Eine kleine, hinterhältige Parabel

 

Ute kommt in dieser Parabel vor, aber das weiß sie nicht. Sie kennt Parabeln auch nur aus dem mathematischen Bereich. Sie kann sehr genaue Kurven zeichnen. Das konnte sie schon immer. Gelesen hat sie nie viel, außer, als es um etwas ging. Es geht ja immer um etwas. Das hat ihre Mutter ihr mit auf den Weg gegeben. Und immer frisches Gemüse.

Eine literarische Parabel ist eine kurze Erzählung, die dem Leser etwas lehren soll. Aber nicht mit dem Zeigefinger. Utes Zeigefinger sind sehr dünn und lang. Sie kann damit sehr scharf in eine Richtung zeigen.

Dass ich all das über Ute weiß, liegt daran, dass ich sie einerseits kenne und dass sie andererseits natürlich nicht Ute heißt. Aber beides können wir unter den Boden kehren. Von dort aus kann man übrigens auch am besten schauen. Wir dürfen uns nicht zu erkennen geben, das würde sie schocken. Womöglich wäre sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Das wäre für die gesamte Familie eine Katastrophe, da alle sehr viel von Ute halten. Unsere Ute, sagen sie immer. Unsere Ute kann eigentlich alles.

Ute kann wirklich enorm viel. Und das, was sie nicht kann, überspielt sie, indem sie sich entfernt. Schauen wir genau hin.

Es ist sehr früh im Büro oder in dem anderen Raum, in dem sie arbeitet. Sie macht das Licht an und geht mit forderndem Schritt an ihren Platz. Sie ist sehr froh, dass sie einen eigenen Platz hat und sagte das auch nicht ohne Stolz. Das Echo der familiären Bestärkung pulsierte bis in die Ecken der Republik. Unsere Ute hat einen Platz.

Erst nach und nach treffen die Kollegen ein. Müde, teilweise. Abgearbeitet. Ute drängt mit dem Gang nach vorn. Sie hat eine Brille, deren Gläser aussehen wie zwei aneinander befestigte Ellipsen. Oder vier Parabeln. (Mit solchen Scherzen müssen wir in Zukunft vorsichtiger sein, da Ute sich schnell und wieselflink umzudrehen weiß und den Raum nach Unreinheiten analysiert. Um ein Haar wären wir aufgeflogen.)

Wir müssen uns vom Boden entfernen. Hier sehen wir nur noch ihre schwarzen Schuhe. Weiblich und formschön. Mutters Geschenk. Weil sie sie so lieb hat.

Ute macht sich einen Kaffee und lupft die beiden Ellipsen an. Sie überlegt, was sie noch fragen könnte, denn nur wer fragt, weiß sie, gewinnt.

Sie geht hinüber, denn es ist mittlerweile so spät, dass der Chef kommt. (Hier an der Decke ergibt sich ein ganz anderes Bild. Man muss nur darauf achten, wohin sie geht. Und schauen Sie: Der Körpermittelpunkt ist ganz auf dem Kopf. So viel Rücken dürfte man von hier oben gar nicht sehen.)

Nach mehreren Fragen wird gearbeitet. Sie muss mehr arbeiten, denn sie wird geprüft. Sie arbeitet auch mehr und das macht ihr auch Spaß. Sie ist extrem stolz darauf, wie sehr es ihr Spaß macht. Am liebsten redet sie mit anderen über die Probleme. Sie sagt dann, dass sie das kennt. Dass sie genau weiß, wovon der andere spricht. Dass sie sich da hineinversetzen kann.

Auch wenn es sehr intim und außerdem etwas unmoralisch ist (was ja der Parabel wiederspricht, da diese ja ethisches Verhalten lehren soll), gehen wir mal ein wenig mit Ute mit. Sie lächelt noch ein paar Kollegen zu und geht nach Hause. Im Eingangsbereich ist alles sehr schön hergemacht. Nein, also, wirklich schön. Und man sieht Bilder. Eines ist von einer Kindergeburtstagsfeier, an die sie sich sehr gerne erinnert. Die Kinder haben Masken selber gemacht und alle waren sich hinterher einig, dass ihr die beste gelungen ist.

