KRITIK: Die Lehrer am Pranger – zur Sendung „Versager im Staatsdienst“

Die Sendung „Versager im Staatsdienst“ auf ZDFlogin unterfüttert pauschale Klischeegerüste

Egal, wie fest ich mir vornehme, sich nicht über pauschale, vereinfachende oder reduzierte Urteile über den Lehrerberuf aufzuregen: Ich scheitere jedes Mal. Dabei geht es nicht darum, dass nicht dieses oder jenes, das über diesen oder jenen Kollegen gesagt wird, auch seine Berechtigung hat. Eine Sendung, die mit selektierten Beiträgen zu suggestiven Fragen eine demokratische Diskussion vorgaukelt und sich an reißerischen Thesen entlang hangelt, ist wohl das Werk eines „Versagers im öffentlich-rechtlichen Dienst.“ Aber bleiben wir objektiv. Die Argumentationsstränge zu analysieren, ist auch aufgrund der Schlichtheit nicht zielführend. Schauen wir uns nur einmal ein paar Thesen an und prüfen deren Wahrheitsgehalt.

Nachtrag: Ohne empirische Quellen, fundierte Umfrageergebnisse oder eigens dafür interviewte Experten zu Rate zu ziehen, wage ich anzumerken, dass es in einem Blog um die subjektive Meinung einer Einzelperson geht.

1. Jeder kann Lehrer werden

Dafür muss man „können“ definieren. Mit drei Fächern samt Auslandssemester und ggf. Erweiterungskursen (z.B. Latein) dauert ein Studium etwa 8 Jahre. Dann noch Referendariat, das eineinhalb Jahre dauert, falls man einen Platz kriegt. Wenn man es dann auf eine Note „mit Auszeichnung“ schafft (also besser als 1,4 in erstem und zweiten Staatsexamen), dann kann man schon Lehrer werden, ja. Auf geht’s.

2. Die Lehre bereitet nicht auf den Beruf vor

Das immer genannte Totschlagargument. Richtig ist: Der Schwerpunkt ist auf der Theorie, aber: Theorie bedeutet: Quantitative Fülle reduzieren, systematisieren, abstrahieren. Genau das, was man in jedem Schulfach braucht, denn man muss sich sehr schnell in neue Bereiche einarbeiten können. Fehlt ein Kollege, muss man andere Fächer übernehmen. Ohne ein Studium, dass diese Dinge schult, könnte man dann nette pädagogische Kniffe von Dingen bringen – über die man nichts weiß. Wer wirklich meint, sein Studium hätte ihm für die Schule gar nichts gebracht, sollte einmal überdenken, wie er studiert hat.

3. Man muss auch schlechte Lehrer einstellen

Wie oben schon angedeutet: „Schlechte“ Lehrer (die Sendung konnte nicht ganz sagen, was das ist und auch nicht wirklich erklären, was denn nun ein guter Lehrer ist) werden gar nicht erst eingestellt. Und auch nicht verbeamtet, da man bei einem Zeugnis jenseits der drei nach drei Jahren nochmals Prüfungen ablegt, die nicht bestanden werden müssen. Hat man momentan die „falschen“ Fächer studiert, dann bekommt man gar keine Stelle, egal ob man vermeintlich gut ist oder nicht.

4. Der Beamtenstatus gehört abgeschafft

Ich möchte selber nicht bestreiten, dass es Anreize geben sollte, damit Lehrer für besonderes Engagement auch anders entlohnt werden oder eben nicht, wenn es um strikten „Dienst nach Vorschrift“ geht (was auch immer das Spezifische daran sein soll, denn andere Berufsgruppen haben mit Sicherheit auch nicht nur die Superfachkräfte, die jeden Tag ihr Leben für ihren Beruf opfern). Auf der anderen Seite ist die Lehrkraft dem Staate und seinem demokratischen Gedanken in besonderer Weise verpflichtet. Um Beamter zu werden, muss man über persönliche und fachliche Qualifikationen verfügen, die nicht im Vorbeigehen zu erlangen sind. Natürlich gibt es Unterschiede. Aber diejenigen, die sich die Pauschalkritik leisten, sollten sich auch hier vor Augen führen, was Beamte (der Begriff selbst umfasst ja eine große Berufsgruppe) zu leisten haben.

