LITERATUR: Der Stein

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Kommen Sie ruhig mit, das Panorama ist ja für alle da: Dort hinten die bergige Wiese mit dem frischen, saftigen Gras, das im Wind hin und her schaukelt und das die ganze Fläche wie einen großen Pelz erscheinen lässt. Ein natürlicher Pelz für die Bewohner. Dahinter geht es nicht weiter. Sehen Sie den ersten Berg, dann den zweiten. Unser Auge sieht den dritten zwar, aber es scheint, als sei er dunkler. Das ist aber ein Irrtum.

Zwar ist der Tag nicht nebelig, aber das Gras selbst wirft das Licht nach oben zurück, so dass eine kleine helle Mauer entsteht, durch die hindurch alles, was dahinter ist, dunkler erscheint. Sehen Sie dahinter die Wolken. Ich hätte gerne einen sonnigen Tag ausgewählt, aber einen solchen Moment kann man ja nicht auswählen. Sie sehen also alles in der Ferne, aber wenn Sie nun aufpassen könnten und an sich herunter schauen. Bitte wählen Sie in Gedanken ihre Schuhfarbe.

Daneben liegt ein Stein, der mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht über die drei Berge kommt, zumindest nicht innerhalb unserer Zeit. Vor unserer Zeit brach der Stein von einem Fels ab. Die Natur riss an ihm mit Wind und Sturm, ließ Regen auf ihn prasseln und schoss lose Äste gegen den Stein. Zuerst machte ihm das nichts. Und auch nicht dem Fels, aber nach und nach, ganz langsam, begann er sich zu lösen. Nicht so, dass es irgendeiner bemerkt hätte. Selbst wir, die wir hier stehen, hätten nichts gemerkt, wenn nicht irgendwann ein feines, dunkles Geräusch durch die Luft gestoßen wär. Die Abnabelung des Steins, der nun neben seinem Fels lag. Damals waren die Hügel noch nicht so mit Wiese bedeckt, wie man sich ja vorstellen kann. Aber dann ging alles ganz schnell.

Wie der Stein da so liegt, kann man sich sicherlich nicht vorstellen, dass es ihn überhaupt einmal über die Hügel treiben wird. Die Frage wäre, ob er dort überhaupt einen geeigneten Platz finden würde. Und Sie sehen ja selber, dass man die Täler zwischen den Hügeln nur erahnen kann.

Zurück zum Fels kann er natürlich nicht, es sei denn es käme jemand, der ihn versuchen würde, zu befestigen. Aber selbst dann wäre die Zeit irgendwann wieder Sieger im ungleichen Duell.

Wenn Sie nun aber ganz genau schauen, dann sehen Sie, dass der Stein eine leichte Rundung hat. Direkt an der rechten unteren Seite. Diese war, soviel darf ich verraten, nicht immer da. Es war vielmehr ein stetiges Hin und Her – und all das, nachdem er sich vom Fels getrennt hatte. Es ist gut, dass wir niemals so tun müssen, als habe ein großer Fels und ein kleiner Stein einen Gedanken. Denn das ist natürlich völliger Blödsinn. Vielmehr liegt er nur so da und lässt alles über sich ergehen.

Wenn Sie mir nun bitte auf den auf den ersten Hügel folgen würden.

 

 

Glauben Sie es mir oder nicht, aber ich war mir sicher, dass Sie den Stein mitnehmen würden. Lassen Sie ihn nun hier ins Gras fallen und wir stellen uns vor, dass er sehen könnte, wie schön es hier ist. Und wie weit man sehen kann.

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3 Kommentare zu LITERATUR: Der Stein

  1. Pingback: METABLOG: Kleines Blogjubiläum | Bob Blume

  2. Ellen sagt:

    Kann man Sie mieten?

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