Das Telefon blinkt nicht. Aber heute ist auch noch nicht Zeit für die Anrufe, heute noch nicht. (Wir verstecken uns hinter dem Kuscheltier in der hinteren Ecke. Das geht zwar sehr in die Nase, aber von hier hat man einen guten Überblick.)

Das hätte man nicht gedacht. Sie geht zuerst ins Bad. Sie kämmt ihr Haar. Sie hat schönes Haar, das gleichmäßig in dunkelbraunen Fontänen über ihren Kopf fällt. Es ist gleichmäßig geschnitten, was sie sehr begrüßt. Sie kämmt sich sehr lang. Von unserer Stellung aus, ist es schwer zu sehen, aber wahrscheinlich schaut sich sehr genau auf ihre Nase. Sie hat eine scharfkantige Nase. Eine Kleopatra-Nase. Dichte, schwarze Augenbrauen, die eine schöne, fast parabolische Form haben.

Sie ruft ihre Kollegin an. Auch sie ist noch nicht das, was man fertig nennt. Sie will nur eines und das ist, sagen zu können, dass sie fertig ist. Fertig. Und das alle sagen, dass die Ute, das unsere Ute fertig ist. Sie ist jetzt eine echte, richtige… Und dann kommt das Wort, das ihren Beruf benennt.

Sie ruft weiter an. Als an der anderen Leitung die andere ist, wird Ute ganz sanft. Sie weiß, was sie tut. Ob sie nicht davon wüsste? Ob sie nicht davon gehört hätte? Sie fragt immer wieder und sagt dann: Ach. Sie hört sich sagen, dass man ja zusammen arbeiten müsse. Jawohl. Sie streicht sich durch die Haare.

Dann geht sie zum Schreibtisch und lächelt das erste Mal aus dem Herzen heraus.

Ute hat ein großes Herz, das hat schon der Vater immer gesagt. Der Vater und die Mutter, beide haben es schon in der Schulzeit gesagt. Nur anerkennen hat es fast keiner können. So ein großes Herz.

Wir können froh sein, dass Ute das Kuscheltier verstauben lässt, so erkennt sie uns nicht. Wir können hier mehrere Wochen sitzen und den Telefonaten lauschen. Und sehen, wie sie sich kämmt. Sie schaut fast kein Fernsehen. Sie sitzt viel und arbeitet. Und – man glaubt es kaum, wie die Zeit vergeht – die Prüfung naht und sie ist sich sicher und macht an einem morgen ganz beherzt das Licht und die Kaffeemaschine an.

Alles geht so unglaublich glatt.

Und plötzlich ist sie fertig und ja, sie trinkt einen kleinen Sekt, weil sie sich ihn verdient hat.

Sie lächelt und lässt sich schmeicheln. Ganz allein hat sie das geschafft. Ganz allein. Und die Familie ruft es in die Ecken der Republik. Die Ute, unsere Ute, ist fertig.

Wir könnten jetzt noch ewig hier hinter dem Kuscheltier sitzen, aber wir wissen ja alle, Ute, ich und auch ihr, dass das hier alles nur erfunden ist. Und wenn es das nicht wäre, dann würde Ute vielleicht irgendwann das Kuscheltier wegschmeißen und jemandem anders die Haare kämmen. Vielleicht ein Buch lesen oder in die Natur gehen. Aber so, da das alles ein abgekartetes Spiel ist, macht sie nichts der gleichen, sondern konzentriert sich lieber auf den kommenden Tag. Denn der ist wie alle anderen der wichtigste. Das  weiß Ute jetzt. Und irgendwann wird man über sie sagen können. Ja, sie hat es ganz allein gemacht. Fertig war sie, unsere Ute. Vielleicht wird man sogar eine Geschichte über sie schreiben. Eine Geschichte über das Glück oder wenigstens eine kleine Parabel.

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