Es könnte gerade so weiter gehen. Mitunter sei auch die Frage erlaubt, wo die Sendungen sind, in denen die anderen Berufsgruppen an den Pranger gestellt werden. Dafür, Beamte sein zu können, sind Lehrer zu unwichtig, aber dann wieder zu wichtig, als dass man sie nicht in einer Sendung verurteilt.

Außer natürlich, die Klischees stimmen alle. Dann habe ich nichts gesagt.

P.S. Der nächste Blogeintrag wird natürlich die gesamte „einschlägige“ Literatur zu dem Thema sowie Fußnoten und Querverweise enthalten – eventuell noch eine eigene Umfrage mit allen Lehrern Deutschlands. Dieser (schon geplante) Blogeintrag wird etwa 700 Seiten haben. Ich freue mich auf alle enthusiastischen Leser.

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20 Kommentare zu KRITIK: Die Lehrer am Pranger – zur Sendung „Versager im Staatsdienst“

  1. Pingback: Bücher, Tablets und digitale Befindlichkeiten | Bob Blume

  2. die diskuTante sagt:

    Liebe mitDiskutanten,

    wunderbar! Ja! Wirklich!

    Denn endlich kommt das in Gang, was schon lange im langen Gang oder auch im SchulFlur stattfinden sollte: Eine Diskussion was Schule heute sein sollte.

    Dazu müssen wir allerdings erst definieren, was Schule heute ist.

    1. 16? verschiedene Bildungspolitikrealitäten
    2. So viele Schulrealitäten, wie es Schulen, Lehrer_innen und Schüler_innen gibt.
    3. Diverse Beurteilungskriterien und Reflexionsebenen über das System Schule.

    Welche Ziele werden dabei bisher definiert?
    Von/Für die Gesellschaft?
    Von/Für den/die einzelnen Beteiligten?

    Das erste grosse Missverständnis entsteht schon aus den unterschiedlichen Erfahrungshorizonten und Erwartungen der Teilnehmer.

    Erstaunlich ist, dass wir nach 100 Jahren wissenschaftlicher(?) Bildungsforschung und einer ca. 3000jährigen Schulgeschichte vermutlich noch immer nicht wissen, wie man nachhaltig lernt und lehrt. Und wozu das dann, das mehr oder weniger effektiv gelernte/gelehrte, hinführen sein sollte.

    Soll es nützlich sein?
    Soll es Vergnügen bereiten?
    Soll es Konventionen vermitteln?
    Soll es Traditionen pflegen?
    Soll es Interessen wecken und vertiefen?
    Soll es Leistung fördern oder abfragen?
    Soll es selektieren oder bilden?

    Verkürzt formuliert behaupte ich, es geht immer um zwei entgegengesetzten Ausgangspositionen.
    Bildung oder Selektion!
    Förderung oder Leistungsbeurteilung!
    Interesse wecken oder Stoffvermittlung!
    Kulturvermittlung oder Wirtschaftsinteressenbefriedigung!
    oder
    Beurteilet und Beurteilte!

    Aus diesen verschieden Positionen heraus wird argumentiert und missverstanden.

    Und immer kommen wir zu dem Punkt, an dem wir feststellen:
    Wir wissen (hoffentlich), dass wir (leider) nichts wissen. (oder noch immer viel zu wenig)

    Im Prinzip bastelt sich jeder von uns seinen eigenen Zielhorizont und sein eigenes Beurteilungssystem dazu.
    Und von dieser Position aus interpretieren und beurteilen wir System und Teilnehmer.

    Und jeder geht davon aus, dass die anderen Systemteilnehmer seine kennen und verstehen.

    Und dass die jeweilige eigene Position natürlich die richtige ist.

    Was vor diesem Hintergrund allerdings erstaunlich ist, ist die Befindlichkeit auf Seiten der lehrenden Beurteiler. Selbst jeden Tag über Besser und Schlechter beurteilend und ziemlich ungerührt, über hopp oder topp, zu verhandeln, tritt bei der eigenen Beurteilung durch andere externe Systemteilnehmer eine Weinerlichkeit zutage, die vor diesem Hintergrund ziemlich unverständlich ist.

    Statt die eigene Position zu definieren, zu erklären und dafür öffentlich einzustehen, wird gemauert, geschwiegen und geschmollt.

