Der Schrecken der Reise II

Reisen mit der Bahn ist körperliche und geistige Anstrengung. Während einem die spermaartigen Wassertropfen die Sicht auf die verregnete Landschaft versperren und der Nacken gegen die Augen kämpft, was dazu führt, dass man trotz massiver und übertriebener Müdigkeit nicht schlafen kann, sind es vor allem die Geräusche der Mitfahrenden, die eine alte Bekannte auf den Plan rufen: Die Wut.

Hinfahrt mit der Regionalbahn. Husten. Leider kein Abhusten. Abhusten ist gut, da es gründlich und schroff ist. Man kann sich daran gewöhnen und erinnert sich genüsslich an Zeiten, in denen man selber eine vorbei gehende Krankheit abhustete. Nicht so der stockende, zurückhaltende Husten, der immer wieder, in kurzen, voller Peinlichkeit schwelgenden Abständen passiert. Dieser sorgt dafür, dass man sich wie ein Schneekönig auf die 1. Klasse des nächsten Zugs freut.

Erste Klasse ist das Stichwort. Für den, der sie sich leisten kann, ist sie das Versprechen auf das, was allgemein als Komfort gepriesen wird. Also Beinfreiheit, die einem zwar bei schmerzendem Hintern nichts nützt, aber eine ungemein fruchtbare Prävention gegen den Thrombosetod darstellt. Kaffee, der in seiner Konsistenz eher Kamillentee ähnelt und entfernt an schwarzen Tee erinnert, den man zum dritten Mal aufgebrüht hat. Und natürlich die nett drein fragenden Servicemitarbeiter der deutschen Bahn, die einem alle intimen Wünsche von den Lippen ablesen.

In diesem Fall würde ein genaues Lesen meiner Lippen aber zu Mord führen. Denn über das penetrante, aber doch an die wundervolle Zukunft erinnernde Gezeter des dreijährigen Kindes hinter mit, das nur ab und an von dem zerstückelten und nach 3. Klasse klingenden Englisch des vermeintlichen Geschäftsmanns unterdrückt wird, bahnt sich ein weiterer Schrecken der Reise an.

Diesmal sind es nicht die 50-jährigen, sondern eine einzelne Schülerin, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, ihr Mobiltelefon auf Maximallautstärke zu stellen und diverse Knöpfe zu betätigen.

Ich bin mir mittlerweile sicher, dass sie willkürlich auf die Knöpfe drückt und gar nicht wirklich beabsichtigt, damit irgendeinen höheren Sinn zu verfolgen.

Natürlich muss ich nicht davon ausgehen, dass diese Schülerin, die geschätzte 15 Jahre alt ist, ein ausgeprägtes Modebewusstsein an den Tag legen sollte; ich gestehe ihr in meiner schon sehr ausgeprägten Abneigung noch eine Entwicklung zu. Trotzdem glaube ich, in der roten Hose und dem dazu in schrecklichem Kontrast stehendem neonfarbenen, pinken Pullover, ein Zeichen zu erkennen.

Dieses Zeichen ist gesendet von ihrer Mutter, die gefühlte zehn Mal anruft, um ein völlig sinnloses Gespräch zu führen. Es zeigt, dass die Erziehung wohl eher in dem Beharren auf die totale modische (sowie geistige) Überwachung angelegt ist. Warum das nervige Ding überhaupt verreist, bleibt wohl ein Rätsel.

Die Telefonate laufen meist in der gleichen Art.

Zunächst klingelt das Telefon.

Es klingelt.

Und klingelt.

Mir erscheint es so, dass die Panik, die das Neon-Balg an den Tag legt, als sie das Telefon sucht, nur gespielt ist. Denn eigentlich müsste sie nach dem dritten Mal wissen, wo im Rucksack der Sprechapparat abgelegt ist. Es sei denn, dass der Akt des Ablegens für diesen verwöhnten Schnuffel die erste unabhängige Leistung des Lebens war (siehe Kleidung).

Der Beginn des Telefonats ist dann immer gleich.

Zunächst ein Gespräch, dass sehr ausführlich darüber informiert, warum besagte Person nicht an das Telefon gehen konnte. Die Lautstärke der Stimme tendiert von schlimm bis nicht mehr auszuhalten, was wieder einmal ein erhellendes Licht auf die Mutter des Nervbolzens wirft. Ich halte es nicht mehr für ausgeschlossen, dass besagte Mutter eine von jenen Mitt-50ern war, die mich auf meiner damaligen Reise in den Wahnsinn trieben.

Dann kommt das, was der geübte Linguist Grund des Anrufes nennt.

Halten sie sich fest. Es ist bei den ersten drei Gesprächen – keiner.

Jedes Mal wird festgehalten: „Ich dachte, ich sollte nochmals anrufen.“ Oder aber: „Ich dachte, du hast dich zuerst gemeldet.“

Mittlerweile bin ich mir relativ sicher, dass das mit dem Denken auch nicht so das Ding der zweifellos musikalischen Göre ist, die es nun aber tatsächlich schafft, für ein paar Minuten ihre Hausaufgaben zum Thema „musikalische Bankrotterklärung durch abgefuckte Klingeltöne in der deutschen Bahn“ zu machen.

Dann klingelt das Telefon wieder.

Nach einer kurzen Begrüßung merkt sie allerdings, dass sie wieder einmal auf den falschen Knopf gedrückt hat. Ist ja auch schwer zu merken, dass mit den roten und grünen Handys, zumindest, wenn die Mama sonst immer das Telefon abnimmt.

Der erste Satz ist wieder einmal irgendwas mit denken. Dann sagt sie, dass das Handy schuld ist. Irgendwas klappt nicht. Dass es auch ihr Kopf sein könnte, darauf kommt sie nicht.

Immerhin entwickelt sich nun ein Gespräch über ihre Hausaufgaben. Besonders Aufgabe 6 ist sehr schwierig, sie muss sehr viel auswendig lernen. Ich bin mir sicher, dass sie es schaffen wird, allerdings bezweifle ich, dass ihr das für ihr weiteres Leben besonders viel bringen wird. Zumindest in Sachen Kommunikationsmedien und Modebewusstsein sehe ich schwarz.

Es ist ein ungemein erleichterndes Gefühl, dass das Kind nun wieder anfängt zu schreien, da ich für eine gewisse Zeit nicht mehr auf das Telefonat hören muss. Allerdings währt es nicht lange.

Der alte Herr einen Sitz weiter fängt vor lauter Nervosität an zu Husten und hört schier nicht mehr auf. Seine Nerven scheinen auch zum Reißen gespannt, aber er hat sich doch relativ gut unter Kontrolle. Außerdem ist es eher ein Abhusten, was mich sehr freut.

Ich erwäge, nach hinten zu gehen und dem kleinen Kind durch Grimassen zu einem Tobsuchtsanfall zu verhelfen, der mich von der neben mir befindlichen Göre des Schreckens befreit, aber sie schafft es tatsächlich, nicht mehr mit ihrer Mutter zu reden, bevor ich diese schöne Idee in die Tat umsetzen kann.

Ich verbleibe sehr hoffnungsvoll und widme mich wieder dem Wassersperma. Vielleicht sollte ich das nächste Mal mit einem Zug fahren, der keinesfalls jedwede Form von Störenfrieden beherbergt. Wie ich einen solchen Zug finden soll, bleibt mir aber vorerst ein Rätsel.

Immerhin haben die Göre und die Wut wieder zu einer schönen Fortsetzung beigetragen. Danke dafür.

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