LITERATUR: Die Königin

 

Emilie Davies

Sie hatte wieder lange darauf gewartet, dass der Vorhang leicht zur Seite ging. Aber auch dieses Mal war alles, was sie sah, eine dunkle Silhouette, von hinten angestrahlt von zu viel Licht. Es war der Bruchteil einer Sekunde, bevor der schwere Stoff wieder in die Ausgangsposition wankte und nur an den beiden Seiten das Licht ausstrahlen ließ.

Sie hatte Angst davor, dass sich der Vorhang öffnen könnte, wenn sie nicht da war. Ganz, und alles preisgeben könnte von dem Innenleben, das sie so sehr sehen wollte.

Der große, schwarze Baum im Hof ließ seine Zweige über die Enge schaukeln. Er war schon immer dagewesen und sich befürchtete, dass er sie und ihn und mit ihm das Geheimnis, das zu erkennen sie sich verpflichtet war mit in den Tod reißen würde. Wenn es Abend wurde und die Lichter der umgebenden Häuser sich auf den Punkt des Hofes fixierten, schien es ihr ein ums andere Mal so, als sei der Baum in seiner Gänze bis in den Boden fixiert, als würde er weiter wachsen in die Seiten des rauen, aufgerissenen Asphalts – ein Spiegelbild seines selbst. Nicht nur Wurzeln, jeder Schatten eine Verbindung in die Erde.

Sie ging zur Arbeit und kam wieder. Sie setzte sich an den Holztisch, der mit einem roten Tischtuch überzogen war. Darauf stand eine Kerze, die sie einmal geschenkt bekommen hatte; bisher hatte sie sie noch nie angezündet. Das Licht war dämmerig. Hier sollte mal eine ganz andere Lampe hin, hatte sie damals gedacht. Alles sollte ein wenig schöner, wohnlicher werden.

Nun aber war es bald wieder soweit. Sie trank ihr Leitungswasser aus und schritt behutsam in die Nähe der Balkontür. Sie musste lächeln als sie bemerkte, dass sie beinahe dem Baum zugenickt hätte. „Hallo, mein Freund“, fügte sie in Gedanken an. Sie war ganz ruhig. Sie betastete ihren Körper, strich sich über die Beine, über Becken und Gesäß. Vor dem Gesicht schreckte sie zurück. Sie brauchte keinen Spiegel mehr, auch nicht ertastet mit den Händen.

Der Vorhang auf der anderen Seite bewegte sich fast unmerklich, aber sie merkte, wie ihr das Blut in die Adern schoss. „Ein König und eine Königin“, dachte sie, „getrennt durch das Schicksal der tiefen Schlucht voller schrecklicher Gestalten.“ Und während sie noch die letzten Worte dachte, schüttelte sie über sich selbst den Kopf.

Dann ging der Vorhang auf und sie sah den Schatten, zuerst die Hand, die ihn vorsichtig, gang vorsichtig zur Seite strich, dann den Arm, ganz nackt, keinen Pullover. Es musste warm sein in der Burg, in dem Schloss, in das sie nie konnte. Die Hoffnung ließ ihre Halsschlagader fast zerplatzen, dann aber wieder das schmerzliche Zurückgehen des Vorhangs. Wieder eine Aufführung ohne ein glückliches Ende.

Sie stütze sich ab, hatte nun das Gefühl, ganz schwer zu sein, schwer wie ein großer, grauer Stein. Sie machte den Vorhang zu und erstarrte. Hatte der Baum nicht mit einem seiner Äste gewunken, als wenn er alles wüsste? So unverfroren, so schelmisch, so tief verletzend. Sie versank in eine dumpfe Wut und beschloss, dem allen ein Ende zu bereiten. Sie hatte die Macht.

Zwei Tage später schon waren die Männer damit beschäftigt, den Baum zu fällen. Was Jahre gebraucht hatte, war einfach weg. Sie war sehr ängstlich gewesen, hatte überlegt, ob sie nicht die falsche Entscheidung getroffen hatte. Aber dann war sie zurückgefallen in ihre unendliche Wut. Als der Baum fiel, lief ihr eine Träne über die Wange. Sie brauchte zu lange, bis sie am Mund ankam.

Die Sonne schien so gnadenlos hell und zwang die Menschen zum Glücklichsein. Und dann war es ihr tatsächlich, als wenn diese Fläche, dieser neue Raum auf der Kehrseite ihrer Wohnung – als wenn er neues Leben wecken würde. Aber nur nach ein paar Minuten erkannte sie den Asphalt wieder. Und die Risse sahen aus wie Schluchten und in den Schluchten wohnten die Ungeheuer.

Nie hatte sie so lange auf ihren König gewartet wie an diesem Tag. Und als alles von Neuem begann, als der Vorhang langsam zu Seite ging, als der dicke Stoff sich zurückzog: Da war er. Er schritt nach vorne einfach so, saugte die Luft ein und reckte sich. Er reckte sich, wie es ein ganz normaler Mensch tut, wenn er verschlafen ist. In seinem Gesicht war ein kurzes Erstaunen über die Abwesenheit des Baumes zu erkennen.

Sie war erfüllt von einem tiefen Gefühl von Ekel.

Nie wieder stand sie am Fenster.

 

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