    Einzig Herr Kraus verteidigt seine veraltete Position und versucht sich in einer rückwärts gewandten Vorwärtsverteidigung, mit der leeren Behauptung von Professionalität.
    Schuld an der Miesere sind immer die Anderen. Hätten wir nur nichts am System verändert, dann wäre alles noch immer gut.

    Dass diese Behauptung jedoch schon vor 30 Jahren falsch war, behaupte ich jetzt, hilft dieser Diskussion leider nicht weiter.

    Und jetzt Freunde, erwarte ich von euch wirkliche Postionen und nicht diese permanente Weinerlichkeit.

    Natürlich gibt es schlechte Lehrer. Wenn man definiert, was ein guter sein soll.
    Ebenso gibt es schlechte Schüler.
    Aber es gibt keine schlechten Schüler ohne schlechte Lehrer.

    Der Furcht die uns alle umtreibt, ist die Tatsache, dass wir nie sicher sein können, dass wir immer gut sind.
    Die Frage ist nun, wie wollen wir damit umgehen.

    Das aktuelle Schulsystem wird in weiten Teilen des Kollegiums als Beurteilungssystem definiert. Ein klar hierarchisches Beurteilungssystem. Kritik von aussen ist unerwünscht.

    Wir haben ein „Blackbox in der Blackbox“-System geschaffen. Mit sehr subjektiven Bewertungskriterien und kaum nachvollziehbaren Resultaten.

    Sobald eine Standortbestimmung und ein Ziel benannt werden und zur Disposition gestellt werden soll, kneifen fast alle.

    • Herr Rau sagt:

      Da die diskuTante den gleichen Kommentar auf mindestens drei Blogs platziert hat, habe ich ihn bei mir erst gar nicht veröffentlicht und überlasse dir das Vergnügen damit.

      • die diskuTante sagt:

        Da der Kommentar nicht erschienen ist, habe ich es in drei Blogs versucht.
        In dieser Blogsphäre weht der raue Wind der Zensur!

        Welche Konventionen muss man einhalten, um bei dir kommentieren zu dürfen, un/gnädiger Herr?

        Aber inhaltlich fällt dir sonst nichts ein, ja?

        • Herr Rau sagt:

          >Welche Konventionen muss man einhalten, um bei dir kommentieren zu dürfen, un/gnädiger Herr?

          Ich nehme diese Frage mal wörtlich, also als Bitte um Antwort.
          Wie teacheridoo schon gesagt hat: Ein bisschen Geduld haben. Kommentare von unbekannten Autoren werden zum Beispiel bei mir erst manuell freigeschaltet, da ich ein-, zweimal im Jahr Probleme mit Vandalismus hatte.
          Dann: Nicht wörtlich in mehreren Blogs dasselbe posten, und beim ersten Mal nicht so ausführlich. Das wirkt, als möchtest du mein Blog lediglich als Plattform für deine Meinung nutzen – unabhängig vom ursprünglichen Blogeintrag, der durch das Crossposting als ziemlich beliebig erscheint.
          Dann: Nicht von Zensur reden. Das liest man immer wieder mal, auch bei Kommentaren in Zeitungswebseiten. Zensur ist etwas anderes als Pflege der Kommentarkultur. Wenn die in einem Blog mal kaputt geht und kippt, ist sie kaum mehr zu reparieren.
          Zuletzt, und das meine ich ernst: Klinge wie jemand, mit dem man sich unterhalten möchte. Ich kann dazu Tipps geben, weiß aber nicht, wie du die aufnehmen wirst. (Einer vorab: Weniger Wir-Botschaften schicken, sondern Ich-Botschaften.)

          Inhaltlich: Ja, hätte ich schon was zu sagen, wenn ich wollte. Zu welchem der vielen, vielen Punkte?

        • teacheridoo sagt:

          Liebe Frau diskuTante, es ist auf vielen Blogs, gerade bei WordPress, gang und gäbe, dass Kommentare generell erstmal freigeschaltet werden müssen oder aber Kommentare von völlig neuen Gästen ein erstes Mal manuell freigeschaltet werden. Dies, um eventuellen Trollen und anderen unfreundlichen Zeitgenossen keine Bühne zu geben. Über diese ausstehende Moderation gibt es sogar immer eine Information: „Your comment is awaiting Moderation“ und ähnlich.
          Das hat mit Zensur rein gar nichts zu tun, sondern ist eine völlig übliche Handhabung.

