UNTERRICHT: Ach, Alliterationen

Schüler haben es nicht leicht. Vor allem bei der lieben Lyrik. Wenn es gilt, rhetorische Figuren herauszuarbeiten und zu analysieren, nimmt die Alliteration einen besonderen Stellenwert ein. Denn es gibt wohl keine sprachliche Figur, die so häufig erkannt wird. Aber auch keine, bei der so viel Unsicherheit besteht, wie man ihre Wirkung beschreibt – und darum geht es ja bei der Interpretation.

Wie häufig bei solchen Fällen, hilft der Wikipedia-Artikel nicht wirklich weiter, da dort nur festgestellt wird, dass es sich um eine Abfolge von gleich klingenden Anlauten handelt[1], die oft in der Werbung genutzt wird, um einen komischen Effekt zu erzielen, der auch noch im Gedächtnis bleibt. Aber nicht jedes Gedicht, in dem eine Alliteration[2] zu finden ist, will auch komisch sein. Die Folge ist, dass meist festgestellt wird, dass die Alliteration irgendwas „hervorhebt“. Wie sie das tut, bleibt meistens im Verborgenen – sowohl dem Interpreten als auch dem Leser.

Der „Fehler“, wenn man es so bezeichnen will, liegt meist schon in der Fragestellung, die man an die sprachliche Figur stellt. Die lautet nämlich meistens: „Warum nutzt der Autor die sprachliche Figur, in dem Fall die Alliteration.“ Wenn man jedoch davon ausgeht, dass die Gedichte, die man als Schüler zu interpretieren hat, von Schriftstellern geschrieben wurden, die wissen, wie man schreibt, ist diese Frage hinfällig.

Das Warum ist nicht ausschlaggebend sondern das Was und das Wie. Die richtigen Fragen sind:

1. Was wird durch die Alliteration hervorgehoben.

2. Wie wird es durch die Alliteration hervorgehoben.

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man den Inhalt des Gedichts komplett verstanden haben, bevor man sich überhaupt an die Alliteration begibt. Denn eine Alliteration kann nur dann ordentlich erklärt werden, wenn sie im Gesamtzusammenhang analysiert wird.

Wenn man also davon ausgeht, dass die Alliteration per se sinnvoll eingesetzt ist und dass sie den Sinnzusammenhang verdeutlicht, dann kann man gar nichts mehr falsch machen. Nehmen wir dazu ein Beispiel:

In Vers 6 des bekannten Gedichts „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke geht es um den Gang des eingesperrten und lebensfernen Tiers, der sich „im allerkleinsten Kreise dreht.“ Auch wenn hier die Alliteration nicht in direkt aufeinander folgenden Anfangsbuchstaben (bzw. Lauten)
zu finden ist, wird direkt klar, dass der K-Laut (ein sogenannter Plosivlaut) hervorsticht.

Inhaltlich weiß ich, dass der „allerkleinste Kreis“ – also die Verstärkung des Superlativs „kleinster“ für ein Tier, das eigentlich in der Freiheit lebt, schrecklich ist. Es ist ein hartes Los für das Tier, in die Enge gezwängt zu sein. Genau diese Härte kommt durch die Alliteration zum Ausdruck.

Die aufeinander folgenden K-Laute sorgen also für eine sprachliche Betonung der inhaltlichen Härte, der das Tier ausgesetzt ist. Damit ist das Was und das Wie geklärt (Nebenbei wissen wir natürlich nun auch, warum Rilke mutmaßlich diese Alliteration eingesetzt hat).

Wenn ihr also das nächste Mal eine Alliteration seht, probiert es aus, bedenkt aber: die verschiedenen Laute haben auch eine unterschiedliche Wirkung. Drei aufeinander folgende I-Laute werden wohl eher eine glückliche Stimmung erzeugen oder aber eine traurige Stimmung ironisch kommentieren.

Falls es Fragen gibt könnt ihr wie immer gerne kommentieren.

 


[1] Im Wikipedia-Artikel heißt es dazu, dass die A. Stammsilben benachbarter Wörter den gleichen Anlaut besitzen. Nach einem Kommentar, der auf den Unterschied herausstellte, ist dies zu betonen, da gleiche Buchstaben nicht immer gleich ausgesprochen werden (phonetischer Unterschied). Dies wiederum bedeutet, dass „Stein und Schein“ als Alliteration gelten, obwohl die Schreibweise verschieden ist.

[2] Eine kurze Definition gibt die „Einführung in die Gedichtanalyse“ von Dieter Burdorf: „(…) die Übereinstimmung der anlautenden Konsonanten“ (Burdorf, 1997, S.35).

