ANALYSE: G8/G9: Warum die Rückkehr kein Rückschritt ist

Seit Jahren wird Diskussion um die Vor- und Nachteile von dem sogenannten „Turbo-Abitur“ mit viel Kontroversen geführt. Nachdem die meisten Bundesländer ihre ersten G8-Abschlüsse im Jahre 2012 vollzogen haben, bricht nun, da Niedersachsen die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium vollzieht, die Kluft zwischen den Widersachern wieder auf. Fernab von den Argumenten, die sich ausschließlich auf die Machbarkeit von Wissenserwerb beziehen, sollte der Fokus verschoben werden. Denn es geht weniger um einen schnellen Berufseinstieg – der ja zu begrüßen wäre – als darum, dass die Schule die Zeit und die Möglichkeit gibt, die Jugendliche brauchen, um sich für die lebenswichtige Entscheidung, die z.B. ein Studium ist, vorzubereiten.

Viele scheinen bei der Rechnung, dass die heutigen Jugendlichen bis ins hohe Alter arbeiten müssen und deshalb so schnell wie möglich damit anfangen sollten dies zu tun, zu vergessen, was vor dieser Arbeit steht: Die Entscheidung, mit einer Fähigkeit die man besitzt und die man erweitern möchte, Geld zu verdienen und nicht die Hälfte dieser Zeit unglücklich mit dieser Entscheidung zu sein, fordert im Vorhinein die Möglichkeit der genauen Abwägung einerseits und dem Herausfinden, wo diese Fähigkeiten liegen anderseits.

Momentan ist die Rechnung allerdings einfach (zumal seitdem der Zivildienst und die Wehrpflicht abgeschafft wurde).

Etwa 2-5 Jahre Kindergarten oder im Hause der Eltern.

4 Jahre Grundschulbildung

8 Jahre Sekundarstufe

Und ein paar Monate zu entscheiden,

was man für den Rest seines Lebens machen möchte.

Zugegeben: Dies ist sehr zugespitzt und natürlich wissen schon einige, was sie machen wollen. Hört man sich aber um, so fällt auf, dass dies meistens nicht der Fall ist. Zwar ist die Bachelor-Abbrecherquote von unglaublichen fast 50 Prozent nach dem Jahre 2010 zurückgegangen, aber es bleibt bei dem Problem, dass sich viele junge Menschen aus verständlichen Gründen für etwas entscheiden, dass sie eigentlich gar nicht wollen. In den Klassenräumen der Abiturienten fällt fast nach dem „Irgendwas mit Medien“-Schema der 2000er immer öfter „Irgendwas mit BWL“. Ausschlaggebend ist dabei nicht in allen Fällen die pure Freude und das pure Interesse.

In der Universität ist oftmals (natürlich kann dies nicht pauschalisiert werden und es liegt auch außer der persönlichen keine empirische Grundlage darüber vor) – vor allem bei nicht verschulten Studiengängen wie paradoxer Weise in vielen Standorten beim Lehramtsstudiengang schnell zu erkennen, ob ein Erstsemester direkt aus der Schule kommt oder die Möglichkeit hatte, sich zu orientieren und seine Wünsche und Ziele auszuloten.

Denn wenn ich eine Entscheidung treffe, die mir zusagt, dann wähle ich etwas, woran ich Freude habe. Und ich bin der tiefsten Überzeugung, dass es das ist, worauf es ankommt, um in seinem späteren Beruf das für einen selbst und seine Mitmenschen Bestmögliche zu machen.

Deshalb sage ich: Diese Rückkehr ist kein Rückschritt, sondern die Besinnung darauf, dass es nicht um eine nicht zu beweisende Effizienz oder Machbarkeit geht, sondern darum, den oben genannten Zahlen ein angemessenes Gewicht zu geben.

Ich würde sogar weiter gehen und ein verpflichtendes soziales Jahr einführen, damit die Schulabgänger gezwungen wären, die Perspektive zu wechseln, Erfahrungen zu machen, nach all dem Lernen einmal richtig anzupacken und ganz nebenbei noch das massive Altenpflege- und KITA-Problem zu lösen.