          Bei mir stand Ihr Kommentar sogar mehrere Stunden lang, nachdem ich ihn heute morgen in der Früh freigeschaltet hatte. Aber das haben Sie natürlich nicht registriert…

          Gelöscht habe ich ihn erst, als ich feststellen musste, dass es sich um einen unpersonalisierten Serienkommentar handelte. Einen solchen Eindruck macht ein solcher Kommentar nämlich.

        • Bob Blume sagt:

          Bei mir erscheinen alle Kommentare, aber halt erst dann, wenn ich sehe, dass kommentiert wurde. Dies tue ich selbstverständlich nicht zu jeder Tag- und Nachtzeit. Auch kann ich, gerade bei sehr langen Kommentaren, nicht immer sofort antworten, da ich dazu Zeit brauche, die manchmal rar ist.

  3. Herr Rau sagt:

    Ich weiß auch nicht genau, was dem @ciffi nicht passt. Irgendwas stimmt nicht, sagt er, was du geschrieben hast. Was, weiß ich auch nicht. So hat jeder Beruf seine déformation professionelle – Lehrer haben immer recht und Journalisten glauben früher oder später, was sie geschrieben haben.

    • Der Blogger äußert sich in vier Punkten und bei keinem einzigen kommt er über Anekdötchen hinaus. Wenn ich auf diese Art Texte recherchieren würde, würde das einfach nicht gedruckt. So einfach ist das. Findet es eine Herr Rau nicht verwunderlich, dass man eine Debatte ohne Kenntnis der einschlägigen Studien führt? Und nur Betroffenheit äußert? Würde ein Schüler in der Oberstufe dafür Punkte bekommen? Wohl kaum.

      Das Format der Sendung ZDFlogin ist eben wie es ist. Klar ist es doof, wenn man keinen Satz zuende sprechen kann, weil Herr Kraus sofort unterbricht. Nur finde ich die Fortsetzung der Debatte auf diesem Blog (durch boboblume) nun wirklich nicht erhellender als das, was im TV lief – im Gegenteil. Ich habe auf pisaversteher.com ein paar Anmerkungen von Herrn Kraus nach der Sendung referiert. Das sollte den Disputanten hier zu Denken geben. Er sagt dort, die wichtigste Aufgabe eines Schulleiters sei es! darauf zu achten, dass bestimmte Lehrer nicht zweimal nacheinander in die selbe Klasse kommen – weil das zu viel Schaden anrichten würde. Ich habe ihn gefargt, wieso er das hinterher bei Schnittchen und Pilsken erzählt, aber nicht vor Kamera…

      Die einfache Frage lautet: Ist es richtig, dass sich in jedem Kollegium mehrere Lehrpersonen befinden , die ihres Berufes nicht mächtig sind? Ich habe bei meinen Recherchen keine einzige Person getroffen, die dies anders gesagt hätte. Nur in den Tweets und Blogs wird aus einem desolaten Berufsbild plötzlich ein Traumjob; mit gruseligen „Rahmenbedingungen“. Schuld sind die Schüler, Schuld ist die Gesellschaft, schuld sind Journalisten, die den Ruf ruinieren.

      In bestimmten Situationen der Schule geht es um 20 Prozent der Kollegen. Leider werden diese Zitate dann nicht autorisiert. Die Gründe, warum diese Leute so zerrüttet sind, unterscheiden sich. Darüber lohnte es sich, mit Lehrern zu sprechen: Woran gehen eure Kollegen denn kaputt? Wie entstehen die 30% Lehrer, die laut Schaarschmidt quasi dissoziiert sind? Aber darüber: Kein Wort. Ich habe ein paar Lehrer, die sind echt sauer, dass ihr Job durch die Luschen kaputtgemacht wird. In lehrerblogs findet sich zu diesem Phänomen mirkulöserweise kein Ton.

      Ich schätze mal, dass die Entwicklung darauf hinausläuft, dass entweder echtes hire&fire entsteht – weil sich Lehrer und Lehrerverbände der psychischen Gesundheit ihrer Kollegen nicht stellen. Oder dass neben dem betonharten Sockel der unkündbaren einfach die ersatzarmeen der hilfs- und teilzeitlehrer zunehmen, die im Sommer entlassen werden und dann im Herbst wieder einen Zeitvertrag bekommen.

