G5 – Weg mit der Kultur!

Mit wurden die Augen geöffnet. Die Rückkehr zu G9 in Niedersachsen ist die späte Rache des Imperiums, das nun zurückschlägt. Außerdem geht es um puren Populismus. Was hätte eine Rückkehr denn auch für Vorteile? Jüngst lernte ich, dass es in der Schule „ausschließlich um Wissenserwerb“ ginge, nicht etwa um Bildung und Entscheidungsmöglichkeiten. (Der für alle Schulformen verbindliche Bildungsplan sagt da zwar etwas anderes, aber man muss sich seine Autoritäten eben auch bewusst wählen).

Noch schlauer werde ich aus den Kommentaren von Politikwissenschaftlern unter dem verlinkten Artikel. Dort heißt es:

„Unsere Schüler können das von den Lehrplänen vorgeschriebene Wissen aber nicht in 8 Jahren verkraften ? – Doch ! Wenn wir unser Schulsystem und die Lehrpläne radikal reformieren beziehungsweise auf das zweckmäßige Maß zusammenstreichen. Schülern in Schulen nur noch notwendiges und wirklich wichtiges Wissen anbieten.“

Ich sage: Endlich! Endlich sagt jemand mal, dass man es auf das „zweckmäßige Maß“ bringen muss. Auch einer eventuellen Frage wird direkt geantwortet:

„Aber dann beispielsweise dem kommenden Naturwissenschaftler zwar die Grundlagen der Chemie o.ä., aber nicht zwangsweise auch etwa Hölderlin und Heyden. (…) Gewönnen die Schulen auf diese Weise erst einmal Zeit, stünde die am Ende sogar für Notwendigeres und Wichtigeres zur Verfügung.“

Ich wiederhole mich: Endlich! Endlich hat es jemand erkannt. Was sollen die Schüler den lesen, wenn sie keine Literaturwissenschaftler werden wollen? Wozu Goethe, Schiller, Balladen, Gedichte. Weg damit! Weg mit gesamten Schund, der eigentlich gar nichts bringt.

Lasst sie wählen! In der vierten Klasse, damit sie keine Zeit verlieren, später, als Ingenieure mit 22. Weg mit der Kooperation, die hat im Kapitalismus sowieso keine Zukunft. Weg mit allen Künsten! Wer will schon Maler werden? Man braucht es nicht! Weg mit – ach – der gesamten Kultur! Das wird doch alles überbewertet.

Lasst uns Notwendigeres und Wichtigeres lernen lassen. Weg mit all dem Zeug, dass sowieso keiner braucht. Dann schaffen wir auch das Abitur in 5 Jahren. Und wie glücklich werden wir alle sein!

Beati pauperes spiritu!

P.S. Ob und inwiefern das stilistische Stilmittel der Ironie zukünftig ihren Platz hat, ist noch unsicher. Wer wird schon Ironiker?

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3 Kommentare zu G5 – Weg mit der Kultur!

  1. Gib8! sagt:

    Ist nicht schon die unreflektierte Hinnahme des heilige dreigliedrigen Selektionssystems, eine feige Hingabe an das Imperium?
    Sind nicht alle, die das Sitzenbleiben zelebrieren und Negativzensuren verteilen, Agenten des profitorientierten Imperiums, dem es lediglich um unreflektierte Leistung an sich geht?
    Freude und Interesse an, auch abseitigen Themen, ohne sofortigen Nutzwert, kritisches Strukturieren und Hinterfragen von Stoff, das wollen wir, keine dumpfen Sortiermaschinen, die lediglich glattgeölte Funktionserfüller hervor bringen.

    Aber was schwebt dir für ein Bildungskanon vor? Welche Form der Vermittlung? Und welche ZIELSETZUNG für eine Schule des 21. Jahrhunderts?

    • Bob Blume sagt:

      Eine Antwort auf die (rhetorischen) Fragen: Ja. Eine kleine Ausführung zu den weiteren Fragen hier: http://bobblume.de/2012/07/01/interesse-und-gewinn-uber-probleme-der-notengebung/ Was das andere angeht: Leider kann ich in einem Blog keine Fragen zur Gesamtheit eines Bildungskanons schreiben, noch die ja schon in manchen Institutionen praktizierten Vermittlungsstrategien ausführlich umschreiben. Bei der Zielsetzung sieht es leider ähnlich aus. Falls sich ein Verleger findet, bin ich gerne bereit, dies ausführlich zu erörtern. Da dies aber wahrscheinlich nicht so sein wird, kann ich nur das tun, was man in einem Blog tut. Die Dinge ansprechen und in einen konstruktiven Dialog treten.

  2. Pingback: Die anderen bloggen, ich knippse | Kreide fressen

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