Das wäre effizient.

P.S. Wenn andere Zahlen bekannt sind oder aus anderen Gründen Zweifel an dieser These vorhanden sind, freue ich mich auf konstruktive Kritik.

P.P.S. Wer meint, in der Schule gehe es ausschließlich um den Wissenserwerb, der lese sich die Einführung in den Bildungsplan 2004 durch (hier insbesondere S.9ff.)

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10 Kommentare zu ANALYSE: G8/G9: Warum die Rückkehr kein Rückschritt ist

  1. Gib8! sagt:

    Ich halte die Diskussion, ob G8 oder G9, in dieser Form, in einem eher luftleeren Definitionsraum, für ziemlich ineffektiv.

    Ein weiter so, nur wieder im G9, scheint mir weder zielführend, noch Mehrwert steigernd.
    Natürlich ging es bei der Einführung des G8 nicht um mehr oder bessere Bildung. Aber ging es im G9 wirklich um Bildung?
    Wem es um Bildung geht, der muss sich eigenständig darüber Gedanken machen, was Bildung sein und leisten soll. Und wie dieses Ziel erreicht werden soll.
    Bei uns in Bayern hat ein Elterverband einen Arbeitskreis gegründet, der Tipps sammeln und weiter geben soll, wie lernen geht. Zieladresse: Schüler, Eltern UND LEHRER. Ist das nicht paradox? Eine Gruppe von Gymnasialeltern (darunter wiederum selbst Lehrer) sucht händeringend Informationen zum Thema LERNEN. Wenn ich das höre, dann weiss ich, dass, zumindest in Bayern, das Bildungssystem schon lange nur noch ein Einbildungssystem ist.
    FCB-Logikmantra: Flasche leer, ich habe fertig.

    • Bob Blume sagt:

      In der Tat. Nur bezweifle ich, dass ich der richtige Ansprechpartner dieser Kritik bin, da ich denke, mit meinen Diskussionsbeiträgen zu zeigen, dass ich mir Gedanke mache.

  2. Pingback: G5 – Weg mit der Kultur! | Bob Blume

  3. Schwede sagt:

    Gab es eigentlich jemals eine pädagogische Begründung für G8? „Junge Leute müssen früher auf den Arbeitsmarkt (Früher Berufseinstieg)“, „Ein Jahr weniger Schule = weniger Bildungsausgaben“ und schließlich „Im Osten hat das auch schon immer so funktioniert“ sind für mich jedenfalls keine Argumente, die sich wirklich mit der Frage beschäftigen, was Jugendliche heute eigentlich wirklich brauchen und was die Schule dafür tun sollte. Aber vielleicht ist das auch nicht der Sinn von staatlich gelenkter Bildungspolitik und ich mache mir da was vor.

  4. teacheridoo sagt:

    Hmmm, ich bin zwar kein Freund von G8, gehe aber mit Deiner Argumentation nicht ganz konform.
    1) …macht das eine Jahr mehr oder weniger es wohl eher nicht aus, was die lebenserfüllende Berufswahl angeht. Ich z. B. habe noch das 13-jährige Abitur gemacht, dennoch eine falsche Wahl getroffen und war damit erstmal viele Jahre kreuzunglücklich.
    Hier sehe ich eher die Schulen in der Pflicht, berufsorientierende Phasen und Praktika mit einzubinden. An diesem Punkt allerdings kann man sicher argumentieren, dass G9 evtl. die dafür erforderliche Zeit einräumt.
    2) Ich halte nur wenig von einem verpflichtenden sozialen Jahr, erst Recht nicht, um irgendwelche Probleme, die auf Personalmangel beruhen, zu beseitigen. Das ist m. E. der falsche Ansatz. Der Personalmangel hat ja einen Grund (hohe Belastung, unangemessene Löhne).
    Und ich möchte in solchen Positionen, in denen viel Menschlichkeit erforderlich ist, schlicht keine widerwilligen, lustlosen Jugendlichen wissen, denen Fürsorge und Empathie, gelinde gesagt, am Mors vorbeigehen. Damit ist niemandem geholfen, denke ich.
    Aber grundsätzlich wäre es für viele Jugendliche ganz sicher hilfreich, erstmal ausgiebig Praxis-Luft zu schnuppern, um eben die eigenen Wünsche und Fähigkeiten konkret auszuloten. DA wiederum stimme ich Dir dann nämlich zu. 🙂