      • Bob Blume sagt:

        Lieber Herr Füller,
        ich bin mir unsicher, auf welcher Ebene ich Ihnen antworten soll.
        Methodisch? Ich habe in einem subjektiven Blog, subjektiv vier Thesen, die mir nicht passten, und die auch nicht alleinig von Ihnen stammten, herausgenommen und subjektiv meinen subjektiven Senf dazu gegeben. Das kann man kritisieren oder, wie Sie ja bei Ihrem nun vierten Kommentar tun, sich dazu inhaltlich äußern – positiv oder eben negativ.
        Persönlich? So, wie Sie hier argumentieren fällt es mir schwer, nicht selber polemisch zu reagieren. Nach Ihren Worten bin ich unreflektiert, nicht in der Lage zu unterrichten, stelle Benehmen über Inhalt und wäre selbst nicht einmal in der Lage, das Abitur zu bestehen. Was meinen Sie? Was soll ich darauf sagen? Ist es intendiert, dass ich sage: „Ja, Sie haben ja recht, ich bin durchweg nicht geeignet zu unterrichten, weil ich einen ein paar Zeilen langen Blogbeitrag geschrieben habe?“ Es kann doch nicht in Ihrem Interesse sein, dass sich die Lehrenden – und zwar auch die, die sich in der Schule am richtigen Ort finden, persönlich von solcherlei Respektlosigkeit angegriffen fühlen.
        Inhaltlich? Ja, da wären wir beim Thema. Und da kann ich nur sagen: Ich stimme Ihnen (auch ohne den Forschungshintergrund, der ich, Gott stehe mir bei, noch nicht habe) bei dem was Sie sagen zu. Ich nehme Ihre Worte als Anlass, weiter darüber zu reflektieren. Es wäre klasse, wenn Sie sich einbringen würden und zwar ohne auf eine Schiene zu gelangen, bei der sich Menschen möglicherweise beleidigt fühlen. Dann wären wir alle einen Schritt weiter.

  4. Hokey sagt:

    @ciffi
    Ah, den Neugebauer kannte ich noch nicht, danke für den nützlichen Hinweis. Wenn ich mich recht entsinne, stand die Rauin-Studie empirisch durchaus auf tönernen Füßen, wurde aber in den Medien umso fleißiger hoch- und runtergejazzt. Schaarschmidt dagegen hatte eine sehr breite Datenbasis und kam zu durchaus differenzierten Ergebnissen, was faule und fleißige Lehrer angeht. Der „Wir-wollen-viel-Freizeit“-Zahn sollte den Studierenden mittlerweile an den Unis, so hoffe ich, gezogen werden.

    Was ich mich seit geraumer Zeit frage: Wie sähe „deine“ Schule aus, wärst du ein allmächtiger Bildungsminister? Was würdest du ändern, was beibehalten? Welche Pädagogik schwebt dir vor? Welcher Art müssten die Lehrer sein, die dort unterrichten? (Wäre vielleicht auch mal ein Thema für eine Blogparade…)

    @bobblume
    Du musst dich hier nicht rechtfertigen, du darft durchaus deine Meinung unreflektiert runterschreiben ohne vorher tonnenweise Literatur zu wälzen. Es ist ein Blog, keine wissenschaftliche Arbeit, und deine Beiträge lassen keinerlei Rückschluss auf die Güte deines Unterrichts zu. Also gemach.

    • Christian Füller sagt:

      Ich habe in diversen Büchern über Schulen geschrieben. Dass ich mich da nicht klar geäußert hätte, wie meine Lieblingsschule aussehen würde, nun, das hat man mir noch nie vorgeworfen. Lesen!

