REZENSION: Staaten, Konzerne und die Gier – „Profit over People“ von Noam Chomsky

In dem im PIPER-Verlag erschienenen Sachbuch „Profit Over People. War Against People“ zeichnet der Linksintellektuelle und politische Aktivist Noam Chomsky ein düsteres Bild von den historisch gewachsenen Strukturen des großverdienende Minderheiten stützenden Neoliberalismus amerikanischer Provenienz und die im Einklang dieser „freien Marktwirtschaft“ funktionierenden Militärgewalt, die kleinere Staaten in den Würgergriff durch das die Menschenrechte abgesicherter Großkonzerne stürzt.

Wüsste man dabei nicht, dass Chomsky selbst Amerikaner ist, könnte man die auf zahlreiche historische und moderne Quellen bezogenen Argumente für anti-amerikanisch heißen. Folgt man den Argumentationssträngen jedoch genau, zeigt sich, dass es eben nur das Modell der kapitalistischen Marktwirtschaft ist, die demokratische Partizipationsmöglichkeiten – auch oder gerade in durch Handelsbeziehungen verbundenen Staaten – im Keim erstickt, die Chomsky im Sinne einer tatsächlichen Demokratie scharf und mit unbestreitbaren Evidenzen untermauernd kritisiert.

Besonders hervorstechend ist dabei, wie er belegt, dass aus angeblich alternativlosen neoliberalen Erwägungen, deren Folgen ökonomische Ungleichheit bis hin zu Zahlungsunfähigkeit vormals prosperierenden Staaten ist, ein neoliberalistisches Paradigma entstanden ist, dass sich im Falle der USA nicht nur über UN-Konventionen hinwegsetzt, sondern die Menschenrechte als „Geschichte an den Weihnachtsmann“ abtut. So erzwingen die USA mit Hilfe von Handelsbeziehungen Exportabhängigkeiten unter dem Siegel der Demokratie.

Die Hauptkritik legt Chomsky dabei nicht nur auf die tatsächlichen Machenschaften und Folgen neoliberaler Handlungsstrategie, sondern auf den fehlenden Diskurs, der seinerseits durch die monetäre Macht finanzstarker Großkonzerne in die „richtige“ Richtung gelenkt wird. Der rote Faden jedes einzelnen Kapitels wird dabei jedoch unter dem Gesichtspunkt der Möglichkeiten gezeichnet, die die Menschen außerhalb und innerhalb der kritisierten Institutionen haben:

„Wir haben die Wahl“, heißt es am Ende der Einleitung.

Nichtsdestotrotz muss auch der Kenner der Materie schlucken, wenn Chomsky zeigt, wie sehr sich Ideal und Realität neoliberaler Wirtschaftsstrukturen voneinander unterscheiden.  So führt er nationalen Wirtschaftsprotektionismus und – ironischer Weise – an Sozialismus erinnernde, staatlich gelenkte Firmenpolitik an, um die Ungleichheit zwischen staatlich subventionierten Außenabkommen und sanktionierten, in die Heteronomie Amerikas gezwungenen Kleinstaaten zu belegen. Die Nutznießer bleiben dabei die oberen drei Prozent, während die historische Entwicklung auch innerhalb Amerikas in Richtung immer weniger Einkommens, fehlender sozialer Strukturen und Handlungsunfähigkeit der Arbeitnehmer zeigt, um die „Minderheit der Wohlhabenden“ zu beschützen und zu fördern.

Auch oder gerade wegen der massiven Kritik an Amerikas Außenpolitik (z.B. der „Erdrosselung Kubas“, militärisch erzwungener Abkehr von der Demokratie in Nicaragua oder der sich diametral widersprechenden Intervention im Irak) ist Chomskys treffende und über die Grenzen eindimensionaler Betrachtungen hinausgehende Analyse ein Plädoyer für historisch gewachsene amerikanische Werte – solange diese im Zeichen einer partizipatorischen Demokratie stehen und den Neoliberalismus nicht in eine „Diktatur der Großkonzerne“ ausarten lassen.

Im zweiten Teil des Buches beschreibt Chomsky die nationale und internationale Taktik der Diskreditierung von Staaten unter dem Titel der Schurkenstaaten und belegt eindrücklich, wie die Bezeichnenden nicht von den Bezeichneten unterscheiden. Vor allem USA, die sich nicht an die Normen international ausgehandelter Gesetze und Richtlinien halten, werden hier zusammen mit dem „Jagdhund Großbritannien“ stark kritisiert. Dabei wird dargelegt, was in den zahlreichen, für die USA gewinnbringenden Stellvertreterkriegen und deren Folgen beherzigt wurde:

Verbrechen werden nicht bestraft, nur Ungehorsam.

Die „offene Verachtung“ für die Herrschaft des Gesetzes, hat nach Chomsky in den Vereinigten Staaten tiefe Wurzeln geschlagen. Dies verdeutlicht er von der Kennedy-Regierung über Clinton und den beiden folgenden Bush-Administrationen. Besonders die klar dargelegte Strategie, die Opposition im eigenen Land auszuschalten oder zumindest dafür zu sorgen, dass sie ungehört bleibt, ist eine der erschreckenden Erkenntnisse dieser Studie.

Insgesamt ist dieses Buch, das, so wird oft betont, nicht in alle Details der beschriebenen Strukturen vordringen kann, sowohl für Kenner der Materie als auch für diejenigen, die sich ein Grundwissen über den Neoliberalismus und militärische Interventionsstrategien informieren müssen, eine wahre Fundgrube, da hier nicht versucht wird, zu vereinfachen, sondern die verschiedenen Stränge ökonomischer, wirtschaftlicher, militärischer und historisch gewachsener Werte einer genauen Analyse zu unterziehen. Das, was ans Licht kommt, ist teilweise schockierend. Aber eben genau deshalb auch so wichtig.

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