Kritik.

 

Am Ende: Was würden Sie jungen Leuten, die Lehrer werden wollen, als Tipp mit auf den Weg geben?

Sich fragen: Warum will man Lehrer werden? So ehrlich und schonungslos wie möglich. Will ich wirklich jungen Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, andere Interessen haben, als man sich das wünschen würde, etwas fürs Leben vermitteln wollen. Fachlich und darüber hinaus. Brenne ich dafür den unter Jugendlichen gerade herrschenden Pragmatismus aufzubrechen, die zum Denken anzuregen (vielleicht zuerst gegen ihren Willen), die fit zu machen für die Herausforderungen der Zukunft (und die heißen nicht mehr «Wachstum« und «Geld verdienen«). Und wenn all das mit «ja« beantwortet werden kann, dann muss man sich überlegen, welchen Ausgleich man in seinem Leben hat, um sich nicht von der Schule verschlingen zu lassen, denn das sind die Leute, die alles geben, sich aufreiben und nach einer Weile nicht mehr können. Das heißt aber nicht, dass es nicht gelingen kann. Es gibt auch dafür genügend Beispiele.

Herr Hoffmann, ich danke für das Gespräch. Weiterhin viel Erfolg mit Ihren Auftritten – innerhalb und außerhalb der Schule.

 

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