      Und jetzt mal bitte ganz langsam: natürlich braucht man in einem Blog keine Fußnoten, es geht mir um was anderes: wollen wir hier nur rumschwadronieren oder substanziell was zur Verbesserung von Schulen sagen? Der Blogautor schreibt über eine Sendung, die sich kritisch mit Lehrern befasste – und er stellt dabei munter Behauptungen auf, die einfach mal der empirisch erfassten Wirklichkeit von Lehrern diametral entgegen stehen. Er geht nur von sich aus. Das ist ja auch prinzipiell ok – solange er nicht den Anspruch erhebt, etwas zu einer wichtigen Debatte beizutragen. Das tut er aber, und zwar ganz schön zackig. Er wirft mir Pauschalurteile vor. Hallo, meine Sachen sind belegbar.
      Darum geht es, und ich sage euch was: außer Lehrern wagt sich das kaum jemand, anderen Leuten vorzuwerfen, sie hätten keine Ahnung – siehe den Einstieg von Mist golkodin oder wie er sich nennt -, aber selber nicht mal Basiswissen zu kennen. Setzen sechs! Solche Leute sollten am Stammtisch sprechen, aber sich, bitte, an öffentlichen Debatten erst beteiligen, wenn sie auf der Höhe des Stoffs sind. Von einem Lehrer kann man das erwarten. Eigentlich.
      Allein mit Anekdötchen, so spannend, aussagekräftig und wichtig sie meines Erachtens sind, allein mit eigenen Sichtweisen halt kommt man halt in dieser Debatte nicht aus dem Mustopf raus.

      Ich hatte übrigens richtig tolle Lehrer, und ich bin echt stolz auf die – weil sie dieses oberlehrerhafte „Benimm-Dich-erstmal!“ zugunsten der Sache zurück gestellt haben. Das kann, ich verstehe sehr wohl, nicht jeder.

      • Hokey sagt:

        Lieber ciffi,
        vermutlich würden dir Lehrer viel begeisterter zuhören, wenn du auf die „ad personam“-Karte verzichten würdest. Und einen Vorwurf habe ich nun wirklich nicht formuliert. Vielleicht bist du es aber auch nicht gewohnt, von Lehrern ernst gemeinte Fragen gestellt zu bekommen; als Journalist ist man da gewiss auch Anfeindungen ausgesetzt. Welches Buch empfiehlst du denn? (Ich meine das wirklich _ernst_, denn ich erlebe dich im Netz meist recht aggressiv, aber auch engagiert. Dir liegt ja was an dem Thema, mir auch.)

        Und du hast recht, mit Anekdötchen kommen wir nicht weiter. Die empirische Forschung ist allerdings auch bislang nicht besonders hilfreich bei der Klärung der Frage, mit welchen Lehrern unser Schulsystem aufwartet und ich verweise da gerne auf Martin Neugebauer, der z. B. die Rauin-Studie in seinem Paper nur am Rande erwähnt, die Schwächen der bisherigen Forschung aber deutlich benennt. Neugebauer zieht die Abiturnote als Maßstab zur Bewertung der Leistungsfähigkeit der künftigen Lehrer heran, und Rauin – wenn ich mich richtig erinnere – macht das ebenfalls (nur mit wesentlich geringerer Gruppengröße). Aber was sagt die (rein auf fachliche Leistungen abzielende) Abiturnote über das, was ein Referendar / fertiger Lehrer am Ende in seinen studierten Fächern pädagogisch und didaktisch, menschlich und fachlich tatsächlich zu leisten imstande ist? Neugebauer ergänzt die Abiturnote zwar um „motivationale Eingangsmerkmale“ wie „fachliches Interesse“ oder „Karriereziele“, was letztlich auch nichts Konkretes über die Qualität der Lehre der Befragten nach ihrem Berufseintritt aussagt. Wo bleibt das erste Examen/der Master, wo das Ergebnis des Referendariats? Was ist mit Beurteilungen der Schulleitungen? Warum interviewt man nicht fertige Lehrer? Es gäbe durchaus Möglichkeiten, den Werdegang und die Qualität von Lehrern langfristig zu begleiten und auszuwerten.

        So richtig zufriedenstellend sind die Studien m. E. nicht, wohl aber medienwirksam, denn es lassen sich die typischen Vorurteile gut bestätigen, und die Differenzierung, die häufig zwischen Gymnasial- und den anderen Lehrern getroffen wird, verwischt dabei auch recht gerne. Und das ist wohl das, was viele Lehrer dann entweder, wie boblume, verärgert bzw. auf Dauer für berechtigte Kritik abstumpfen lässt.

