In eigener Sache: Eine missglückte Textkritik

Textkritik zur Textkritik: Eine sehr missglückte Fabel 

Link zur kritisierten Fabel: „Der Bär“
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Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte in Freiburg Germanistik und schrieb 2012 den Verriss meiner Fabel „Der Bär“. Würde der Autor sich keine interpretativen Fehlleistungen leisten, wäre die Kritik gelungen. Das Adverb „sehr“ spare ich mir, da es wie beim gewollt humoristischen Titel („Eine sehr missglückte Fabel“) redundant ist. Wer nun denkt, dies sei die verspätete und verbitterte Antwort des Autors, hat Recht.

Zunächst einmal zur „Zusammenfassenden Bewertung“. Die Fabel deute zu viel an und sei zu „verklausuliert, als dass sie noch aufklärerisch (…) wirken könnte“. Da ich Aufklärung bei Literaturkritikern auch als den Ausgang des Menschen aus unspezifischen Zusammenhängen sehe, ist hier die Frage, was der Satzbau mit einer prätendierten aufklärerischen Wirkung zu tun haben soll. Des Weiteren „BRÄUCHTEN“ (als dritte Person Singular groß geschrieben, um die Wirkung zu verstärken – welch Meisterleistung literarischer Überzeugungskraft) wir in einer Demokratie keine Fabeln, „da wir Meinungsfreiheit haben.“ Weiter: „Fabeln gedeihen prächtig in einer Diktatur jeder Couleur.“ Neben der mir hier zugeschobenen Dummheit, das Genre nicht auswählen zu können, scheint der alte Knabe hier folgern zu wollen, dass jegliche Textform aus vergangenen Tagen redundant ist, sobald sie in einer Staatsform geäußert wird, die die vorige überholt hat. Man könnte auch sagen: Auf den Scheiterhaufen damit.

Für einen Vers-Fetischisten wie Herrn Bremer ist das erstaunlich, da wir in einer Demokratie leben, in der man auf Vers und Reim verzichten könnte. Der selbst ernannte Wittgenstein will die Sprache ganz im Sinne dieser unserer kollektiven Regierungsform auf zwei große Nomen zusammenpressen – die sich dann aber reimen müssen.

Hätte sich der Autor mit dieser pejorativen und unstimmigen Vorrede nicht schon professionell unterhöhlt, könnte man sich eine objektive und konstruktive Kritik der von mir (mit 18 Jahren) geschriebenen Fabel nun anhören.

Der Autor empfiehlt, dass im ersten Satz nicht stehen solle, dass die nicht näher spezifizierten Wesen nicht „glauben“ oder „wissen“ sollten, sondern sich entscheiden müssten. Ich wiederhole: Der Autor glaubt, dass die ersten beiden Sätze der Fabel versehentlich diese sind: „Alle wussten sie es. Alle glaubten daran.“

Auf den Gedanken, dass eben die grundlegenden Gegensätze eines christlichen Glaubens und eines scheinbar rationalen Wissens hier zusammengefügt werden, um das Ende vorzubereiten, kommt der Kritiker nicht. Wie auch, wenn er Hypotaxe für ein Zeichen der Aufklärung hält. Aber bleiben wir beim Thema.

Herr Bremer meint, dass das Wörtchen „eigentlich“ fehl am Platze sei – dieser häufig von Schülern gebrauchte abtönende Partikel, dessen illokutionäre Konnotation das Gegenteil ausdrückt, sei also abermals redundant. Da scheint aber einer dem Autor nicht viel zuzutrauen. Da ich davon ausgehe, dass die allegorische Übertragbarkeit der Fabel selbst Herrn Bremer aufgefallen ist, könnte dieser sich nun Gedanken machen, was das „eigentlich“ in diesem Zusammenhang aussagt. Eigentlich traue ich ihm das zu.

Im Weiteren solle nun das Wörtchen „konnte“ durch den Konjunktiv ausgedrückt werden. Auch hier: Welch grandiose Fehlleistung, eines nach eigenen Angaben studierten Germanisten, der ein um das andere Mal die kleinen Wörtchen übersieht, die doch das Leben so schön machen. Falls er je diese Kritik liest, lassen wir es ihn selber suchen, ja?

Es folgt die rhetorische Frage, warum der nächste Konjunktiv mit der „umgangssprachlichen Hilfskonstruktion“ statt dem einfachen „sprächen“ ausgedrückt wird. Ernsthaft? An diesem Punkt war ich mir sehr unsicher, ob Herr Bremer überhaupt annähernd an den Sinn einer von einem jungen Kerl geschriebenen und zugegebener Maßen etwas gewollten Fabel herankommt. Den Teil, der nun kommt, sparen wir uns mal.

Jetzt wird es kritisch: „Jetzt wird es kritisch“, schreibt Bremer in einem Anfall von Spannung. Das eingeklammerte und kursiv geschriebene Ausrufezeichen hinter einem weiteren „eigentlich“ zeigt an, dass er nun wirklich böse ist. Alles sei hier aneinander „gepatscht“.

