Es gibt keinen richtigen Beruf im falschen

Teil 1. Die Therapie

Therapiezentrum „Burn out – light on“ in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Nachmittags. 

Therapeutin: Ich darf Sie herein bitten. Möchten Sie einen Tee?

Frau A. aus B.: Ich würde es bevorzugen, wenn es direkt losgeht?

Therapeutin: Na gut. Was führt Sie zu mir?

Frau A. aus B.: Das müssen Sie mir schon sagen.

Therapeutin: Nun, Frau A. Zunächst einmal ist es natürlich Ihr Chef, der Sie empfohlen hat.

Frau A. aus B.: Was heiß hier mich empfohlen. Der hat mir doch direkt die Pistole auf die Brust gesetzt.

Therapeutin: Wurden sie belästigt?

Frau A. aus B.: Also ich bitte Sie. Im übertragenen Sinn. Er sagte, ich sei nicht konfliktfähig und würde die Kinder einschüchtern.

Therapeutin: Und, was denken Sie?

Frau A. aus B.: Ist das jetzt eine Fangfrage? Ich kann auch direkt wieder gehen.

Therapeutin: Nein, Frau B.!

Frau A. aus B.: Frau A, verdammt! Ist das denn so schwer?

Therapeutin: Beruhigen Sie sich. Also, Frau A. Es ist keine Fangfrage. Ich muss Sie ja zunächst mal kennenlernen, bevor ich Ihnen empfehlen kann, was Sie an sich ändern könnten.

Frau A. aus B.: Ach, ich muss mich ändern? Also bitte!

Therapeutin: Machen wir es anders. Wie sind sie darauf gekommen, Lehrerin zu werden.

Frau A. aus B.: Wie jeder andere auch. Mein Vater meinte, ich habe schon immer mit Kindern gekonnt. Schon als Kind! Die Fächer waren schnell da. Ich bin ja insgesamt sehr sportlich, übertreibe es aber auch nicht. Dann waren wir mal zusammen in Venezuela. Das hat mich tief berührt. Ich hatte schon immer eine Ader für andere Länder und andere Sitten. Mein Vater war da also gleich der erste, der gesagt hat. Warum nicht?

Therapeutin: Also war da mehr der Vater Gedanke des Wunsches?

Frau A. aus B.: Damit hat das gar nichts zu tun. Ich wusste schon immer, dass ich alles habe, was eine Lehrerin braucht. Ausdauer, Kraft, Leidenschaft, Urteilsvermögen und Bescheidenheit.

Therapeutin: Und was sagen die Kinder dazu?

Frau A. aus B.: Das ist ja das kleine Problem.

Therapeutin: Wieso kleines Problem?

Frau A. aus B.: Die sprechen nicht mehr mit mir.

Therapeutin: Die ganze Klasse?

Frau A. aus B.: Naja, eigentlich sind es mehrere, aber ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich bin nicht perfekt, aber ich mache alles richtig.

Therapeutin: Wie sieht denn so eine typische Stunde bei Ihnen aus?

Frau A. aus B.: Zuerst komme ich rein und die Kinder erheben sich und grüßen. Dann fängt der Unterricht an. Dann wird unterrichtet. Und irgendwann gehen wieder alle.

Therapeutin: Und wann setzen sich die Schüler?

Frau A. aus B.: Die setzen sich nicht. Ich befürworte zutiefst das Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Da gehört stehen schon einmal dazu.

Therapeutin: Verstehe. Wie ist denn generell das Verhältnis zur Klasse?

Frau A. aus B.: Das ist es ja. Vor dem Vorfall war alles ok. Meistens haben in den ersten Stunden nur die Mädchen geweint, und das ist ja normal in der Schule. Die sollen ja auch aufs Leben vorbereitet werden.

Therapeutin: Warum haben die geweint?

Frau A. aus B.: Wenn ich das wüsste. Ich habe geschrien, gedroht, sogar meine Hand erhoben, aber sie wollten nichts sagen.

Therapeutin: Sind solche Methoden überhaupt noch erlaubt?

Frau A. aus B.: Wollen Sie an meiner Erfahrung zweifeln?

Therapeutin: Ich dachte, es sei ihr erstes Jahr?

Frau A. aus B.: Nun denn. Auf jeden Fall ist das Weinen immer mehr geworden. Daraufhin wollte ich eine Stunde machen, in der wir da mal ungezwungen drüber sprechen können. Ich habe dann einen Vortrag gehalten und dann waren wieder einig Kinder laut.

Therapeutin: Was haben Sie getan?

Frau A. aus B.: Was man dann halt so tut. Ich habe Sie mir vorgenommen. Zum Thomas habe ich gesagt: Du müsstest doch eigentlich wissen, dass man auch mal leise ist, wenn ältere sprechen. Deine Eltern haben gesagt, dass du ihnen auch ganz schön auf den Sack gehst. Na, da hat der Thomas aber geweint.

Therapeutin: Glauben Sie, dass das auch an Ihnen lag?

Frau A. aus B.: Dass mir die Eltern so etwas sagen?

Therapeutin: Egal! Und wie ist es zur Eskalation gekommen?

Frau A. aus B.: Eben das verstehe ich auch nicht. Ich wollte präventiv für ein gutes Klima sorgen. Dann habe ich gedacht, warum nicht mit Mobbing anfangen. Ich habe dann direkt die Samira nach vorne geholt und erst einmal allen gesagt, dass sie sagen sollen, was sie an der Samira stört. Das haben wir dann aufgeschrieben und große Plakate gemacht. Danach habe ich Samira gefragt, wie sie sich fühlt, aber die hat natürlich keinen Ton herausgebracht. Dann meinte ich zu ihr, dass es ja kein Wunder ist, dass keiner sie leiden kann, wenn sie kaum spricht. Und habe dann so mal in die Runde geschaut und alle nach vorne geholt, bei denen das auch so ist. So ging das dann weiter und weiter, bis jeder einmal gemobbt wurde. Zum Abschluss habe ich ihnen dann gesagt, dass sie doch sicherlich nicht wollen, dass man sie so behandelt. Na, das haben alle verstanden.

Therapeutin: Sind Sie sich sicher?

Frau A. aus B.: Naja, zumindest hat dann keiner mehr was gesagt.

Therapeutin: Wie lange ist das jetzt her?

Frau A. aus B.: Drei Wochen.

 

Fortsetzung folgt…

 

 

 

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