Ein Reh, ein Baum, ein Mensch, ein Menschenfeind

Wir befinden uns auf einer hellen Lichtung im Wald. Das Gras ist saftig grün und ohne Spuren menschlicher Präsenz. Ein leichter Wind streicht durch die Baumkronen. Kleine Äste knacken – und da! Ein Reh scheint diesen lieblichen Ort entdeckt zu haben. Und noch eines. Eine ganze Familie von Rehen erscheint in der Lichtung. Sie sind neugierig, aber auch ungeheuer achtsam. Sie achten auf jedes Geräusch, jede Bewegung der sie umgebenden Natur. Sie gehen zusammen wie eine Welle, orientieren sich mal zum einen, mal zum anderen Mitglied der Gruppe. Und da! Welch ein Geräusch! Ein Knall. Die Körper sacken erschreckt nach unten, sie sprengen zurück in den Wald, kauern sich zusammen, nur, um dann wieder zurück zu dem sonnigen, saftigen Ort zu kommen.

Die Rehe sind wir. Die Lichtung ist ein Zimmer mit Holzboden. Die Geräusche sind unsere Lehrerkollegen. Wir sind auf der theaterpädagogischen Fortbildung und üben, wie man sich in andere Körper hineinversetzen kann. In Rehe, warum nicht?

Wir waren Rehe.

An jedem der vier intensiven Tage, die auch deshalb so intensiv sind, weil jedes vollkommene Spielen eine oder mehrere Emotionen bedeutet, die auch real erlebt nicht eindringlicher sein könnten, erleben wir vor allem eines: uns. Zwar haben wir alle in unserem antrainierten Strebertum von Junglehrern natürlich den uns ausgehändigten Text gelesen, aber dieser bleibt zunächst unbesprochen. Was zählt ist der Körper, die Bewegung, der Blick.

Wir stehen. (Dies ist sehr zu empfehlen: nehmen sie sich Zeit, etwa fünf Minuten, stellen sie sich in ihr Zimmer und, nun ja, stehen sie). Die Kursleiterin gibt uns Tropfen von Phantasie. Wir schlagen Wurzeln aus den Füßen. (Was ist denn hier los, denkt man noch). Erst kleine, dann immer größer werdende, die sich tief in die Erde graben. Langsam hört man auf, rational zu denken. Man steht tatsächlich fester. Eigentlich habe ich noch nie so feste gestanden.

Wir atmen. Wir atmen laut aus, so laut, dass, täte man dies nicht in dem geschützten Raum die Menschen um einen relativ schnell einen Arzt für mentale Defizite konsultieren würde. Aber das schöne ist: man ist bei sich. Es interessiert nicht. Egal, wie es sich anhört, wie ich mich anhöre, wie die anderen sie anhören. Wir atmen.

Neben Rehen waren wir Bäume.

Wir stehen in Zweiergruppen uns gegenüber. Einen Impuls geben sollen wir. Diesem dann folgen. Wir schauen uns an. Die Intensität des gegenseitigen Anschauens ist neu, komisch, fast unerträglich. Ein Arm wird gehoben, ein Finger, der langsam Richtung Schulter stößt. Die Schulter des anderen. Der lässt es zu, die Schulter bewegt sich leicht nach hinten, der Blick bleibt fest, der Körper in Bewegung bis der nächste Impuls kommt. Wir sprechen miteinander. Ohne zu sprechen.

Neben Rehen und Bäumen werden wir zu Menschen.

Dann der Höhepunkt. Die Bühnenschau. Der Text: Der Menschenfeind.

Kein Pomp, kein Glanz, kein Vorhang und kein Licht. Kein überzogenes Schreien, natürlich keine Nacktheit. Kein Flanieren oder genau eingeübtes Gehen.

Blicke. Sätze. Ganz genau. Punkt genau. Gesichtsausdruck vom Reh: die Angst, verloren zu sein. Der Baum: stehend, und sagend, was nun Sache ist. Verwurzelt.

Solch intensive Aufführungen nach nur vier Tagen und man denkt sich: wie haben wir das geschafft, wir Laien?

Und dann gehen wir wieder nach Hause. Vielleicht nicht mehr als Reh, nicht als Baum und hoffentlich auch nicht als Menschenfeinde. Als Menschen?

Vielleicht am Ende ein kleines, ein klitzekleines bisschen mehr.

Dieser Beitrag wurde unter B-Lichtet veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.