ANALYSE: Gefährliche Sätze

Das ganze Leben lang hört der Mensch gefährliche Sätze. Und damit sind nicht die gemeint, die „Geld oder Leben“ fordern oder „den Führerschein und die Fahrzeugpapiere.“ Oftmals liegt die Gefahr eines solchen Satzes nämlich gar nicht in der folgenden Aktion, sondern eben in ihrem Fehlen. „Das habe ich vergessen!“ ist so ein gefährlicher Satz oder der allseits bekannte und gefürchtete „Du, wir müssen reden.“ Ich möchte hier auf einen weiteren gefährlichen Satz hinweisen, der uns immer wieder und auf allen Ebenen des Lebens betrifft. Er lautet:

„Das hatten wir doch alles schon einmal.“

Schaut man sich den Satz genau an, dann zeigt sich die Gefahr schon in all seinen Einzelteilen. Der Beginn mit dem Demonstrativpronomen lässt sich willkürlich auf alles anwenden, das zurückgewiesen wurde. Es ist das große „Das“, das in alle Richtungen zeigende.

Die Präteritumsform der Allzweckwaffe „haben“ ist ebenso hervorzuheben. Weicht nämlich das Präteritum immer mehr dem Allzweck-Perfekt (gehabt haben), wird hier die Zeit bewusst eingesetzt, um darauf hinzuweisen, dass das angesprochene nun wirklich in der Vergangenheit liegt.

Nun wird es noch schlimmer. Der Plural zeigt mehrere Dinge an. Erstens ist derjenige, der den gefährlichen Satz sagt, aus dem Schneider, weil eine unbestimmte Menge (scheinbar) diese Meinung vertritt (z.B. eine Institution oder eine Arbeitsstelle). Zweitens soll er deutlich machen, dass das „Wir“ das „Du“ desjenigen, der einen Vorschlag machte, der zu dem Satz führte, ausschließt.

Der abtönende Partikel „doch“ geht da einen Schritt weiter. Er suggeriert, dass derjenige, der den Satz provozierte, keine Ahnung über die ausschließende Vergangenheit hat. Das lässt ihn dümmlich dastehen. Des Weitere zeigt es an, dass eine Verneinung nicht mehr möglich ist, da es sich um eine Tatsache handelt.

Die Mengenangabe „alles“ gehört zu dem willkürlichen „das“ am Satzanfang. Es ist das tödliche Pauschalurteil des allwissenden Redners. Nicht nur „das“ war schon einmal da, sondern „alles“ – die allumfassende Beurteilung, die das ausschließt, was noch kommen könnte.

Schließlich folgt die Politur des Todesurteils. „Schon einmal“ zeigt an, dass das unbestimmte „alles“ nicht nur da war, sondern auch, dass dessen einmalige Erscheinung zu keiner Verbesserung geführt hat.

Egal wo dieser Satz artikuliert wird – es sei Vorsicht geboten. Er entlarvt denjenigen, der ihn äußert als ein Feind des Vorschlags, als die Inkarnation des kollektiven und vergangenen Plurals, der jegliche Form der Veränderung ablehnt.

Die Gefahr geht aber nicht nur von der Abwehr aus, sondern von der magischen Anziehungskraft des Satzes. Denn ehe man es sich versieht, schreckt man vor Vorschlägen zurück, weil man denkt, es könnte abgelehnt werden.

Und man denkt sich. „Nein, ich halte mich zurück. Das hatten wir doch alles schon einmal.“

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