ANALYSE: Denunziere deinen nächsten wie dich selbst



 

Das Zeitalter des Internets ist vor allem für die Jammerer und Ankläger der menschlichen Zunft der wahre Himmel. Und da wir in Deutschland ja genug Dinge haben, über die es sich zu echauffieren lohnt, ist das Finden eines neuen Themas fast so schwer wie das einer Hausarbeit im 1.Semester. Die Nachbarn sind schon verunglimpft, die Ärzte auch (aber die schlagen ja mit eigenen Kommentaren zurück), die Politiker sowieso. Wen könnte man denn da noch kollektiv verteufeln? Auf einer Insel wie Freiburg wird sich da doch noch etwas finden. Mit dem Anklagen von Minderheiten haben wir es ja in Deutschland nicht mehr so leicht, man bräuchte also eine Zunft, die sich nicht wehren kann und über die jeder mindestens eine negative Geschichte parat hat. Klar, es liegt auf der Hand: die Taxifahrer.

Wer A denunziert muss auch B denunzieren.

Das Konzept ist simpel. Es wird ein Blog erstellt, den man dann mit einem lustigen Namen versieht (Horrordroschken) und in dem es nur darum geht, Horrorgeschichten über die bösen Teufel in den gelben Wägelchen zu veröffentlichen. Das liest sich dann so:

„Wer eine Horrorgeschichte teilen möchte, der sende bitte eine Email mit genauer Zeit- und Ortsangabe, dem Kennzeichen oder der Nummer des Wagens“.

Die Uhrzeit und der Ort der öffentlichen Steinigung wird dann auch noch bekannt gegeben. Man verzeihe mir diese Polemik. Aber der Blog ist schon lesenswert, denn der Schreiber denunziert sich ja in seiner eigenen Geschichte selbst. Er ist wütend, so wütend darüber, dass die böse, böse Dame in der zentrale nicht sofort ein Taxi zu ihm schicken kann, aber sie ist „immerhin ehrlich“. Das Taxi kommt dann natürlich 40 Minuten zu spät, ach, was sage ich, 3 Stunden und der Fahrer sagt dann auch noch: das könne er laufen. Tja, und dann steht man da um 2:34 und muss laufen. Das ist blöd. Ob man die Strecke tatsächlich laufen könnte, in welchem Ton mit dem Fahrer gesprochen wurde, dass ein Mensch, der die Nacht durcharbeiten muss und alle 10 Minuten irgendwelche besoffene Typen neben sich hat, die ihn vollquatschen, etwas Sensibilität verdient, davon steht dort nichts. Stattdessen werden alle Register der modernen Empirie gezogen:

„Das habe alleine ich in den letzten Monaten persönlich erlebt. Rein statistisch passieren solche Sachen also ständig.“

Ich denunziere, du denunzierst, wir denunzieren.

Ich bin in Freiburg auch schon mit dem Taxi gefahren, so in etwa 20 Mal. Davon waren 3 Mal wirklich nicht so toll. Ich werde nach Möglichkeit bald einen Blog darüber starten. Bei den anderen Malen erzählten mir die Taxifahrer von ihren Arbeitsbedingungen, den Kunden, den Malen, in denen sie beklaut wurden, die Existenzangst, die man nach Punkten in Flensburg hat, aber die man kaum vermeiden kann, wenn man als erster da sein will, das Ellenbogengeschäft, die Arbeitszeit und ein Lohn, mit dem man es sich nicht mehr leisten könnte, nach dem Dienst ein Taxi nach Hause zu nehmen. Aber alles das vergessen wir mal. Stattdessen habe ich mehrere Ideen für neue Blogs.

Ein Blog, in dem Lehrer namentlich denunziert werden, da ich mal einen hatte, der nicht gut war. Ein Blog, in dem Friseure denunziert werden und ihre Haare abgeschnitten bekommen, da ich schon einmal bei einem war, der mir eine miese Frisur gemacht hat. Einen Blog, in dem wir alle Bäcker verunglimpfen, denn mein Brötchen war nicht gleichförmig.

Und ganz am Ende mache ich dann noch einen Blog über sinnlose Blogs, weil ich keine Lust habe, immer gegen irgendwas anzuschreiben.

Denunzieren oder nicht denunzieren, das ist hier die Frage.

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10 Kommentare zu ANALYSE: Denunziere deinen nächsten wie dich selbst

  1. Ralph sagt:

    Hab 2 Begegnungen gehabt, wo einmal eine Fahrradfahrerin 3! mal bei Rot über die Ampel ist, und mir einmal ein Pizzabote quer mit dem Moffa kam. Das ganze auch aufgenommen per 4s!
    Wo und wie soll ich das posten?

  2. Nok sagt:

    Sehr gut, wirklich.

  3. Taxler sagt:

    Sehr geehrter Bob Blume,

    ein Taxifahrer der unfreundliche oder besoffene Fahrgäste nicht aushält ist im falschen Beruf.
    Und wenn er anhält muß er den Fahrgast fahren. Ob es ihm passt oder nicht. Thats the law.
    Basta!

