Nahtoderfahrung

Schon den Gedanken zu fassen, stellt eine unüberbrückbare Hürde dar, eine riesige Mauer, an deren oberer Kante frisch geschliffener Stacheldraht im Mondschein blitzt.

Die Schweißperlen auf der Stirn laufen zu einem Rinnsal zusammen, der sich zwischen den Augenbrauen sammelt und in dicken Tropfen über die Nase quillt. Die Situation scheint so ausweglos, dass die ausgetrockneten Augenhöhlen anheben, Tränen zu ergießen, doch selbst dafür fehlt die Kraft.

Der Versuch, seine noch bewegliche Hand aus der misslichen Lage zu hieven, misslingt grandios. Das plötzliche Abrutschen des Handballens erzeugt kurzweilig Todesangst. Der zitternde Leib sehnt sich danach, dass es vorbei wäre, dass der letzte Schritt gegangen werden würde, dass sich doch ein starker Mittelpunkt fände, aus dem heraus die pure Gewalt herausschießen und den umschließenden Körper aus der unwürdigen Lage befreien könnte.

Die Luft entweicht in langsamen Stößen dem trockenen Mund. Sie bleibt an den spröden Lippen hängen und erzeugt einen zischenden Laut. Es klingt, als kämpfe ein Tier mit dem Leben.

Aber das hier ist ein Mensch. Zumindest war es ein Mensch. Die Lage hatte ihn dazu gebracht, seine Hoffnungen ad acta zu legen und sich mit der Situation anzufreunden. Die Augen fokussieren die Decke, die schwach von einem Lichtstrahl beleuchtet wird. Wo er herkommt, ist nicht mehr zu erkennen.

Doch plötzlich trifft ihn ein Hoffnungsschimmer. Klein, aber doch erkennbar, wie ein einzelner Stern in einer tiefschwarzen Nacht. Der Gedanke überspringt die Hürde, der schwere Körper erbebt und die Oberfläche erschüttert.

 

Dann steigt Bernd vom Sofa auf und geht ins Bett. Er hasst Montage.

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