MENSCHEN: „Keiner ist ja schon vorher gestorben“

 

Nach dem Gesundheitstag führte ich ein Interview mit Tatort-Schauspieler Peter Espeloer. Über Lehrer, Schauspieler und das Als-Ob.

Es gibt ja immer wieder Überraschungen. Die eine war, dass wir beim Gesundheitstag für die Kolleginnen und Kollegen der Schule weniger theoretische Abhandlungen über uns ergehen lassen mussten, sondern aktiv dabei waren. Die andere war, dass bei dem Kurs zu „Körper und Stimme“ der Schauspieler Peter Espeloer, unter anderem bekannt als Kriminaltechniker des Ludwigshafener Tatorts (z.B. Freunde bis in den Tod, 2013), derjenige war, der mit dem Kollegium Entspannungsübungen für den Schulalltag durchführte.

Ich war froh, dass der vielfältige Espeloer mir die Möglichkeit zu einem kurzen Interview gewährte.

BB: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen.

Espeloer: Kein Thema.

BB: Herr Espeloer, sie haben ja gleich mehrere Berufe (Sprecher, Regisseur und Lehrbeauftragter). Geben Sie einem dieser Berufe Vorrang oder sagen: Dieser Job ist mein Lebensinhalt?

Espeloer: Die ergänzen sich in dem Sinne, dass sie zusammengehören. Das bedeutet, das, was ich gerade mit euch gemacht habe, also die Arbeit an der Stimme und dem Körper, ist auch Teil der Arbeit eines Schauspielers vor der Rolle oder eines Regisseurs, der den Schauspielern ermöglicht, dass sie in ihre Rollenarbeit gehen können. Da das was du machst (also Lehrer sein) ja auch in gewisser Weise was mit Schauspielerei zu tun hat, bin ich auf die Idee gekommen, dass da möglicherweise eine Verknüpfung möglich ist.

BB: Ist man also als Lehrer auch ein Schauspieler, oder: Als Schauspieler, spielt man die Rolle oder ist man die Rolle?

Espeloer: Das ist genau die Frage des Glaubenskriegs, der in den Reihen der Schauspieler herrscht. Es gibt einige die sagen, ich spiele das nicht, ich bin das. Dann sagen wieder andere: Was für ein Quatsch, natürlich bin ich das nicht. Ich hab’ auch keine Lust, mich zum Beispiel umzubringen. Ich will hinter die Mechanik der Dinge kommen. Und so würde ich das auch sagen. Aber wenn ich ehrlich bin: Mich interessiert das noch immer. Wie funktioniert’s? Es gibt da ja verschiedene Theorien: von außen nach innen oder von innen nach außen. Es kommt da auf den Inhalt an. Es kann ja passieren, dass, wenn man etwas von außen angeht, es einen im Inneren bewegt. Michael Tschechow spricht da vom „psychologischen Grundgestus“. Der sagt: Nimm eine Haltung an und die wird dann einen Spiegel nach innen machen und dir die innere Haltung geben. Und dann gibt es die Möglichkeit zu sagen: Erinnere ein Gefühl und es wird eine Haltung machen.

BB: Das bedeutet aber doch auch, dass man das Gefühl kennen muss, oder? Denn ich kann ja nichts erinnern, wenn ich es nie gefühlt habe.

Espeloer: Naja, bei bestimmten Dingen ist der Erfahrungsschatz natürlich nicht vorhanden. Keiner ist schon einmal gestorben oder ist ein Mörder. Der Versuch ist, eine Analogie zu finden. Wenn ich mit Schauspielern arbeite, versuche ich immer mal wieder saloppe oder auch idiotische Anweisungen zu geben. Zum Beispiel, wenn jemand aufgeregt ist. Dann sage ich: Versuch mal, dass die Figur mal dringend pinkeln müsste. Die hat jetzt wirklich anderes zu tun. Oder eine Liebeserklärung. Versuch dir vorzustellen, wie die Figur sprechen würde, wenn sie die Geliebte anhimmelt.

BB: In diesen Situationen bist du ja Regisseur. Was aber, wenn du selber Schauspieler bist. Brauchst du dann auch so eine Art Ritual, um in die Rolle zu kommen?

Espeloer: Nun ja, das kommt drauf an. Im Theater hat man natürlich Zeit, alles auszuprobieren. Dann spricht man vielleicht mal alles monoton und schaut, wie die Leute darauf reagieren. Oder man spricht sich mit der Regie ab. Ich habe meistens davor ein Bild von der Figur im Kopf, das ich umzusetzen versuche. Aber die Zeit hast du beim Film nicht. Da kannst du nicht sagen: Wartet mal 10 Minuten, ich will mich in die Rolle reinfinden. Da musst du funktionieren und liefern.

BB: Das hört sich aber an, als hättest du eine eher ambivalente Haltung zum Film.

Espeloer: Ach, nein. So kann man das nicht sagen. Aber es ist einfach etwas anderes. Es gibt nicht so viel Freiraum zum Experimentieren. Wenn mir dann mal langweilig ist, probiere ich mal, alles mit nur einem Auge zu spielen und schaue mal, wann es jemand bemerkt. Das ist schon lustig.

Da in der Schule ja immer irgendetwas ist, rief mich zu diesem Zeitpunkt eine Kollegin an, die etwas absprechen wollte. Das Aufnahmegerät machte die Mucken und hörte auf, mir zu dienen. Da ich Herrn Espeloer, der an diesem Tage zwei Kurse angeboten hatte, nicht noch mehr zumuten wollte, bedankte ich mich nach einem kleinen Foto mit Ziegen. Wir waren uns einig, dass die Ziegen wichtig waren. Wenn ihr ein Hörspiel mit einer sehr beruhigenden, sonoren Stimme hören wollt, kann ich die des Schauspielers nur wärmstens Empfehlen.

 

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