    • Bob Blume sagt:

      Mit Basta-Politik erreichst du leider kein Kommentar nach dem Motto: “Oh, ich habe mich geirrt, verzeihung.” Aber ich verstehe, ich verstehe. Und ein Lehrer muss Schüler mit Messern aushalten – ist sein Beruf. Eindimensionale aber plausible Argumentation…

      • Taxler sagt:

        Was Lehrer aushalten müssen oder nicht ist ein anderes Thema. Hier gehts ums Taxi.
        Unfreundliche Fahrgäste gehören zum Job, kannst nix machen, zu jeder Zeit. Manch einer hat halt schlecht geschlafen oder sonstwas. Muß man aushalten.
        Besoffen sind nachts so gut wie alle Fahrgäste. Wer nichts trinken will fährt mit dem Auto. Und wenn ich keine Besoffenen will oder die mir zu anstrengend sind darf ich nachts nicht fahren. Von den Leuten lebt der Fahrer.

        Und das Basta war einfach darauf gemünzt, daß es an der gesetzlich vorgeschriebenen Beförderungspflicht nichts zu deuten gibt. Auch wenn die Kollegen gern mit irgendwelchen Spitzfindigkeiten kommen: Es gibt genau 2 Ausnahmen: Ekelerregende oder ansteckende Krankheiten oder wenn eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit besteht. Das wird von den Gerichten aber auch sehr eng gefasst.
        Sonst muß der Fahrer fahren. Und wenn es nur 10 Meter sind. Dafür gibts die Grundgebühr. Abgesehen davon war der gute Mann in Freiburg einfach strunzdumm. So kurze Fahrten durch nen Einsteiger sind die lukrativsten( siehe oben, Grundgebühr). In ner Silvesternacht machst du allein an Grundgebühr deutlich über 100 Euro.

        Und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

  4. Frau Falke sagt:

    Ich versuche mir gerade vorzustellen, was bei uns los wäre, wenn es einen solchen Blog zum Denunzieren von Lehrkräften wirklich gäbe. Sehr gruselig.

    • Bob Blume sagt:

      Da kann ich dir nur zustimmen, obwohl es so etwas in der Art ja schon gibt/gab mit den Bewertungsportalen. Nur, dass man dort nichts kommentieren kann. Sehr schöner Blog übrigens, ich werde beizeiten weiter dort stöbern…

  5. Bob Blume sagt:

    Dass dein Blog gegen geltendes Recht verstößt, habe ich nicht gesagt. Alleine schon die Tatsache, dass du die Taxifahrer allesamt über einen Kamm scherst, indem du erstens die armen Socken, die diesen Job machen und das Monopol derer, die dafür kassieren und zweitens dann auch noch alle Taxifahrer über einen Kamm scherst, ist für mich schlichtweg zu einseitig. Und wenn meine Brötchen so ungenießbar wären, dann würde ich mit dem Bäcker sprechen. Kommunikation untereinander und nicht gegeneinander wirkt manchmal Wunder.

    Schön, dass du die Kritik annimmst, aber ich glaube, dass die beiden Interessen hier schwer zu versöhnen sind. Freundliche Grüße.

  6. Danke für die Kritik!

    Namentlich wird bei horrordroschken.com prinzipiell niemand genannt. Die Daten erlauben der Taxizentrale bzw. dem Taxiunternehmer – und sonst niemandem – Rückschlüsse auf den konkreten Fahrer. Dessen Version der Geschichte ich natürlich auch gerne veröffentliche.

    Danke für diese Anmerkung: „Ich bin in Freiburg auch schon mit dem Taxi gefahren, so in etwa 20 Mal. Davon waren 3 Mal wirklich nicht so toll.“ Ich unterstelle mal, dass „nicht so toll“ schon ärgerlicher ist, als „ungleichförmige“ Brötchen. Der einzige Grund für das Blog ist: Wenn Deine Brötchen in mehr als 10% der Fälle ungenießbar sind, dann gehst Du einfach zu einer anderen Bäckerei. Diese Möglichkeit gibt es bei Taxen in Freiburg nicht – wegen des Oligopols und dem Mangel an Lizenzen. Das Diskotaxi ist leider die einzige Konkurrenz auf weiter Flur.

    Lustig die Idee, Freiburger Taxifahrer könnten „sich nicht wehren“. Sie wehren sich täglich. Gegen Fahrgäste mit Hund (nur bei kurzen Strecken), gegen (behinderte?) Fahrgäste mit kurzen Strecken, gegen MyTaxi, das ihre Leistung transparent machen würde. Sie haben auch einen Blog: http://taxi-freiburg.blogspot.de/
    Und: Würde mein Blog gegen geltendes Recht verstoßen – so wie es Freiburger Taxifahrer täglich tun, Stichwort Beförderungspflicht – dann könnten sie mir selbstverständlich die Scheiße aus dem Leib klagen.

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