ANALYSE: Fetter Style nach Kant oder individuelle Stilkunde

Als ich den Text von Marc Hofmann „Die Jugend von heute zieht sich scheiße an“ zum ersten Mal las, ist mir beinahe vor Schreck die Hose herunter gerutscht. Nein, ist sie nicht. Ich trage ja einen Gürtel. Aber als 30er ist das ja Pflicht, wobei ich noch nicht in der „Ich stecke mir mein Hemd in die Hose“-Phase bin, damit ich mich von den jungen Wilden abheben kann (ja, Marc, dich meine ich auch;). Zumindest bin ich aus der Phase heraus, in der Mann Hosen trägt, in denen auch das große Geschäft im Gehen nicht auffallen würde. Geschäft wohlgemerkt. Die zehn Jahre Unterschied lassen meinen Stil noch nicht so explizit sein. Zumindest den sprachlichen.

Aber zum ernsten Teil des Geschäfts. Es ist ja immer einfacher, die Konsequenzen zu bewerten als die Ursachen. Und so erfasst Marc der wohlige Brechreiz des in der Mitte des Lebens stehenden, von Coolness nur so blitzenden und zu allem Überfluss jung gebliebenen Lehrers, der mit brennenden Augen durch die Stadt eilt und Zuhause in seine noch angemessene Lederjacke schwitzend über den Stil philosophiert. Dabei sind es vor allem die Fragen, die hier interessieren. Um sie zu beantworten, brauchen wir einen der wichtigsten Theoretiker der Mode. Es ist klar, die Rede ist von Kant. Erinnern wir uns an seinen die Modewelt prägenden Satz:

FETTER STYLE ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines FETTEN STYLES ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des STYLES, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines EIGENEN STYLES zu bedienen! ist also der Wahlspruch der passenden Mode.

Da wir in der modischen Philosophie ja immer bestimmte Dinge als wahr annehmen müssen, ist dies meine über Allem stehende Wahrheit. Nun aber zu den Fragen des Stilkunde-Forschers und hoffentlich bald ersten Lehrers dieses Fachs Marc Hofmann:

„Wie aber ist es zu erklären, dass auf den Schulhöfen und den Innenstadtelendsvierteln der Republik die Zahl der modischen Amokläufer jüngst wieder so exorbitant zugenommen hat?“

Schon Kant hat erkannt, dass der fette Style erst dann die Gesellschaft durchdringt, wenn die Vorbilder nicht die den Style zerbrechenden Adeligen sind. Aber wer sind unsere Adeligen? Die Prostitutionsfürsten der rappenden Kunst zeigen doch den Jugendlichen das, worauf auf es heute ankommen soll. Geld und Frauen.

Haben statt sein.

Wie kann ich darauf als kleines Mädchen (1,60) reagieren? Ich habe doch gar nicht die Möglichkeit, den fetten Style zu finden. Und Kant ist tot.

„Ich sehe leggingbekleidete Mädchen, denen man zurufen möchte, wieso eine Legging?“

Wenn es den Jungen um Geld und Macht geht, Macht über die billig tanzenden auf ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale reduzierten in der englischen Sprache als Hündinnen bezeichneten visuell nach horizontalem Gewerbe ausschauenden Objekten der männlichen Phantasie, dann ist die Konsequenz dessen klar. Am besten kann sie am Beispiel des Vereinigten Königreichs verdeutlicht werden, wo junge Frauen auch bei Temperaturen, bei denen jede russische Babuschka schon längst mit dem Hintern im Feuer sitzen würde, eine Bekleidung wählen, mit der deutsche Frauen – zumindest noch vor einiger Zeit – noch nicht mal ins Schwimmbad gegangen wären.

Die Entwicklung vollzog sich schnell. Waren die sogenannten Mini-Röcke vor etwa 5 Jahren noch etwa so breit wie ein Gürtel, staunten meine Frau und ich nicht schlecht, als wir ansehen mussten, dass nun GAR kein Rock, sondern nur noch ein Stückchen Stoff in enger Hosenform die untere Körperhälfte bedeckte, und zwar so eng, dass einem selbst mit hundert Metern Entfernung die aufkommende Orangenhaut in die Augen stach. Warum?

Haben statt sein.

Wir sind zurück in der Zeit Kants, in der Frauen nur ein Einziges Kapital hatten: ihren unberührten Körper. Die Unberührtheit starb im Zuge der Emanzipation. Natürlich für Mann und Frau: Gott sei Dank. Aber der Körper ist in einer „Ich klicke meinen Traummann an“-Welt wieder im Mittelpunkt. Und wenn er klein und rund ist? Nun: dann halt so. Und mit Leggins. Denn sonst müsste ihnen jemand von Kant erklären. Und H&M ist einfach einfacher zu verstehen. Zeig’ dich, zeig’, was du hast, damit dich die Rapper in ihr Video holen oder sonst wohin.

Haben statt sein. Das bedeutet noch mehr. Das heißt: Du kannst mich haben, damit wir beide sind. Zumindest, bis das nächste Stylingopfer auf meine nackte Haut hereingefallen ist. Am Ende dieser Kette haben wir alle gar nichts mehr an. Dann sind wir in der Urzeit.

Da sind wir zum Teil ja eigentlich jetzt schon, da muss ich dem Herrn Kritiker Recht geben. Was aber schlimmer ist als all die Dreiviertelhosen und die Karohemden, die an den Wänsten der Geschmacklosen aussehen wie Werbeträger für riesige Gesellschaftsspiele, sind die laufenden Litfaßsäulen.

Sie laufen mit dem ewig gleichen Hemd der Marken herum und fühlen sich dabei extrem modisch, weil sie sich für die glitzernden Buchstaben der Hemden entschieden haben, deren Aussage lustiger Weise nur noch für sich selbst steht, weil das Hemd die hundert Euro Grenze gesprengt hat.

Haben statt sein.

Na gut, könnte man sagen, wenigstens haben keine Kinder daran mitgearbeitet. Da wäre ich mir aber nicht so sicher. Also laufen die Jungen und Alten herum als lebende Werbung für etwas, was nichts bedeutet, außer sich selbst. Und dann wiederholen wir alle mal: Viel! Viel! Viel! Ich bewerbe mein Haben und die anderen sollen mich dafür bewundern.

Aber was sollen wir machen? Könne wir Kant eigentlich ernst nehmen? Oder einen Text, der von fettem Style statt von Aufklärung spricht? Vielleicht sollten wir mit letzterem anfangen. Denn: wenn ich weiß, wer ich bin, kann ich auch mit Latzhose rumrennen und dabei unglaublich stylisch wirken. Und wehe einer sagt dann, ich sei ein Hippster. Das bin ich nicht. Ich mache meine individuelle Stilkunde. Denn: ich bin doch so unglaublich anders als die anderen und nur in einem gleich: in diesem unerfüllbaren Wunsch anders zu sein, der Träger aller modischen Todsünden unserer Gesellschaft ist.

Dieser Beitrag wurde unter B-Logbuch, Bildung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu ANALYSE: Fetter Style nach Kant oder individuelle Stilkunde

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.