Verlacht, bekämpft, als selbstverständlich angenommen

Zur Spiegel-Rezension der Sendung „Precht“ in der ARD

Wenn man einen schönen Artikel für den Spiegel schreiben will, dann braucht man als geistreicher Rezensent nicht viel: einen kritikwürdigen Gegenstand, der polemisch vorgetragen werden kann, ein Motiv, das die eigene Intelligenz beweist und natürlich ein paar harte Fragen, die vor allem darauf zielen, was der besprochene Gegenstand alles verpasst hat.

Wenn man die Rezension des Spiegels über die noch nicht einmal ausgestrahlte Sendung „Precht“ liest, hat man eigentlich alles. Das Motiv ist besonders schön, denn hier werden die Gala-Auftritte der beiden Protagonisten Precht und Hüther metaphorisch dafür verwendet, zu beweisen, dass die beiden eigentlich keine Ahnung haben, sondern einfach nur populär sind. Sozusagen die Guido Knopps der Philosophie und der Didaktik. Sehr viele Chancen seien außerdem verpasst worden, Chancen wofür, verrät der Rezensent nicht. Außerdem sind die beiden ja auch die ganze Zeit einer Meinung. Ach ja, und die Stimme aus dem Off, mit dem die Sendung beginnt, die war viel zu reißerisch. Da ging es ja auch nur um Kommerz.

Der Herr Rezensent ist dabei in guter Gesellschaft. Sich über Richard David Precht aufzuregen, ist zur Mode geworden. Man macht es, selbst wenn man nicht eines seiner Bücher gelesen hat, vielleicht dann, wenn man zumindest den Buchrücken im Regal hat, wie den lieben Hape Kerkeling. Philosophie und Religion ist belletristisch abgedeckt, dann kann man sich ja über die Schreiber aufregen. Die Argumentation ist einfach. Wenn jemand die Philosophie in einer solch simplen Form beschreibt, dann kann es nicht gut sein. Da schreit ja der hauptberufliche Kant-Kritiker zu Recht, wenn seine Ikone innerhalb von zwei Seiten erklärt wird. Aber was ist die Alternative?

Soll das sogenannte Präkeriat einfach gar nichts mehr mit der Philosophie zu tun haben? Oder mit Diskussionen um Bildung?

Hätte der Herr Rezensent die Diskussion tatsächlich verfolgt, dann hätte er selbst vielleicht ein bisschen mehr über den Inhalt schreiben können als über verpasste Chancen und Gala-Auftritte.

Die Noten-Geilheit der Eltern, die auf die Kinder übertragen werden und die eine überkommene Mentalität darstellt, der Unterschied zwischen Wissen und Bildung, das Ernstnehmen von Rahmenbedingungen und die individuellen Fähigkeiten der jungen Erwachsenen, die auch in der Wirtschaft immer mehr wert sind als ein paar Leitungsziffern – all das sind Themen, die angesprochen werden müssen und zwar am besten in der Prime-Time und nicht um halb zwölf. Vielleicht hat er sich währenddessen aber schon Gedanken über den Artikel gemacht.

Natürlich hat der Herr Rezensent auch recht: Bei Hüther und Precht geht es tatsächlich um Dinge, die eigentlich Gemeinplätze sein müssten. Um die Leidenschaft für die Dinge. Denn nichts ersetze eigenes Interesse. Aber was das Problem daran sein soll, das kann man sich nach einer Sendung, die alles angesprochen hat, was momentan im Bereich der Bildung wichtig ist, schon fragen. Vielleicht fehlt es dem Herrn ja selbst an Leidenschaft, obwohl vor allem die Konzeption des Artikels dafür spricht, dass er Spaß daran hatte.

Vielleicht wollte er aber auch einfach gerne mal selbst in die Gala kommen. So habe ich die stille Hoffnung, dass das wohl ausgesuchte Schopenhauer-Zitat über neue Ideen nicht nur bei neuen Reformen der Bildung, sondern auch bei der Sendung zum tragen kommt. Erst würden sie verlacht, dann bekämpft und schließlich als selbstverständlich angenommen. Bei der Rezension bin ich allerdings noch in der ersten Phase.

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