LITERATUR: Ein verlorenes Wort

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Ein älterer, aber wach und klug drein schauender alter Mann spricht einen jungen Mann an, der auf seine Freundin zu warten scheint – mit diese dunklen Blumen, die er vor seinen blauen Blazer hält. Er hatte ganz plötzlich, als er an diesem Tage erwacht war, ein Wort vergessen, das einmal eine tiefe Bedeutung für ihn besessen hatte.

Während sich der Mann seine graue Jacke sorgsam nach unten streichend auf die Holzbank neben den Jungen setzt, seufzt er tief auf unter dem Vakuum, das die nicht mehr zu beschwörende Erinnerung an das Wort hinterlassen hat. Aber das Schlimmste für den traurigen Greis ist, dass er auch alles, was man dem Wort verbunden gewesen war, sich in nichts aufgelöst hat. Als er am Morgen seine von dunklen Lider gezeichneten, sanften Augen im Spiegel unter seinen grauen, buschigen Brauen entdecken wollte, erkannte er sich nicht wieder.

Das war nun mehrere Stunden her. Nun aber ist sein Ziel klar.

Der Junge reagiert sehr freundlich und versucht sofort, sein Bestes zu tun, um den alten Mann zufrieden zu stellen, und einige Male lichten sich auch die Augen des dann leichte, unpassende Hopser auf der Bank vollziehende Alten, der dann alsbald aber wieder zurück sackt in der Erkenntnis, dass es nur wieder andere Erinnerungen waren, deren Wörter er zwar schätze, die ihn aber nicht über den schmerzhaften Verlust des einen Wortes für ihn hingweg helfen konnten.

Das beichtet er dem Mann zugewandt und indem er seine alten, schroffen Hände aneinander reibt, wie in tiefer, nicht zu artikulierender Melancholie. Der Junge schaut auf die Uhr und weit hinten am Horizont erscheint in einem hellen Licht seine Angebetete, deren vorwärtsdrängender Schatten, den die langsam untergehende Sonne vor die beiden ungleichen Menschen wirft, das Ende der Unterhaltung ankündigt. Noch ist sie kaum wahrnehmbar.

In fragender Miene erwartet der Alte nun den freundschaftlichen Dienst des jungen Liebhabers, den er in der analytischen Brillanz desselben vermutet; doch der wird ungeduldig. Er variiert die Reihenfolge der schon vorgeschlagenen Wörter und verwirrt den Alten zunehmend. Aber dieser folgt den schnellen Umschreibungen wie ein Windhund den Hasen.

Immer ärgerlicher werdend, ob der enttäuschten Hoffnung, schreit der alte seinen Schmerz heraus.
Doch der Jugendliche, der nun seine Augen schon auf die Ankommende gerichtet sind, lockert plötzlich das Gesicht. Er umarmt die seine Schöne, blickt verschmitzt zurück und erklärt der Dazugekommenen das Problem des Alten. Mit schnellem Blick nach hinten ruft sie ihre Kinder.

Der Alte ist verwirrt, aber auch froh für die Abwechslung. Das Kindergeschrei bringt ein unverhofftes Stückchen Leben zu ihm zurück. Andere Leute kommen hinzu, freundlich drein schauend und das Paar begrüßend.

Der Junge dreht sich nach den Begrüßungen wieder zum Alten hin. Er erklärt ihm freundlich, dass in seiner Abwesenheit neue Worte und Erinnerungen dazu gekommen seien, die er ja nun anstatt seines nehmen könne.

Der Alte betrachtet die spielenden Kinder und lächelt.

„Ist es dir wieder eingefallen?“, fragt der junge Mann. Die anderen sind gegangen. Nur die schöne Stille schaut aus ihren hellen Augen auf den Horizont, der hinter den beiden immer weiter zu werden scheint.

„Nein“, sagt der Alte, umarmt den verdutzten Jungen und schreitet in kurzen aber bestimmten Schritten in Richtung weiter Dunkelheit.

„Aber ich weiß wieder, warum ich es vermisst hatte.“

 

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