      • Bob Blume sagt:

        Lieber Herr Füller,
        dass ein Autor „diverser Bücher“ es nötig hat, mit riesigen Kanonen auf einen Spatzen zu schießen, macht mich sehr stolz. Danke dafür. Interessanter Weise weiß ich noch nicht einmal, über was Sie sich so aufregen – da Sie es nicht belegen. Ich hätte mich auch darüber gefreut, wenn Sie meinen Twitternamen korrekt zitiert hätte, da es nur zwei Wörter sind. Wenn Sie bei ihren empirischen Forschungen auch so vorgehen, entscheide ich mich für Stammtischparolen. Alle von Ihnen angedeuteten Forschungen zum Thema werde ich wohl einmal lesen, wenn ich genug Zeit dazu habe. Im Augenblick versuche ich nämlich, ein guter Lehrer zu sein. Leider schaffe ich es nicht mehr, von der Polemikschiene zu hüpfen, es tut mir leid. Auch hätte ich erwartet, dass Sie genau lesen, was jemand, dem Sie so genau schreiben, zu sagen hat, dann hätten Sie die „Benimm-Dich-erstmal“-Schiene nicht mit einem Mindestmaß an Respekt verwechselt, den Sie mir hier wiederholt nicht entgegen bringen. Aber das passt ja prima zu ihrem Konzept: Man darf die Lehrer nicht kritisieren.
        Haben Sie eigentlich geschaut, was eigentlich kritisiert wurde? Es ging vor allem um die Aufmachung der Sendung. Es ist schade, dass ein Mensch wie Sie, der an vorderster Front für eine Sache kämpft, die ich voll und ganz unterstütze, durch solcherlei platte Reaktionen dafür sorgt, dass die Lehrer, dies es betreffen sollte, einfach nicht mehr hinhören. Aber vielleicht ist auch das gewollt. Denn vernünftig miteinander kommunizieren, das kann, das verstehe ich, nicht jeder. Obwohl es Journalisten aufgrund ihrer Profession können sollten, eigentlich. Schade.

        • Schwede sagt:

          Lieber Herr Füller,
          diese Diskussion hier auf dem Blog meines Freundes und bei anderen Plattformen zeigt mir erneut, wie genial es dieses staatliche Schulsystem schafft, trotz aller massiven Unzulänglichkeiten – die Sie in Ihren zahlreichen Schriften ja bereits analysiert haben – für Stabilität zu sorgen. Wenn ich Sie nämlich richtig verstanden habe, dann kritisieren Sie vornehmlich nicht die Lehrer an sich, sondern das System, indem sich die staatlichen Lehrer befinden, und das es möglich macht, dass die unfähigen unter ihnen alle Privilegien genießen können, ohne entsprechende Leistungen zu erbringen (korrigieren Sie mich gerne, wenn ich da falsch liege). Interessant dabei, finde ich, ist, dass doch viele staatliche Lehrer ebenfalls unzufrieden mit diesem System sind, in dem und für das sie arbeiten (die passenden Studien haben Sie sicher parat). Nun gelingt es aber diesem staatlichen System u.a. durch die Gewährung/Verpflichtung des Beamtenstatus eine durchaus heterogene Gruppe (Grundschul-, Realschul-, Gymnasiallehrer, kritische, unkritische, fleißige, faule usw.) sich selbst als eine homogene Gruppe zu empfinden, und zwar dann, wenn Sie als Gesamtgruppe (Lehrer im staatlichen Dienst) von außen pauschal kritisiert werden. Diese Art der „negativen Integration“ schafft plötzlich ein Bewusstsein des Zusammenhalts und veranlasst viele Lehrer dazu, neben sich selbst auch etwas zu verteidigen, hinter dem sie eigentlich gar nicht hundertprozentig stehen, weil es sie aber als Gemeinschaft (oder Berufsstand) zu definieren scheint.
          Was ich mich nun dabei frage, was ist eigentlich Ihre Absicht dahinter? So wie ich Ihr gesamtes bildungsjournalistisches Engagement verstehe, wollen Sie doch eine tiefgreifende Veränderung der bestehenden Verhältnisse erreichen? Dazu müssen Sie aber auch die Lehrer mit ins Boot holen, anstatt Sie nur verantwortlich für die Verhältnisse zu machen, in denen und mit denen sie leben und arbeiten müssen. Warum machen Sie nicht einfach mal in einem Ihrer künftigen umfangreicheren Schriften deutlich, welche Vorteile zum Beipiel in dem Konzept der Bürgerschule auch für die Lehrer liegen? Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Sie als renomierter Bildungsjournalist auch mal die progressiven Kräfte innerhalb der staatlichen Lehrerschaft stärken würden, anstatt diese durch pauschale Verurteilung in einem systemstabilisierenden Verteidigungsreflex zu zwingen.

