LITERATUR: Humanisten heute

Wir waren damals Humanisten
Human bis unter beide Ohren
Wir führten Namen streng nach Listen
In dicken Scheiben lang verloren

Wir ballten nicht, sondern wir lasen
Nicht die, denn den gemeinen Faust
Wir spielten Ritter auf dem Rasen
Und rasten erst in Dunkelheit nach Haus

Wir lernten uns einander kennen
Und kannten wie man richtig spricht
Wir sprachen über Autorennen
Befahl man’s uns: wir sprachen nicht.

Wir rezitierten klassische Gedichte
Und sahen im Dickicht das Reh
Wir aßen alle richtigen Gerichte
Und lobten uns über das Klee

Und heute zetern wir: die faule Zunft
Steckt zwischen YOLO und gefällt
Und trinkt die supergeile H-Milch
Ertrinkt in einer schönen neuen Welt

Es geht ja keiner mehr nach draußen
Alles hängt vor technischer Finess
Technisch gesehen nur noch Flausen
Im großen melancholischen Exzess

Der Bart sagt, dass wir’s besser wissen
Und slso wisst: es ist nicht so
Wir waren keine Humanisten
Und meistens auch nicht wirklich froh

Wir ballten auch die eine Faust
Zerknüllten mit der anderen
Den bösen Traum von Kind und Haus
Und was wir spießig fanden

Jetzt führen wir die Namen streng nach Listen
In hohem Glanz auf Retina
Und meinen, wir sind Humanisten
Entscheiden jetzt, was damals war

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