    Just my 2 cents,
    teacheridoo

    • Bob Blume sagt:

      Bei dem Praxisbezug stimme ich dir zu. Die Frage ist in der Tat, ob dies noch weiter zu integrieren ist. Es wird ja schon versucht.

      • teacheridoo sagt:

        Ich muss übrigens noch was zu dem Punkt mit der Studien- bzw. Berufswahl nachschieben: Ob G8 oder G9, ist in dem Kontext doch eigentlich völlig irrelevant.
        Schüler mit Haupt- oder Realschulabschluss müssen noch viel früher ihre Berufswahl treffen und da fragt auch niemand nach, ob die vielleicht ein Jahr länger brauchen könnten, um sich gescheit zu orientieren.
        Ob ich mich nun für ein Studium oder einen Beruf entscheiden soll und mit dieser Entscheidung möglichst ein Leben lang zufrieden sein, tut sich ja im Endeffekt nicht viel. Eventuell haben die Studis sogar noch ein paar Jahre gewonnen, zumal sie später idR vielfältiger einsetzbar sind.

        Seltsamerweise gibt es diese Diskussion um Jugendliche, die „viel zu früh ins Arbeitsleben geschubst werden“, immer nur in Bezug auf Abiturienten im Kontext dieser G8/G9-Diskussion.

        Ich frage mich gerade, warum. Ich nehme mich da selbst auch gar nicht aus. Mir wurde das nämlich auch erst bewusst nach einem Gespräch mit meinem Mann, der leicht gefrustet anfügte, dass er diesen Teil der Diskussion nicht nachvollziehen könne. – Er hat seinen Realschulabschluss damals mit 15 gemacht und hatte dann angefangen, zu arbeiten.

        • Bob Blume sagt:

          Ok ok. Da bin ich bei dir. Bei den Artikeln habe ich ja meist einen Fokus und da ist es klar, dass andere Bereiche, die auch wichtig sind, links liegen bleiben. Ich erlebe die Realschule als eine Institution, die zunächst einmal in der Verzahnung von Theorie und Praxis schon weiter ist (BORS, TOP-SE, FÜK, FIÜ) als auch das individualisierte und binnendifferenzierte Lernen ernster nimmt – zumal dieses ja ab 2015 im neuen Lehrplan implementiert ist (Stichwort: Wochenpläne). Trotzdem bleibt es dabei, dass viele 10.Klässler nicht wissen, was sie machen sollen. Nochmal: Das ist ja auch nicht schlimm. Ich wehre mich nur dagegen, die Argumentation auf der Grundlage von reinem „Wissenserwerb“ zu führen und dann zu argumentieren, dass dieser auch in kürzerer Zeit gelinge. Die Anforderungen an Schule, die ich selbst gutheißt, sollten einen größeren zeitlichen Rahmen beinhalten als einen kleineren. Es wird dann immer noch Jugendliche geben, die sich noch unsicher sind. Macht nichts. Aber ich sehe die Chancen der Orientierung höher, wenn mehr Zeit da ist, reifer zu werden.

          • teacheridoo sagt:

            Du, meine Kritik ging auch gar nicht an Dich, sondern viel eher an mich, woraus sich dann eben für mich die generelle Frage ergab, warum der Fokus sich immer nur auf die Abiturienten richtet. 🙂

            Und ja, eigentlich müsste der zeitliche Rahmen für Schule eher ausgedehnt werden, statt verkürzt.

  5. Christian Füller sagt:

    Ich verstehe das nicht. Ich bin besorgt.

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