LITERATUR: Der Gedanke

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Er erwachte mit einem Gedanken in seinem Schädel, der sich anfühlte als sei eine Revolution der Synapsen ausgebrochen und hätte zum Generalstreik ausgerufen. Die Schwere der Glieder war so lächerlich irreal, dass er hätte schwören können, noch im Traum gefangen zu sein. Die Lider schienen ihm nicht zu gehorchen und aus seiner Lunge röchelte es wie Schreie. Er versuchte sich so mit dem Unterarm abzustützen, dass er sich über das Bett lehnen und nach einem Glas greifen könnte. Dies kostete ihn fast komplett die Balance. Schnaufend ließ er sich in die warmen, müffelnde Kissen nieder und versuchte sich in eine Position zu wälzen, die ihm das Weiterschlafen ermöglichen könnte. Aber schon nach einigen Augenblicken fiel ihm das Dilemma seiner unbeweglichen Muskeln und eines gleichzeitig rasselnden Kopfes wieder ein. Er stemmte sich – nun beide Beine ausgefahren – mit aller Kraft und Konzentration gegen die magische Kontrolle der warmen Decke. Mit einem Fokus angestrengter Gewalt lupfte er im nach hinten Fallen die Beine aus dem Bett, so dass die Höhe der Matratze seinen dumpfen Restkörper hinterher fallen ließ. Er schnaubte abermals und gurgelnd befreite sich der Schleim aus Lunge und Speiseröhre. Erst jetzt merke er, wie die Zunge als ein fremdes Tier in der Höhle seiner aasigen Mundhöhle baumelte. Er würgte einmal tief und versuchte mit krank eingerenktem Rücken seine Hausschuhe in eine günstige Position zu schieben. Seine Hände berührten die Schlappen, die wie faule Säugetiere am Rand des Bettes darauf warteten, die menschliche Last auf sich zu nehmen. Nach zwei Schritten bohrte sich die Kante des massiven Holzbettes so tief in die Unterkante seiner Kniescheibe, dass er aufheulte wie ein sterbender Hund. Die verletzte Stelle mit runden Bewegungen seiner Hand umrundend knallte sein Kopf gegen die silberveredelten Griffe des Glasschrankes. Das Glass erzitterte in einem dumpfen Geheul und vibrierte gegen die schwarze Dunkelheit des Zimmers. Er ließ sich zurückfallen, so dass sein Rücken an der angehäuften Bettdecke abprallte und ihn hinunter kugeln ließ. Der Bettrand bremste das Momentum seines geschundenen Körpers nur unzureichend. Seine Leber wurde alsdann von der großen Holzkiste gebremst. Der Schmerz kam in Etappen. Die direkte Schmerz der Leberprellung, der ein tiefes gurgelndes Stöhnen mit Schnappatmung hervorrief, wurde von einem stechenden Schmerz im Kopf begleitet, dessen Ursache sich erst nach einigen Sekunden der überraschten Erkenntnis in der abgebissenen Zunge gründete. Das erschöpfte, dröge Heulen in der Ausatmung wurde nun nur noch von der schrillen Gejaule des Einatmens übertönt, dass diese schreckliche Unüberlegtheit mit sich brachte. In einem Anflug von Wut stieß er sich so vom Boden ab, um nach oben zu kommen, dass sein Musikantenknochen am Bettgestell die Vier Jahreszeiten rückwärts spielte. Der aufkommenden orgiastischen Wut über die nicht aufhören wollenden Flut von physischen Schmerzen folgte wie in manischer Umkehrung die vollendete Resignation. Er glitt am Bettrand auf dem Boden zurück, so dass er sich den Rücken abscheuerte. Die Komik dieser erneut missglückten Bewegung ließ ihn so laut auflachen, dass er dachte, es sei ein anderer gewesen. Er schaute mit zuckenden Bewegungen in die Dunkelheit des stillen Raums und flüsterte. Er schämte sich seiner Eskapaden und stieß ein  Kurzgebet gen Decke, das als gleich von einem Rumpeln des Nachbars goutiert wurde. In das nächste Zimmer schleichend erfasste ihn eine solche Müdigkeit, dass er sich fragte, was überhaupt der Grund gewesen war, warum er seinen ohnehin geschundenen Körper zu einem nunmehr physischen Wrack gemorpht hatte. Ein Druck in der unteren Körpergegend brachte ihn schließlich auf die Epiphanie seines vorherigen Entschlusses. Nachdem sein Körper ihm mit diesem Anfall von natürlicher Kontrolle gezeigt hatte, wer der Herr über seine Handlungen war, ließ er sich wieder zurück ins Bett fallen, gezeichnet von einem Aufstehen, dass ihn unweigerlich an Extremsport mit sadistischer Komponente denken ließ. Noch nie in seinem Leben war es so schön gewesen, auf die Toilette zu gehen.

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