          P.S.
          Ich selbst bin kein Lehrer im Staatsdienst, sondern an einer Schule in freier Trägerschaft. Ihre Kritik trifft mich also nicht persönlich, aber viele meiner Freunde und Bekannte, die jeden Tag versuchen in diesem Irrsinn etwas zu bewirken.

  5. Werter blumenbob,
    interessanter Text, man stellt sich bisschen die Frage, warum Sie die wissenschaftliche Literatur ignorieren, die es zu den aufgeworfenen Fragen gibt. Also Schaarschmidt, Rauin und zuletzt Neugebauer, die gezeigt haben, in welch prekärer motivationaler und performativer Situation sich Lehrer befinden. Das sind gut fundierte Studien und eben keine Vorurteile, so hat etwa ein Beamtenverein die Schaarschmidt-Untersuchung in Auftrag gegeben, an der 20.000 Lehrer teilgenommen haben. Kennn sie die eigentlich? Hand aufs Herz!
    Ich muss sagen, dass mich diese Vorgehensweise schwer wundert, ja mich an der Kompetenz des Autors sehr grundsätzlich zweifeln lässt. Ist es so, dass Sie, der keine einzige Quelle nennt, keine Referenz nachweist und einfach so ins Blaue hinein seine eigenen Vorstellungen verbreitet, dass sie also Schüler ins reflexive, begründete Denken einführen sollen? Wow.
    Best, Christian Füller

    • Bob Blume sagt:

      Lieber Herr Füller,
      in der Tat habe ich die von Ihnen angeführten Werke nicht im Ansatz gelesen. Noch nicht einmal Ihre Bücher, was ich aber nachholen werde, da mir einige in Ihrer Sendung vertretene Thesen sehr gut gefallen haben. Andere wiederum nicht, zu denen ich im Allgemeinen Stellung bezogen habe, so wie das für das Format des Blogs üblich ist (wieder einmal stütze ich mich weder auf eine wissenschaftliche Definition eines Blogs noch auf einschlägige Webseiten). Dass Sie meine Kompetenz in dieser Art und Weise kritisieren, lässt mich vermuten, dass Sie einen Lehrer hatten, der sehr viel auf Reflexion und relativ wenig auf einen respektvollen Umgang geachtet hat. Das ist schade, aber jeder hat seine eigenen Prioritäten. Mit freundlichen Grüßen.

  6. Herr Rau sagt:

    Die Sendung habe ich nicht gesehen. Die Punkte 1 und 2, da gebe ich dir völlig recht, sind Unfug. Punkt 3 sehe ich etwas anders. Zur Zeit wird man nur mit den besten Noten Lehrer. Einige Zeit war das anders, und das wird sicher auch mal wieder anders werden. Außerdem gibt es eine starke Korrelation zwischen Noten und Eignung als Lehrkraft, glaube ich, aber keine hundertprozentige Äquivalenz. (Dass man bei einem Zeugnis jenseits der drei noch einmal geprüft wird, kenne ich aus Bayern nicht.)
    Allerdings ist noch lang nicht klar, was ein schlechter Lehrer ist. („Die Schüler mögne ihn nicht nicht“ reicht mir als Kriterium nicht.) Und mittelmäßige Lehrer muss es so oder so geben dürfen.

    Und das Beamtentum… als Bürger muss ich sagen: a) sehe ich Schule nicht als hoheitliche Aufgabe, b) werden zur Zeit alle Aufgaben, die beamtete Lehrer leisten, auch von angestellten übernommen, die es ja an jeder Schule gibt; wie kann das sein, wenn die Aufgabe oh so hoheitlich ist? Den Beamtenstatus halte ich für schön zu haben, nicht zu legitimieren, und möglicherweise tatsächlich schädlich.

    • Bob Blume sagt:

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Nun, es kann sein, dass sich die Notendurchschnitte wieder nach unten korrigieren lassen, aber selbst dann werden natürlich die (vermeintlich) besten Lehrer eingestellt. Was das Beamtentum angeht, ist es tatsächlich schwierig, wobei ich dabei bleibe, auch den Gedanken dahinter zu unterstützen. Dazu hat die FAZ einige gute Gedanken geäußert.

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