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6 Kommentare zu UNTERRICHT: Ach, Alliterationen

  1. Ancgreek sagt:

    Was du beschreibst: im allerkleinsten Kreis ist keine Alliteration. Alliterationen dienen vor allem dazu, Zusammengehörigkeit von Wortgruppen aufzuzeigen und können in gehäufter Form übertrieben wirken (siehe Formate des Privatfernsehens) Das kann mit einzelnen Buchstaben (Karla Kolumna) oder einer ganzen Morphemgruppe passieren (herzlicher Herzensbrecher). Alliterationen geben nur dann Sinn, wenn man sie in Relation zu den andern enthaltenen Stilmitteln setzt. Schüler lieben sie, weil sie in den Listen immer ganz oben auftauchen, leicht zu finden sind und auch von denen erkannt werden, die das Gedicht nicht verstanden haben.

    Die Bedeutung einer Häufung bestimmter Lautarten zur emotionalen/deskriptiven Untermalung fällt meiner Ansicht nach jedoch in den Bereich Lautmalerei/Onomatopoesie oder Vergleichbares, weil das auch für Laute INNERHALB eines Wortes gilt. Zum Beispiel eine eklatante Häufung von s-Lauten bei der Beschreibung von Bienen.
    Allerdings fällt alles unter die Gruppe der Klangfiguren.

    Die Sache ist doch die, dass ein Phänomen im Text mehrere stilistische Funktionen auf einmal erfüllen kann.

    Aber Alliterationen beschränken sich definitiv auf den Anlaut eines Wortes und deshalb ist „allerkleinster Kreis“ keine. Das mit den K-Lauten unterschreibe ich allerdings. Jedoch würde ich „allerkleinster“ eher noch als Hyperbel einordnen, weil ein noch geringeres Maß als „kleinster“ gibt es ja eigentlich nicht.

    • Herr Rau sagt:

      >Aber Alliterationen beschränken sich definitiv auf den Anlaut eines Wortes

      Das ist falsch. Es geht überhaupt nicht um den Anlaut, sondern betonte Silben, wohl meist die Stammsilben. Deshalb ist „allerkleinster Kreis“ eben doch eine Alliteration. Ob sie erwähnenswert ist, hängt von der Interpretation ab.

    • Bob Blume sagt:

      Von unten nach oben. Ich stimme dir bei den meisten Feststellungen zu. Natürlich ist „allerkleinster“ vor allem eine Hyperbel. Dass ein Phänomen im Text mehrere Funktionen erfüllt, ist ein Gemeinplatz. Die singuläre Erklärung dient auch nur der Klarheit gegenüber den Lesern, die ja in diesem Fall meist aus Schülern bestehen.

      So, wie ich die Lautmalerei verstehe, ist sie eine Kopplung von Bezeichnendem und Bezeichnetem. Deshalb braucht sie kein Sinn tragendes Morphem. Der Sinn ergibt sich aus der klanglichen Analogie zwischen der Lautmalerei und dem bezeichneten Objekt.

      Über die Bedeutung von Alliterationen im Kontext von Kinderspielen und Privatfernsehen müssen wir uns nicht streiten. Der humoristische Effekt wird ja mittlerweile ironisiert im Dschungelcamp verwendet. Das Komische des Klangs erzeugt die positive Emotion. Nun das Aber. Auch in Gedichten, die diese humoristische Absicht nicht haben, erzeugen Alliterationen ja eine intendierte Emotion. Dabei ist der Klangeffekt einer Alliteration auf phonetischer Ebene meines Erachtens aber nicht anders als der einer Assonanz, die Vokale innerhalb mehrerer oder eines Wortes betreffen kann und so für eine zusätzliche klangliche Grundlage der Semantik sorgt. Konkret: In Goethes Mailied heißt es in der zweiten Strophe:

      Es dringen Blüten
      Aus jedem Zweig
      Und tausend Stimmen
      Aus dem Gesträuch

      Die vielen unterschiedlichen hellen Laute, die auf den Bedeutungsträgern zwischen Monophthongen und Diphthongen wechseln, erhellen im wahrsten Wortsinn das gezeichnete Bild der frühlingshaften Natur. Onomatopoetisch sind sie nicht, da ansonsten beispielsweise der i-Laut des Wortes „Stimmen“ analog zu tatsächlichen Stimmen zu gebrauchen wäre. Die Assonanzen sorgen also für eine Bedeutungserweiterung des semantischen Rahmens durch die Helligkeit der artikulierten Prosodie.
      Und genau so verstehe ich eine gut eingesetzte Alliteration auch.

  2. Herr Rau sagt:

    Mit Verlaub, das ist ein häufiger Fehler: Bei der Alliteration geht es nicht um Buchstaben, sondern um Laute. Und nicht um den Anfang von Wörtern, sondern den Anfang von betonten Silben. (Und ob Vokale untereinander alliterieren, ist eine diffizile Frage,)

    Ansonsten volle Zustimmung. Aus Alliterationen ist bei den Gedichten, die Schülern meist begegnen, kaum Ergiebiges herauszuholen.

    • Bob Blume sagt:

      Vielen Dank. Ich dachte, ich erleichtere so das Verständnis, aber richtigerweise ist es so unrichtig. Werde es überarbeiten.

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