Dass nun eine Höhle keine Höhle, sondern ein Land sein soll, überfordert ihn nun völlig. Denn wieso sollten Menschen, die ein Land, auf dem ein Bär lebt, Höhle nennen, wenn sie doch wissen, dass es ein Land ist? Ich habe dazu Platon gefragt, aber der konnte mir nicht helfen. Und da Kafka gerade auf der Strafkolonie war, komme ich hier auch nicht weiter. Weiter sagt er, man müsse alles streichen und keiner würde das Fehlen bemerken. Eigentlich (!) eine gute Idee auch für die Kritik des Literatur-Diktators Bremer.

Dass nun noch nicht einmal klar ist, warum sich das unvorsichtige Tier (zwinker) dem Bären nähern sollte (zwinker) und der Bär trotzdem kommt (zwinker), um es zu fressen, hat mich kurz traurig gemacht. In einer kulturoffenen Demokratie sollte es doch eigentlich (!) möglich sein, dass relativ einfache Konstruktionen der verbalen Bewegung von einem unbekannten Literaturpapst erkannt werden.

Nun folgt in plumpem Stil das Todesurteil: Die Pointe  „war vorauszusehen.“ Schön, dass der Autor irgendeine interpretative Leistung erbracht hat – das war vorauszusehen, zumal es hier nicht um eine differenziert linguistische, sondern eine oberflächlich kursorische handelt.

Er kreidet dem Text an, von dem er sagt, dass es eine Fabel ist, dass sie keine Fabel ist, weil sie eine Moral hat und Fabeln hätten keine Moral und wenn nur, weil Pädagogen des 19. Jahrhunderts sie dazu erfunden hätten. Bedarf dies weiterer Erläuterungen?

Am Ende endlich der wahrhaftige Schluss. Die schöne Frage, die eigentlich ein Fragezeichen verdient gehabt hätte, zeigt, was sich abgezeichnet hat. Eigentlich hätte in einer aufgeklärten Demokratie des weltweiten Netzes selbst schlechte Texte einen kommunikationsbereiten und kompetenten Literaturkritiker verdient, der, nachdem er die Texte genau gelesen und verstanden hat, objektive Rückmeldungen verteilt und keinen Führer, der eine Bücherverbrennung 2.0 propagiert. Eigentlich!

Wegen des schönen Effekts schließe ich mit einem Zitat eines mir bekannten Autors: „Alle waren sie tot, bevor sie erkennen konnten, dass auch sie Bären waren.“

 

 

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4 Kommentare zu In eigener Sache: Eine missglückte Textkritik

  1. Uli sagt:

    Lieber Herr Blume!

    Malte Bremer ist eigentlich ein völlig überschätzter und unwichtiger Mensch, der sich anmaßt, „Literaturkritiker“ zu sein. Er ist sogar so arrogant, Leuten, die ein von ihm verrissenes Buch bei Amazon positiv bewertet haben, Dummheit und Unwissenheit zu unterstellen. Selbst – wie es heißt – „schreibt er viel, veröffentlicht aber nichts“. Man fragt sich, warum, wenn er doch so perfekt ist.

    Ich hatte beim Literaturcafe mal angefragt, was ihn denn eigentlich als Kritiker befähigen würde, habe aber leider keine zufriedenstellende Antwort bekommen. War mir aber auch ziemlich wurscht, jedenfalls ignoriere ich seine „Textkritiken“ und kommentiere seine Buchverrisse entsprechend, wenn ich Lust habe.

    Schade, dass es immer wieder unbedarfte Schreiber gibt, die Texte an ihn schicken.

    Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg!
    Uli Lucas

    • Bob Blume sagt:

      Lieber Herr Lucas,

      danke für den Zuspruch, auch wenn mich die erwähnte Unbedarftheit natürlich auch betrifft.

      Liebe Grüße

      • manne sagt:

        ach, wie bekannt mir das vorkommt. Wer einen Verriss nicht verträgt, spukt Gift und Galle, das kommt häufig vor.
        Der Versuch einer Rechtfertigung in unerträglicher Länge mit Anhäufung von Pseudo-Intelligenz macht aber den „Bär“ nicht wichtiger.
        Eigentlich hätte der Verriss heilsam sein müssen, bewahrt er doch den Leser davor, derartiges lesen zu müssen. Und mit „illokutionärer Konnotation“ dürfte der normale Leser schon garnicht zu beeindrucken sein…

        • Bob Blume sagt:

          Ja, wahrscheinlich haben Sie Recht. Vielleicht war der Versuch einfach schlecht. Ist nicht schlimm, war ich doch etwa 18 Jahre alt. Was mich wundert ist, warum Sie auf diesen alten Text und diese Jahre alte Rechtfertigung abheben. Wollten Sie nochmals ein wenig bohren? Oder verschafft es Ihnen einfach eine gewisse Befriedigung? Lassen Sie von sich hören. Ich bin gespannt.

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